Der Brexit-Entscheid der Briten vom 23. Juni hallt in der Finanzwelt nach. Die Finanzmetropole London – die City – steht massiv unter Druck. Vertreter des grössten europäischen Bankenplatzes hatten sich bis zuletzt gegen den Austritt aus der EU gewehrt. Vergeblich. Von einem Brexit – so er denn wirklich kommt – wären auch die Schweizer Grossbanken betroffen: Sie beschäftigen in London Tausende hochqualifizierte Mitarbeiter. Ein grosser Teil des Investment Bankings, aber auch der Fonds-Verwaltung – dem Asset Management – läuft über die City.

Einer der Standortvorteile Londons ist, neben seinem Zugang zu spezialisierten Fachkräften, auch der sogenannte europäische Finanzpass. Bislang sorgt dieser dafür, dass von London aus reibungslos Geldgeschäfte in der ganzen EU abgewickelt werden können, ohne dass die Finanzinstitute eine grosse Infrastruktur in der EU aufbauen mussten. Das alles fällt im Fall eines tatsächlichen EU-Austritts Grossbritanniens womöglich ganz weg. Kommt hinzu: 20 Prozent der Mitarbeiter in der Londoner City sind EU-Ausländer. Ohne Arbeitserlaubnis und ohne bilaterale Verträge müssten diese ihren Platz räumen.

UBS soll entschieden haben

Ein gefundenes Fressen für die Konkurrenten. Erste Entscheide sind offenbar auch schon gefallen. Letzten Samstag berichtete die «Neue Zürcher Zeitung», dass die UBS ihre Wealth-Management-Aktivitäten — das Geschäft mit den vermögenden Kunden — in Frankfurt bündeln möchte. Neben Frankfurt seien zuvor auch Luxemburg und London als Kandidaten für den Standort gehandelt worden. Doch nach dem Votum der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) sei London vom Tisch.

Kommt hinzu, dass im September der ehemalige Chef der deutschen Commerzbank, Martin Blessing, in die UBS-Konzernleitung einsteigt. Er übernimmt zunächst von Lukas Gähwiler das Geschäft im Schweizer Heimatmarkt. Einem Medienbericht zufolge soll Blessing jedoch später auch Chef der Europa-Holding mit wahrscheinlichem Sitz in Frankfurt werden.

Deutsche Bank droht

Der Deutsche-Bank-Chef John Cryan, zuvor Finanzchef bei der UBS, hatte schon vor dem Referendum angekündigt, unter anderen den Handel mit Staatsanleihen aus der Londoner «City» abzuziehen. «Sollte es tatsächlich zu einem Austritt meines Heimatlandes aus der EU kommen, dann wird das London schwächen und Frankfurt stärken», sagte der geborene Brite im Interview mit dem «Spiegel».

Die Credit Suisse war beim Brexit-Entscheid sehr schnell zur Stelle, um ihren Londoner Angestellten zu versichern, dass sich mit den Arbeitsplätzen kurzfristig nichts ändere. Veränderungen sind sowieso schon im Gange: So transferierte die CS ihr Hedgefonds-Geschäft bereits vor sechs Monaten von London in die irische Metropole Dublin und zwar aus Kostenüberlegungen und nicht etwa wegen der Gefahr eines Brexit.

Darüber hinaus soll sie auch Tausende von Stellen laufend ins polnische Breslau verlagern, wie unter anderem das Finanzportal Finews berichtet. Auch Investmentbanken wie HSBC oder Morgan Stanley haben angekündigt, Arbeitsplätze entweder nach Dublin oder ganz auf das Festland zu verpflanzen.

Paris wirbt in grossen Lettern

«Willkommen in der Region Paris», stand schon am Tag nach der Abstimmung in Anzeigen der lachsfarbenen Finanzzeitung, der «Financial Times». Die Werbung zeigt: In der EU, die künftig ohne Grossbritannien nur noch 27 Mitgliedsländer haben wird, hat der Wettbewerb um die Nachfolge von London als internationalem Finanzplatz begonnen. Vier Städte werden genannt, die London beerben könnten: Amsterdam, Frankfurt am Main, Luxemburg und Dublin.

Auch Paris hat Ambitionen, doch der französische wirtschaftliche Protektionismus ist nicht besonders attraktiv. Laut der «New York Times›› haben Amsterdam und Frankfurt die besten Karten. Luxemburg und Dublin seien zu klein, heisst es. Frankfurt habe zudem den Vorteil, dass dort bereits das grösste Finanzzentrum auf dem Kontinent besteht und dass auch die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt ihren Hauptsitz hat.

Frankfurt liegt vorne

Der Finanzplatz Frankfurt dürfte der grosse Nutzniesser eines Austritts Grossbritanniens aus der EU sein. Aber auch die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes Schweiz wird erhöht. Dies meinen 46 Prozent von 241 befragten Schweizer Finanzprofis gemäss einer Umfrage der Schweizer Standesorganisation CFA Switzerland.

Nur 7 Prozent glauben, dass ein Brexit die Stellung des Schweizer Finanzplatzes verschlechtert. Die Umfrage wurde gestern bekannt. Ausserdem denken 51 Prozent der Umfrageteilnehmer, dass Schweizer Firmen mit starker Position in Grossbritannien ihre Präsenz reduzieren werden.

Amsterdam rollt Teppich aus

Amsterdam hat aber laut Experten auch gute Karten, um London zu beerben. Der niederländische Finanzminister und Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselbloem, kündigte am Wochenende an, dass die Niederlande nach dem Brexit-Votum der Briten nun erwägen, Amsterdam als die neue Finanzmetropole der EU zu promoten und zu positionieren. So will Holland beispielsweise die Begrenzung auf die Boni für Banker abschaffen, sodass die derzeit in London ansässigen Banken und deren Mitarbeiter nach Amsterdam umziehen können, ohne dass sie ihr üppiges Salär verlieren oder dass es extra besteuert wird in den Niederlanden. Das ist ein Lockangebot.

«London wird nach dem Brexit erhebliche Nachteile haben. Die britische Hauptstadt hat dann keinen EU-Pass mehr. Das heisst, Geldgeschäfte wie Hypotheken, Spargeld, Anleihen, Aktienemissionen, Derivate, Vermögensverwaltung, Fusionen von Unternehmen können dann nur noch von den dort ansässigen Banken und nur im Vereinigten Königreich ausgeführt werden, aber nicht mehr in der EU. Der EU-Finanzmarkt ist für die Briten nach dem Brexit zu», sagt Jurgen van der Meer von der britischen Clifford Chance. Er ist Berater zahlreicher britischer Firmen. Er will sie nun nach Amsterdam holen. «Wir erhielten bereits zahlreiche Anfragen von amerikanischen und asiatischen Unternehmen, die sich in Amsterdam niederlassen wollen», gab auch der Amsterdamer Bürgermeister Eberhard van der Laan bekannt. Vor allem chinesische Unternehmen wollten London verlassen. Auch die niederländische ING Bank kündigte an, London verlassen zu wollen und künftig von Amsterdam aus ihre internationalen Finanzgeschäfte zu tätigen.

Zürich bleibt aussen vor

Die Konkurrenz will die Gunst der Stunde nutzen: Die Standortinitiative Frankfurt Main Finance hat laut dem deutschen «Manager Magazin» pünktlich zum Brexit-Referendum eine Internetseite freigeschaltet, die hochqualifizierte Arbeitskräfte auf Englisch in Frankfurt willkommen heisst.

Die Bankenaufsichtsbehörde, die European Banking Authority (EBA), könne nach dem Brexit der Briten nun nicht mehr in London bleiben. Sie müsse in ein EU-Land, besser noch ein Euro-Land, kommen. Amsterdam oder Frankfurt seien für die EBA die besten Standorte. Auch das deutsche Bundesland Bayern will die EBA nach München holen. Das habe der bayerische Landesfinanzminister Markus Söder in einem Brief an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vorgeschlagen, berichtete die «Süddeutsche Zeitung». Die Schweiz als Nicht-EU-Mitglied steht vorerst noch hinten an. Zumindest bis sie mit der EU noch kein Dienstleistungsabkommen geschlossen hat, das einen privilegierten Zugang zum Binnenmarkt ermöglichen würde.