Es sind harte Zeiten für Stahlhersteller. Die von den USA Anfang Jahr erhobenen Strafzölle sorgen für grosse Verunsicherung. Mit den Massnahmen wollen sich die USA vor allem vor Billigstahl aus China schützen, doch der Handelsstreit trifft auch die Schweizer Stahlindustrie. Grund dafür sind nicht die US-Zölle, sondern die Gegenmassnahmen der EU. Diese befürchtet nämlich, dass Billigstahl aus Ländern wie China nach Europa umgeleitet wird, weil die USA ihren Markt abschotten. Darum hat die EU ihrerseits vorläufige Schutzzölle auf Stahl aus Drittstaaten wie China oder Indien erlassen.

Das Problem ist: Auch die Schweiz gilt für die EU als Drittstaat. Damit Schweizer Stahl, der in die EU exportiert wird, mit einem Zoll von 25 Prozent belastet wird, sobald ein gewisses Kontingent erreicht wird. Wann die Schweiz die EU-Quote erreicht, ist unklar. «Wir haben Hinweise, dass auf gewissen Zollpositionen das Kontingent schon bald ausgeschöpft sein könnte und darum Zölle drohen», sagt ein Sprecher des Branchenverbands Swissmem. Davon betroffen sind nicht nur die beiden Stahlkocher Swiss Steel in Emmenbrücke und Stahl Gerlafingen, sondern auch Verarbeiter. 95 Prozent aller Stahlexporte gelangen nach Europa. Swissmem schätzt, dass die EU-Massnahmen ein jährliches Volumen von einer Milliarde Franken treffen.

Seit Monaten laufen Gespräche auf höchster politischer Ebene, um eine Lösung für die Schweiz zu finden. Bundesrat Johann Schneider-Ammann hat mehrmals mit EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström darüber gesprochen. «Die EU ist sich bewusst, dass die Schweizer Stahlindustrie nicht Teil des Problems ist», sagt ein Branchenkenner. Trotzdem haben die Gespräche bislang nichts gebracht. «Die Schweiz fordert von der EU-Kommission entweder eine Ausnahme von den Schutzmassnahmen oder eine Umsetzung, welche den bilateralen Handel nicht beschränkt», teilte das Staatssekretariat für Wirtschaft nach einem Treffen Ende September in Brüssel mit. Die nächste Verhandlungsrunde steht kommende Woche auf der Agenda. Viel Zeit bleibt nicht. Denn Ende Januar laufen die provisorischen Massnahmen der EU aus. Bis Ende Jahr will die Union entscheiden, ob die Massnahmen danach weitergeführt werden.

Aluindustrie indirekt betroffen

Die Gegenmassnahmen der EU gelten nur für Stahl, nicht aber für Aluminium. Eine Sprecherin der Alu Menziken in Reinach AG bestätigt, dass man von den aktuellen EU-Gegenmassnahmen nicht betroffen sei. Allgemein habe man jedoch seit geraumer Zeit mit sonstigen Handelshemmnissen bei der Ausfuhr aus der Schweiz in die EU zu kämpfen. Gemeint ist damit administrativer Aufwand, also etwa das Einholen von neuerdings erforderlichen Lizenzen. Alu Menziken musste gar zusätzliche Mitarbeiter beschäftigen, die sich um die neuen Zollvorschriften kümmern.

Im Handel mit den USA ist die hiesige Aluminiumindustrie indes direkt von Zöllen betroffen. Die USA belasten Schweizer Aluminiumimporte seit Mitte März mit einem Zoll von 10 Prozent. Mittel- bis langfristig sieht Alu-Menziken-Chef Ingolf Planer das Geschäft in Übersee gefährdet, wie er kürzlich der «Handelszeitung» sagte. Die US-Zölle könnten Alu Menziken bis zu 7 Prozent des Umsatzes kosten.