Stromnetz

Bringen die Pensionskassen die Energiewende?

Die Energiewende fördert zutage, was schon länger schwelt: Die Energieinfrastruktur in der Schweiz muss modernisiert werden.

Die Energiewende fördert zutage, was schon länger schwelt: Die Energieinfrastruktur in der Schweiz muss modernisiert werden.

Pensionskassen wissen heute kaum wohin mit ihrem vielen Geld. Die Lösung könnte Energiewende heissen. Seit rund zwei Jahren können in der Schweiz domizilierte Pensionskassen und Versicherungen in die heimische Energieinfrastruktur investieren.

Die Energiewende fördert zutage, was schon länger schwelt: Die Energieinfrastruktur in der Schweiz muss modernisiert werden. Gegen veraltete Netze und Kraftwerke wurde lange nicht genug unternommen, notwendige Investitionen auf unbestimmte Zeit verschoben. Jetzt wird die Rechnung fällig. Und die hat es in sich: Experten schätzen sie auf 50 bis 200 Milliarden Franken. Die Energieunternehmen, die bisher für die Instandhaltung verantwortlich waren, können die anfallenden Massnahmen nicht mehr alleine stemmen. Der Bedarf an frischem Geld von aussen ist gross.

Parallel dazu ist ein zweites Phänomen zu beobachten – eines, an dem Nationalbank-Präsident Thomas Jordan nicht ganz unschuldig ist. Die Einführung von Negativzinsen im Januar hat besonders diejenigen vor Probleme gestellt, die ihr Geld langfristig, sicher und mit einer anständigen Rendite anlegen wollen. Einige Pensionskassen und Lebensversicherer wissen derzeit gar nicht, wohin mit ihrem Geld.

Der Weg für Investitionen ist frei

Die Einen haben das Geld, das die Anderen brauchen – was liegt da näher, als beide Seiten zusammenzubringen? Das hat auch die Bundespolitik erkannt und vor rund zwei Jahren den Weg – zumindest teilweise – freigemacht für institutionelle Investoren. Seither können in der Schweiz domizilierte Pensionskassen und Versicherungen in die heimische Energieinfrastruktur investieren. 

Die beiden Grossbanken Credit Suisse und UBS sowie die «IST3 Investmentstiftung» haben daraufhin entsprechende Vehikel geschaffen: Die Institutionen heissen Credit Suisse Energy Infrastructure Partners, UBS Clean Energy Infrastructure Switzerland und eben IST3, an der auch die Aargauische Pensionskasse (APK) beteiligt ist. Alle drei investieren bewusst in Projekte der Energiewende. IST3 hat unlängst von Alpiq einen Anteil an Swissgrid übernommen. Für die APK sei das «das erste explizite Investment in eine einzelne Schweizer Energieinfrastruktur», sagt APK-Geschäftsführerin Susanne Jäger.

Darum investieren die Kassen

«Die Pensionskassen haben Anlagenotstand und suchen nach Investitionsmöglichkeiten», sagt Tobias Meyer, Leiter Institutionelle Produktplattformen bei UBS Global Asset Management. Immobilien seien sehr gefragt, doch ein grosser Teil der Pensionskassengelder steckt bereits in diesem Sektor. «Verschiedene institutionelle Anleger suchten daher eine Alternative zu Schweizer Immobilien», sagt Dominik Bollier, Managing Partner bei Credit Suisse Energy Infrastructure Partners.

Anlagen wie Wasserkraftwerke, Windparks und Stromnetze böten für die institutionellen Anleger viele Vorteile: «Die Pensionskassen schätzen besonders, dass es sich bei den Investitionen um Realwerte handelt, die zum Teil sogar in unmittelbarer Umgebung stehen», sagt Bollier. Die Anlagen werfen eine angemessene, relativ gut planbare Rendite ab. Besonders reizvoll ist für viele Anleger, dass die Investments in Schweizer Franken getätigt werden – so gibt es kein Fremdwährungsrisiko.

Die Anlagemöglichkeit steckt zwar noch in den Kinderschuhen, doch viele liessen sich bereits von den Vorteilen überzeugen. Allein die UBS verwaltet Energieinfrastruktur-Investments von etwa 400 Millionen Franken. Rund drei Dutzend Pensionskassen und Versicherer habe man an Bord, sagt UBS-Experte Meyer. In Zukunft könnten es vielleicht noch viel mehr sein.

Das Stigma schreckt viele ab

Ein Problem gibt es allerdings: Infrastruktur ist – anders als Immobilien, Aktien und Obligationen – keine eigene Anlageklasse. Investitionen in Netze und Kraftwerke laufen daher unter «alternative Anlagen». Dieses Stigma sei für die Pensionskassen-Manager problematisch. Laut Meyer verzichteten viele unter anderem deshalb auf Infrastrukturinvestments. Die UBS und andere regen an, Infrastruktur als gleichrangige Anlageklasse auf oberster Ebene zu betrachten.

Hinzu kommt, dass der Markt in der Schweiz für einige Anleger zu klein ist. «Für uns sind Investitionen in Energieinfrastruktur attraktiv – im Moment sind wir allerdings nur im Ausland aktiv», sagt Christoph Manser, bei Swiss Life Asset Managers zuständig für den Bereich Infrastruktur-Investments. Schweizer Solaranlagen und Windparks seien zu kleinteilig und die tiefen Strompreise ein zusätzliches Problem.

Mit Ausnahme der APK sind auch die hiesigen Kantonalen Pensionskassen eher zurückhaltend. Weder die Pensionskasse Basel-Stadt noch die Basellandschaftliche Pensionskasse investieren in diesem Bereich, auch nicht die PK Solothurn.

Trotz der Bedenken ist das Potenzial der Energieinfrastruktur gross. «Wir rechnen mit einem starken Wachstum, weil die Assets aufgrund der Langfristigkeit gut zu den Pensionskassen passen», sagt Bollier von Credit Suisse. Seine Prognose: «Der Markt könnte mehrere Milliarden schwer werden.»

Das Risiko klein halten

Um der Anlageform zum Erfolg zu verhelfen, muss sie vor allem sicher sein. In Deutschland waren Investitionen in Energiewende-Projekte zuletzt in die Kritik geraten. Berühmt wurde der Fall des Windkraft-Finanzierers Prokon. Die Firma hatte langfristige Projekte mit kurzfristig kündbaren Genussscheinen finanziert. Heute ist Prokon insolvent, die Anleger werden wahrscheinlich viel Geld verlieren.

In der Schweiz sollen derartige Fälle ausgeschlossen werden. Um Risiken möglichst klein zu halten, setzt Credit Suisse auf besonders langfristige Zeiträume. Ausserdem sind die Rücknahmemöglichkeiten der Anlagegruppe für Energieinfrastruktur sehr restriktiv aufgesetzt worden. Bollier erklärt: «Neben weiteren Einschränkungen sind sie nur mit einer Frist von zwei Jahren kündbar und es gibt nur einen Kündigungstermin pro Jahr.»

Den Anlagemöglichkeiten selbst sind indes keine Grenzen gesetzt – mit einer Ausnahme: «Wir investieren in alles, ausser in Atomkraftwerke», sagt Bollier. Nicht aus idealistischen Gründen. «Sondern weil wir das Risiko modelltechnisch nicht abbilden können.»

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