Wochenlang gab es im Detailhandel nur ein Thema: Der Preisstreit zwischen dem Nahrungsmittelmulti Nestlé und der Einkaufsgemeinschaft Agecore. Zu dieser gehören sechs europäische Händler, darunter die Schweizer Coop-Gruppe und die deutsche Edeka. Seit Februar boykottierten die Agecore-Mitglieder mehrere hundert Nestlé-Produkte. Die leeren Regale sollten als Druckmittel wirken, um günstigere Einkaufskonditionen zu erwirken.

Nun wurde das Kriegsbeil begraben, eine Einigung konnte erzielt werden. Und wer hat nun gewonnen? Nestlé gibt sich konziliant. Man begrüsse die Tatsache, dass eine «ausgewogene Einigung» mit Agecore erzielt wurde und bald die ganze Palette an Nestlé-Produkten wieder bei Coop und den anderen Agecore-Händlern erhältlich sein werde, sagt Sprecherin Inge Gratzer. Coop hingegen bemüht das Robin-Hood-Bild und gibt sich als Kämpfer der Konsumenten, der den Food-Koloss aus Vevey VD in die Knie gezwungen hat. Man werde das Ergebnis der Verhandlungen «in Form von grossen, attraktiven Aktionen auf allen Nestlé-Produktegruppen» den Kunden weitergeben, sagt Sprecher Urs Meier.

«Eine Lose-Lose-Situation»

Mitte Mai werde Coop für zwei Wochen eine grosse Aktion mit bis zu 30 Prozent Rabatt auf über 500 Nestlé-Produkten lancieren. Darunter seien Marken wie Leisi, Mövenpick, Findus, Frisco, Henniez, Buitoni, Cailler, Smarties, Kitkat oder Nescafé. Später seien mit Nestlé weitere Promotionen in ähnlichem Umfang geplant. Die ausgelisteten Artikel, darunter Thomy-Mayonnaise und Maggi-Würze, werde Coop in den nächsten Tagen in die Regale zurückbringen.

Coop 1, Nestlé 0? An diesem Resultat bestehen Zweifel. Details zur Einigung, vor allem ob signifikante und langfristige Preissenkungen erzwungen wurden, verrät Coop nicht. «Es ist schwer vorstellbar, dass Nestlé-Chef Mark Schneider eingeknickt ist», sagt Jean-Philippe Bertschy, Analyst der Bank Vontobel. Er sieht keinen Gewinner: «Es ist eine Lose-Lose-Situation.» Das Verhältnis sei zerrüttet worden und der in der Öffentlichkeit ausgetragene Streit habe beidseitig am Image gekratzt. Nestlé dürfte sich zu einigen Konzessionen bereit erklärt haben, möglicherweise bei den Liefer- oder Werbekonditionen, sagt Bertschy. «Aber viel mehr nicht.» Umsatzmässig sei der Schaden für die Waadtländer denn auch überschaubar, wie die Zahlen des ersten Quartals gezeigt hätten.

Kunden wollen Marken

Laut der Zürcher Kantonalbank erzielt Nestlé etwa 2 Milliarden Franken Umsatz via Agecore. Dies entspricht rund zwei Prozent des Konzernumsatzes und rund zehn Prozent des Umsatzes in Europa. «Schliesslich haben die Händler aber mehr zu verlieren als Nestlé», sagt Vontobel-Analyst Bertschy. Denn die Kunden wollen über kurz oder lang ihr Kitkat, ihren Nescafé oder ihre Buitoni-Pizza. Und wenn sie ihr Produkt in einem Geschäft nicht finden, gehen sie halt zur Konkurrenz.» In der Branche ist dabei von sogenannten «Must-in-stock»-Artikeln die Rede, auf welche die Händler nicht verzichten können.

Die Hersteller von beliebten Marken seien am stärkeren Hebel, sagt Bertschy. So hat in Frankreich kürzlich die Supermarktkette Leclerc Coca-Cola aus dem Sortiment verbannt. «Aber so eine Aktion kann ein Händler nicht allzu lang aufrechterhalten, denn er braucht die Marke.»

Zudem betont Bertschy die Verlagerung des Handels ins Internet: «Die Hersteller suchen vermehrt den direkten Kontakt zu den Konsumenten, wodurch die Supermärkte an Einkaufsmacht verlieren.» Dennoch würden nun andere Einkaufsallianzen und Handelskonzerne wohl versuchen, das Momentum auszunutzen, sagt Jean-Philippe Bertschy. «Sie werden bestimmt auf den Fall Agecore verweisen und Preissenkungen einfordern.»