Trotz US-Superzinssenkung: Die Börsen fallen und fallen

Wall-Street-Handel unmittelbar nach Eröffnung ausgesetzt – die Schweizer Nationalbank erhält mehr Dollars.

Daniel Zulauf
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Hat bis jetzt noch nicht auf das Corona-Virus reagiert: SNB-Präsident Thomas Jordan.

Hat bis jetzt noch nicht auf das Corona-Virus reagiert: SNB-Präsident Thomas Jordan.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Die unerwartete und im Ausmass geradezu dramatische Leitzinssenkung der amerikanischen Notenbank vom Sonntagabend zeigte an den Finanzmärkten keine erkennbare Wirkung. Nach schlechten Vorgaben aus Europa eröffnete die New Yorker Börse am Montag gleich mit einem Kurseinbruch um 10 Prozent.

Die Folge: Der Handel musste zwecks Verhinderung einer Kettenreaktion während 15 Minuten unterbrochen werden. Dabei hatte die Federal Reserve Bank am Sonntagabend den Leitzins gleich um einen vollen Prozentpunkt gesenkt. Das Noteninstitut ist damit auf die Nulllinie zurückgekehrt, die es im Sommer 2015, mehr als sieben Jahre nach den dunkelsten Zeiten der Finanzkrise, endlich verlassen konnte (vgl. Grafik).

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Doch die Dollar-Wächter dürften sich von ihrer Aktion auch selbst keine unmittelbar positive Reaktion an den Finanzmärkten versprochen haben. Schliesslich können die Massnahmen an dem durch die Ausbreitung des Corona-Virus eintretenden wirtschaftlichen Stillstand kaum etwas verändern. Immerhin können sie aber helfen, eine Liquiditätskrise mit potenziell teuren Begleiterscheinungen einzudämmen.

So sind Dollars ausserhalb Amerikas jüngst zur akuten Mangelware geworden. Während die unterbrochenen Lieferketten bei vielen Unternehmen zu drastischen Einnahmenausfällen führen, bleiben die in Dollars zu entrichtenden Verpflichtungen bestehen. Den betroffenen Firmen bleibt nichts anderes übrig, als ihre Dollarkonti zu leeren, was auch bei ausländischen Notenbanken zu einer Verknappung der Dollarbestände führen kann. Das ist der Hintergrund, vor dem am Sonntag die Schweizerische Nationalbank zusammen mit anderen Notenbanken in Europa, Japan und Kanada ein sogenanntes Swap-Abkommen mit der US-Federal Reserve zur Sicherstellung von kurz- und mittelfristigen Dollar-Liquiditätsoperationen geschlossen haben.

Was macht die Nationalbank am Donnerstag?

Die SNB ist inzwischen das einzige grössere Noteninstitut, das bislang noch keine ausserordentlichen Massnahmen im Kampf gegen die Corona-Krise angekündigt hat. Das könnte sich am Donnerstag anlässlich der ersten geldpolitischen Lagebeurteilung in diesem Jahr ändern. Zwar erwartet kaum jemand eine weitere Leitzinssenkung unter das schon seit Januar 2015 bestehende Niveau von -0,75 Prozent, nachdem die Europäische Zentralbank in der vergangenen Woche auf eine Zinssenkung verzichtet hatte. Zudem benötigen die hiesigen Geschäftsbanken im Unterschied zu manchen Banken im Euro-Raum keine ausserordentlichen Liquiditätszuschüsse, zumal bislang keine nennenswerten Probleme mit notleidenden Krediten bestehen.

Handlungsbedarf könnte es aber dennoch geben. Der im Zug der Corona-Ausbreitung auch in der Schweiz rasch voranschreitende Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität im Land dürfte schon in den nächsten Wochen bei vielen Unternehmen zu akuten Zahlungsschwierigkeiten führen. Um die Gefahr daraus folgender Insolvenzen einzudämmen, planen die vier grössten Geschäftsbanken des Landes unter Führung der CS nun die Schaffung eines speziellen Kreditpools in Höhe von mindestens 20 Milliarden Franken. Die von der «Handelszeitung» verbreitete Nachricht ist zwar noch nicht offiziell bestätigt. Aber der Prozess sei schon weit gediehen, sagte am Montag eine zuverlässige Quelle aus dem Umfeld des Bankenverbandes.

Das Problem ist allerdings, dass die betroffenen Firmen vorab Blankokredite benötigen, die aufgrund ihres erhöhten Risikos mit sehr viel Eigenkapital unterlegt werden müssen. Dafür sind die Bankbilanzen in vielen Fälle aber bereits zu stark strapaziert. Deshalb sollen die Kredite so weit wie möglich mit Bundesgarantien ausgestattet werden.

Ins Spiel kommen könnte die Nationalbank, wenn es darum geht, die sogenannten antizyklischen Kapitalpuffer mindestens teilweise für eine bestimmte Zeit ausser Kraft zu setzen. Die Puffer wurden 2012 eingeführt, um das starke Kreditwachstum im Wohnungsmarkt zu bremsen. Seit 2014 betragen sie 2 Prozent der risikogewichteten Aktiven im Inland von rund 1000 Milliarden Franken. Eine teilweise Ausserkraftsetzung der Puffer könnte das Kreditvergabepotenzial der Banken deutlich erhöhen.