Börsenrekord
Bitcoin, Gamestop, Tesla: Elon Musk wird zur Symbolfigur der neuen Börsenmanie

Die Börsenhausse geht in eine neue Phase über - und der Chef des Elektroauto-Herstellers Tesla lenkt via Twitter virtuos die neuen Massen von Kleinaktionären.

Niklaus Vontobel
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Entstehung eines neuen Meme: Musk weiss neue Trends zu setzen

Entstehung eines neuen Meme: Musk weiss neue Trends zu setzen

Joe Skipper / X03635

Die Welt erlebt die längste Börsenhausse der Geschichte. In den letzten Wochen haben sich jedoch neue Formen von Börsenmanien herausgebildet, die gemäss der historischen Erfahrung irgendwann in Panik und Crash übergehen. Reduziert man diesen Wandel auf eine einzige Person, ist es derzeit Elon Musk, Gründer des Elektroautohersteller Tesla.

Diese Woche hat Elon Musk die Kryptowährung Bitcoin in neue Rekordhöhe katapultiert. Zuvor half er mit, den Videospielhändler Gamestop in luftige Höhen zu reden. Für die Trader auf der Sozialmedienplattform Reddit ist Musk längst ihr «Daddy». Und sein Elektroautohersteller Tesla schoss innerhalb eines Jahres in Schwindel erregende Höhen.

Aufstieg und Fall der Gamestop-Aktie dürfte das berühmteste Beispiel sein, wie Kleinanleger in Scharen blindlings einem «Meme» folgen. Das sind kurze prägnante Aussagen, die auf dem Internet gerade «trenden» – also viel Aufmerksamkeit erhalten. Musk half mit seiner Starpower nach, als er einen Link zum Chatroom Wallstreetbets auf der Sozialmedien-Seite Reddit vertwitterte und dazu «Gamestonk!!».

«Stonks» ist wiederum ein Meme. Es steht für das absichtlich falsch geschriebene Wort «Stocks», Aktien auf Deutsch, und versinnbildlicht so eine Haltung: Geld wird achtlos verlocht, aber das mit Stolz und Begeisterung. In Wallstreetbets wird dieses Lebensgefühl ausgedrückt in zig Filmchen und Bildern.

Die Trader folgten «Daddy». Der Gamestop-Kurs explodierte. Mit dem nächsten Tweet kann Musk den nächsten Hype auslösen.

Geld falsch investieren – und Stolz darauf sein

Ob so viel zur Schau gestellter Irrationalität, warnt ein Hedgefonds-Manager in der britischen «Financial Times» von einer weltweiten Stonks-Blase.

Die Manie manifestiert sich in den Bitcoins. Die Kursexplosion veranlasste den Starökonom Nouriel Roubini abermals zu einer Tirade gegen die Kryptowährung. Vor gut zwei Jahren hatten Bitcoins zuletzt eine solche Hausse, dass sie Gesprächsthema von Schweizer Tramfahrern wurden, und Roubini appellierte: «Vergessen Sie Bitcoin und andere Kryptowährungen!»

Nun sind Bitcoins doppelt so viel Wert, und Roubini beharrt: Der zugrunde liegende Wert sei null, und wäre negativ, würde die Energieverschwendung einbezogen. Als Zahlungsmittel taugten sie nicht, zu sehr schwanke der Wert. Roubini unkt:

«Auch diese Blase wird mit einem Knall enden.»

Für derlei Prophezeiungen hat Musk keine Zeit. Er hat diese Woche rund 1,5 Milliarden Dollar von den flüssigen Mitteln von Tesla in Bitcoins investiert, und so das Hoch mitverursacht. Und heizt auf Twitter noch zusätzlich ein.

Mit dem Milliarden-Kauf von Bitcoins verschmilzt Musk zwei der bedeutendsten Symbole der aktuellen Börsenmanie: Bitcoin und Tesla.

Tesla ist sieben Mal mehr wert als Volkswagen

Tesla hat sich an der Börse jeglicher Realität entrückt. Der Hersteller elektrischer Autos konnte 2020 erstmals nach 18 Jahren überhaupt einen Jahresgewinn vorweisen – und hat an der Börse dennoch einen Wert von total 770 Milliarden Dollar. Volkswagen, immerhin weltgrösster Autohersteller, kommt auf knapp über 100 Milliarden. In derlei Fällen sprechen Analysten beschönigend davon, herkömmliche Bewertungsmassstäbe würden gesprengt.

Hinter dem Aufpoppen immer neuer Manien steht eine Bündelung von Trends. Ein Langzeittrend sind die Unmengen an Geld, die immerzu ein neues Zuhause suchen – und so Zyklen auslösen von Manie, Panik und Crash. Historiker sehen dieses Umherschwappen riesiger Geldmengen als den Hauptgrund dafür, dass sich Finanzkrisen häufen: erst in Lateinamerika, dann in Japan, in den Tigerstaaten Ostasiens, schliesslich in den USA in der Finanzkrise von 2008, zuletzt in der bis heute schwelenden Krise der Eurozone. Um die Coronakrise zu bekämpfen, haben die Zentralbanken weltweit diese Geldschwemme noch vergrössert.

Promovideo gefälscht und doch Milliarden wert

Und so taucht das billige Geld in kuriosen Geschichten von Start-ups auf. Im Fahrtwind von Musk und Tesla war das Autotech-Startup «Nikola» einmal 25 Milliarden Dollar wert. «Das Ding ist voll funktionsfähig», hatte der Gründer in einem Video über den angeblich mit Wasserstoff betriebenen Prototyp ­gesagt. Dann kam heraus: im Video rollte der Truck einen Hügel runter, die Kameraeinstellung hatte dies überdeckt. Sei’s drum, Nikola ist noch immer mit 6 Milliarden Dollar bewertet.

Recht neu ist das Revival der amerikanischen Aktionärs-Kultur. Im Coronajahr 2020 hat sich die Zahl der Milliarden ungefähr verzehnfacht, die Kleinaktionäre in die Börse investiert haben. Das sind die neuen Horden, die Musk via Twitter virtuos zu beeinflussen versteht.

Das Revival begann im Herbst 2019. Damals strich eine Vielzahl etablierter Handelsplattformen die Gebühren völlig, Traden war gratis. Was die Etablierten zum Handeln zwang, war ein Neuling: Robinhood, die bevorzugte Plattform der Trader im Chatroom Wallstreetbets auf der Sozialmedien-Seite Reddit. Nun ist Traden gebührenfrei, und was nichts kostet, wird mehr gemacht.

Und die Kleinaktionäre haben ein neues Spielzeug erhalten. Es ist leichter geworden, Optionen und andere Derivate einzusetzen. Das sind jene Instrumente, welche die Investoren-Legende Warren Buffet einst so verunglimpfte: finanzielle Massenvernichtungswaffen.