Der Herbst scheint Wirtschaftskrisen magisch anzuziehen – jedenfalls brachen sie in der Vergangenheit häufig nach dem Sommer herein. Zufall oder kollektive Depression nach den Ferien? In China setzte der Crash in Raten zwar im Sommer ein – aber das Schlimmste könnte noch kommen. Schaden wäre eigentlich bereits mehr als genug angerichtet: Seit Juni ist die Börse in Schanghai um 30 Prozent eingebrochen. Wie die US-Grossbank BNY Mellon errechnet hat, wurden so seit Juni rund 3500 Mrd. Dollar vernichtet.

Wie wichtig ist aber ein Absturz der Börse in Schanghai für die Welt? Einen ersten Hinweis gibt die Reaktion anderer Börsenplätze: Der Schweizer Index SMI verlor in den vier Wochen fast zehn Prozent, anderen Finanzzentren erging es nicht besser. Doch Börsenkurse entkoppeln sich zuweilen von der Realwirtschaft: Aktien können auch in konjunkturell schlechten Zeiten gut abschneiden, und sei es nur, weil sie sich darauf verlassen, dass die Notenbanken mehr Geld drucken, das dann an die Börsen fliesst und die Notierungen stützt.

Nicht zwingend ein Drama

In der Woche vom 10. August hat Chinas Notenbank die Landeswährung Yuan zum Dollar abwerten lassen. Und seit Sonntag erlaubt sie den Vorsorgeeinrichtungen, Aktien zu kaufen. Dies sollte die eingebrochenen Kurse stützen. Experten wie etwa Anja Hochberg, Anlagechefin für die Schweiz und Europa bei Credit Suisse, gehen davon aus, dass die Wachstumsschwäche weiter mit staatlichen Massnahmen bekämpft wird. Hochberg sieht den chinesischen Markt in den nächsten Monaten daher gar besser als andere abschneiden.

Dean Tenerelli, der den europäischen Aktienfonds beim Fondshaus T. Rowe Price führt, bestätigt zwar: Chinas Wachstum verlangsame sich. Die Erholung in Europa stehe aber nunmehr auf eigenen Füssen. Die Probleme aus Fernost könnten sie höchstens verlangsamen. Ohnehin muss die Entschleunigung in China nicht dramatisch sein. Andreas Busch, Senior Analyst bei Bantleon Bank, sieht eine sich abschwächende, aber nicht abstürzende chinesische Wirtschaft.

Auch für die Abwertung gibt es eine beruhigendere Diagnose als Verzweiflung in Peking: China hat abgewertet, um den Yuan zunehmend dem freien Spiel der Marktkräfte zu übergeben, weg von der Anbindung an den Dollar. Ein Schritt in Richtung Markt, aber auch in Richtung Macht: Denn China will, dass der Renminbi vom Internationalen Währungsfonds (IWF) als Leitwährung neben Dollar, Euro, Pfund und Yen aufgenommen wird. Letzte Woche hat der IWF entschieden, die Aufnahme werde frühestens Ende 2016 erfolgen. Böse Zungen behaupten, China habe das Erdbeben an den Märkten ausgelöst, um den Fonds unter Druck zu setzen. Nur: Die erste Abwertung war vor diesem Entscheid des IWF. Eine weitere entdramatisierende Fussnote: China hat seine Währung langfristig gesehen nicht massivabgewertet – im Gegenteil: Sie hat seit 2007 fast 40 Prozent zugelegt. Problematisch würde gemäss Daniel Kalt, Chefökonom von UBS-Schweiz, eine Schwächung im zweistelligen Bereich.

Was aber, wenn es genau in diese Richtung geht? Wenn China weiter abwertet, um über die Exporte die Wirtschaft anzukurbeln? Denn obwohl der Kurseinbruch in Schanghai beeindrucken ist, an China interessiert den Rest der Welt vor allem eines: sein Wachstum. Sollte die jüngste Schwäche sich noch verschärfen, wären einzig noch die USA mit einem namhaften Wachstumsbeitrag im 2015 übrig.

Schubumkehr in China

Dass es so weit kommen könnte, ist nicht Schwarzmalerei. Die neusten Konjunkturindikatoren sind nach bereits fünf enttäuschenden Lesungen im Juli auf den tiefsten Stand seit 2012 gesunken. Ein Kenner von Schwellenländern, Russell Napier, geht etwa davon aus, dass China 20 Prozent abwerten müsste, um seine Wachstumsziele zu erreichen, erklärte er im Interview mit «Finanz und Wirtschaft».

Damit wären wir aber in einem ganz anderen Szenario. Die Aufwertung in den Jahren zuvor war nicht nur ein Zeichen für den Geltungsanspruch des Renminbis. China ging es vielmehr um eine Änderung der Wirtschaftsstruktur, weg vom aufgeblähten Exportsektor zu einem Wachstum, von dem die Bevölkerung etwas hat: mehr Konsum. Das bedingt nicht nur eine härtere Währung, damit Importe erschwinglicher werden, sondern auch höhere Löhne zur Stärkung des Konsums. Beides schmälert aber die Wettbewerbsfähigkeit der Exporte. Bis zu einem gewissen Grad ist das gewollt: China, das durch den Exportboom von 2000 bis 2010 pro Jahr im Durchschnitt fast 10 Prozent wuchs, wollte über diese Neuausrichtung zur sanften Landung ansetzen und das überbordende, auch kreditfinanzierte Wachstum über Exporte auf «natürliche» Weise normalisieren. Die Regierung in Peking strebt daher mittlerweile ein Wachstum von 7 Prozent an.

Sollte nun aber gar dieses Ziel infrage gestellt sein, könnte die Regierung in Peking aus Panik den Rückwärtsgang einlegen und eine – zumindest vorübergehende – Umkehr des Prozesses anstreben und noch weiter abwerten, um die Exporte wieder anzukurbeln.

Ein China mit einem ernsthaften Wachstumsproblem würde nicht nur weniger Güter aus dem Ausland nachfragen – auch aus der Schweiz. Die meisten Analysten gehen zudem davon aus, dass die anderen Schwellenländer mit der Abwertung nachziehen müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Angeschlagen sind sie bereits jetzt, auch von den tiefen Rohölpreisen. Auslöser für einen weiteren Kursrutsch in Asien könnte der Mitte September anstehende Zinsentscheid der US-Notenbank sein. Sollte sie die Zinsen erstmals seit fast zehn Jahren anheben, würden Investitionen in den USA wieder attraktiver. Denn Anleger erhielten mehr Rendite. Ein Teil des Geldes würde aus den Schwellenländern abgezogen.

Eine expansivere Geldpolitik, zumal in anderen Schwellenländern, wäre die wahrscheinlichste Folge. Damit würde die nächste Runde im Wettlauf um die schwächste Währung eingeläutet. Selbst die US-Notenbank könnte ihren Zinsschritt in diesem Jahr aufschieben und damit die einzige wichtige Exportwährung für die Schweiz, die zum Franken hart bleib, schwächen. Für die Schweizer Industrie würde nach der jüngsten kurzen Schwächephase des Frankens das Bangen von neuem beginnen.