«Dollar Stores»

Billig-Shops erobern Amerika – und lösen eine Kontroverse aus

Hauptsache billig: Dollar Stores sind auf dem Vormarsch.

Hauptsache billig: Dollar Stores sind auf dem Vormarsch.

Die «Dollar Stores» profitieren vom Strukturwandel im amerikanischen Detailhandel

Es ist kurz vor Mittag. Auf dem Parkplatz des «Dollar General» in Slanesville herrscht reger Betrieb. Alice Myers verstaut eine Handvoll Plastiksäcke in ihrem Jeep, während sie über den Billig-Supermarkt ins Schwärmen kommt. Das Sortiment sei gross, die Preise seien niedrig und das Personal sehr freundlich, sagt Myers. Zudem schätze sie es, dass sie nicht regelmässig in die nächste Provinzstadt fahren müsse, die 45 Autominuten entfernt ist, um dort ihre Einkäufe zu tätigen. Dass es im «Dollar General» kein frisches Gemüse zu kaufen gibt und das Fleisch tiefgefroren ist, störe sie zwar «manchmal», sagt Myers, aber wenn man in den Hügeln von West Virginia wohne, dann müsse man halt einige Nachteile in Kauf nehmen.

So wie Myers klingen die meisten Kundinnen, die an diesem Morgen bereitwillig Auskunft geben. Sie schätzten sich glücklich, sagen sie, dass es in ihrem Dorf noch Auswahl gebe: Nebst dem «Dollar General» steht auf der gegenüberliegenden Strassenseite eine Filiale des Konkurrenten «Family Dollar».

In den Augen von Marie Donahue ist es kein Zufall, dass gerade im ländlichen Slanesville – in dem der statistische Durchschnittshaushalt jährlich etwas mehr als 36'500 Dollar verdient – zwei «Dollar Stores», wie die Billig-Supermärkte im Volksmund heissen, um Kunden buhlen. Im Gespräch sagt Donahue: Zwar stimme es, dass solche Läden bisweilen eine Versorgungslücke stopften, in einer Ortschaft, die zu klein für einen herkömmlichen Supermarkt sei. Aber ihrer Meinung nach gebe es zunehmend Hinweise darauf, dass diese Läden kein Nebenprodukt der ökonomischen Probleme strukturschwacher Regionen seien, «sondern die Ursache». Denn die Marktmacht der «Dollar Stores» sei derart gross, dass der Konkurrenz der Schnauf ausgehe.

Besonders hart getroffen

Donahue arbeitet für eine Selbsthilfeorganisation für das strukturschwache Amerika. In einem Aufsatz, den Donahue zusammen mit einer Kollegin verfasste, untermauert sie ihre Breitseite mit Zahlen. So sind Dollar Stores in wirtschaftlich schwachen Staaten im Süden der USA sowie in den Hügeln der Appalachen an der Ostküste klar übervertreten. Es sind just diese Regionen, die vom Strukturwandel der US-Wirtschaft besonders hart getroffen wurden. Im Verwaltungsbezirk Hampshire County etwa, zu dem Slanesville zählt, gibt es keine eigentlichen Produktionsbetriebe.

Donahue erteilt der lokalen Bevölkerung Ratschläge, wie sie sich gegen neue Billig-Supermärkte wehren können. Sie verweist auf das Beispiel Tulsa in Oklahoma: Im April 2018 verabschiedete das Stadtparlament von Tulsa einen neuen Zonenplan für einen mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnten Stadtteil, der die Eröffnung neuer «Dollar Stores» stark erschwert.

Es gibt auch Nahrhaftes

Es gibt allerdings auch Stimmen, die mit der Fundamentalkritik an den «Dollar Stores» nichts anfangen können. So sagt Professorin Elizabeth Racine, die an der University of North Carolina at Charlotte über öffentliche Gesundheit forscht: Natürlich warteten in einem «Dollar General» Snacks und Süssgetränke und Billig-Spielzeug auf die Kundschaft. Gleichzeitig gebe es aber auch nahrhafte Lebensmittel wie Bohnen, Reis oder Brot zu kaufen, sagt Racine. Sie finde es deshalb unterstützungswürdig, dass die «Dollar Stores» in Gegenden tätig seien, in denen es keine gut bestückten Supermärkte gebe.

Auch Pete Pacelli hat sich mit den Dollar Stores abgefunden. Zusammen mit seiner Frau Kate betreibt er seit vier Jahren den Laden «Farmer’s Daughter», 20 Minuten von Slanesville entfernt – wenige Meter von einer «Family Dollar»-Filiale entfernt. Die Pacellis verkaufen nicht nur Gemüse und Früchte, sondern auch frisch geschlachtetes Fleisch, von Tieren aus lokaler Zucht. «Damit sprechen wir ein anderes Publikum an», sagt Pete Pacelli. Ein Publikum, das etwas mehr Geld hat, um frische Produkte zu kaufen.

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