Sicherheit
Bessere Ortung und Identifikation: die Lehren aus dem Geisterflug MH370

2014 wird als schwarzes Jahr in die Geschichte der Luftfahrt eingehen. Und als besonders bizarres obendrein, wenn man die beiden schwersten Abstürze ansieht. Der eine Jet ist spurlos verschwunden, der andere mit einer Rakete abgeschossen.

Stefan Schuppli
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Sie waren auch grosses Thema an der Medienkonferenz des Luftfahrtverbandes Iata gestern in Genf. «Wir müssen unsere Lektion lernen», sagte Iata-Chef Tony Tyler.

Unter anderem sollen Flugzeuge in Zukunft besser geortet und identifiziert werden können. Die Iata hat deshalb eine Task-Force ins Leben gerufen, in der unter anderem die Internationale Zivilluftfahrtbehörde, Flugleitstellen und die wichtigsten Flugzeughersteller vertreten sind.

Sie hat allerdings bislang nur relativ allgemein gehaltene Empfehlungen abgegeben. Die schnellste Massnahme sei, die bestehenden Sender zu verbessern.

Mehr Zeit brauche es, neue, beispielsweise satellitengestützte Systeme zu entwickeln. Ein weiterer Vorschlag ist es, das Positionssendegerät («Transponder») an einem Ort anzubringen, wo es vom Cockpit oder von der Kabine nicht ausgeschaltet werden kann. Das jedoch würde seine Zeit brauchen, sagte Tyler. Bis nach dem 11. September 2001 alle Cockpits mit abschliessbaren Türen versehen waren, seien auch einige Jahre verstrichen.

Noch immer völliges Rätsel

Das Verschwinden des Kursflugzeugs MH370 am 8. März ist noch immer ein völliges Rätsel. Trotz akribischer Suche und Einsatz modernster Technologie ist noch keine Spur, kein Trümmerteil aufgetaucht.

Wie ist es im Zeitalter der praktisch lückenlosen Satellitenüberwachung überhaupt möglich, dass ein mit jeglichem Radarequipment und Sendegeräten ausgestatteter Jet nicht auffindbar ist?

Ganz offensichtlich wurden Funk- und Ortungsgeräte ausgeschaltet. Warum? Auch das Verhalten der Luftwaffe Malaysias, die zu der fraglichen Zeit auf ihren Radaren ein Flugobjekt ausgemacht hatte, aber nicht reagierte, gibt Rätsel auf. Die Boeing befand sich in der fraglichen Nacht auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Peking.

Hypothesen und zum Teil abstruse Verschwörungstheorien schiessen ins Kraut. Das Flugzeug sei entführt worden, die Software des Jets sei gehackt worden und sei ferngesteuert gelandet worden, der Pilot habe erweiterten Selbstmord begangen, das Flugzeug sei auf dem Wasser gelandet und von einer Meeresspirale nach unten gezogen worden. Der CIA sei Drahtzieher. MH370 sei das identische Flugzeug, welches über der Ukraine abgeschossen wurde – nicht von einer Rakete, sondern von einem ukrainischen Militärjet ...

Fachleute ungeduldig

Selbst bestandene Branchenfachleute werden allmählich ungeduldig. Emirates-Chef Tim Clark (64) ist überzeugt, dass Informationen zurückgehalten würden.

«Wir müssen wissen, wer wirklich in diesem Flugzeug war, und wir müssen wissen, was es geladen hatte», sagte Clark in einem «Spiegel»-Interview im Oktober.

«Die Boeing 777 ist bereits jetzt eines der fortschrittlichsten Flugzeuge der Welt, mit modernsten Kommunikationssystemen. MH370 hätte niemals in eine Situation geraten dürfen, in der das Flugzeug nicht mehr vom Boden aus zu orten war.»

Es sei verdächtig, dass das Flugzeug spurlos verschwunden sei. Das sei eine sehr belebte Region in Südostasien, und es sei bizarr, dass das Militär nichts unternehme, wenn ein planmässiger Flug so stark vom Kurs abweicht.

Die Branche habe bezüglich Flugsicherheit trotz der beiden Malaysia-Katastrophen grosse Fortschritte gemacht. Die Zahl der Unfälle (Totalschaden von Jets westlicher Bauart) pro Million Flüge ist auf 0,22 gefallen (Vorjahr: 0,42). Die Zahl der Toten – 2013 lag die Zahl bei 220 – wird in diesem Jahr hingegen wesentlich höher ausfallen.

Die Unfallzahlen gehen nicht zuletzt deshalb zurück, weil man sich in der Branche intensiv über Unfallursachen austauscht und branchenweite Gegenmassnahmen trifft. Das ist auch im Nachgang zur MH17-Katastrophe der Fall. Sie habe ganz klar gezeigt, dass Informationslücken bestünden. «Diese müssen geschlossen werden», sagte Tyler. Der Lead liegt in dieser Frage bei der ICAO, unter deren Leitung jetzt ebenfalls eine Task-Force tätig ist. Die Ukraine wird von Langstreckenflugzeugen seit dem Abschuss von MH17 umflogen.