Industrie

Besser, schneller, billiger: Schweizer Automobilzulieferer sind gesund – Zukunft dennoch ungewiss

Bei Georg Fischer in Schaffhausen werden unter anderem Lenker für die Achsen produziert.

Bei Georg Fischer in Schaffhausen werden unter anderem Lenker für die Achsen produziert.

Schweizer Automobilzulieferer trotzen dem teuren Franken und den hohen Löhnen mit beachtlichem Erfolg. Doch die Zukunft wird nicht einfacher.

Deutschland ist das Mass aller Dinge in der Automobilindustrie. Ein Unternehmen, das sich als Zulieferer der grossen Automobilhersteller in München, Stuttgart und Wolfsburg behauptet, darf sich getrost mit dem Etikett «wettbewerbsfähig» schmücken. Solche Firmen gibt es etliche in der Schweiz. Die in der vergangenen Woche veröffentlichte Branchenstudie des Swiss Center of Automotive Research der Universität Zürich stellt der hiesigen Industrie ein gutes Zeugnis aus. Obwohl sich der Franken gegenüber dem Euro seit der ersten Studie im Jahr 2008 um fast 30 Prozent verteuert hat und die Löhne in der Schweiz in dieser Zeit deutlich stärker gestiegen sind als in den umliegenden europäischen Ländern, sind die Schweizer Automobilzulieferbetriebe in unverändert grosser Zahl im Land vorhanden, und im Durchschnitt erfreuen sie sich einer guten Gesundheit.

Erstaunlich tiefe Stückpreise

574 Firmen haben die Forscher ausfindig gemacht, die in der Schweiz Bestandteile herstellen und andere Leistungen erbringen, deren Endabnehmer ausländische Automobilhersteller sind. Zusammen bringen die Firmen einen Jahresumsatz von über 12 Milliarden Franken auf die Waage. 34'000 Personen sind in diesen Unternehmen angestellt. Die Branche ist in der Tat ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der mit seiner klaren Exportorientierung auch einen besonderen Beitrag zum Wohlstand des Landes liefert. Erfreulicherweise hat sie ihre Position in den vergangenen zehn Jahren erfolg- reich gehalten. Und das ist nicht selbstverständlich. Erstaunlicherweise produzieren Schweizer Zulieferbetriebe nämlich nicht nur teure Spezialteile, sondern auch grosse Mengen von Bestandteilen mit geringer Komplexität und zu entsprechend tiefen Stückpreisen.

Mit guter Qualität und hoher Zuverlässigkeit allein kommt eine Firma unter den erschwerten Bedingungen in der Schweiz nicht mehr weit. Innovativ müssen die Schweizer Firmen deshalb auch in der Entwicklung von Produktionstechnologien und effizienten Produktionsprozessen sein. Offensichtlich sind bei vielen Betrieben auch nötige Mittel dafür vorhanden. Gemäss der Studie wenden diese im Durchschnitt 6,3 Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung auf. Nach einem Einbruch im Jahr 2013 (4,7 Prozent) sind sie damit auf das Vorkrisenniveau zurückgekehrt.

Allerdings scheint sich in der Industrie ein Graben aufzutun. Bei einem knappen Drittel der Firmen bewegen sich die Investitionen zwischen null und drei Prozent, während ein Drittel weit über dem Durchschnitt liegende Investitionen von über zehn Prozent des Umsatzes tätigt. Dieser Befund deckt sich mit den Erkenntnissen des Verbandes der Schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem), nach denen ein Drittel der Unternehmen im Zug der schockartigen Aufwertungswellen des Frankens in die Verlustzone abgerutscht sind. Viele verfügen kaum mehr über die nötige Substanz, um zukunftsweisende Investitionen finanzieren zu können. Grössere Unternehmen scheinen besser gewappnet, die mit dem Schweizer Produktionsstandort verbundenen Herausforderungen zu meistern. Ein Hinweis darauf gibt die Studie mit der Feststellung, dass die Firmen ihre Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten in der Schweiz zwar kontinuierlich ausbauen, gleichzeitig aber auch stärker internationalisieren. Dieses Privileg bleibt vielen kleinen Firmen vorenthalten. 60 Prozent sind gemäss der Befragung ausschliesslich in der Schweiz tätig.

Geringer Automatisierungsgrad

Ähnlich verhält es sich auch bei der Planung der Produktionskapazitäten. 40 Prozent der befragten Firmen planen in den nächsten fünf Jahren einen Ausbau in der Schweiz. Darunter befinden sich grosse Unternehmen wie der Zürcher Zahnradspezialist Reishauer oder der Luzerner Kabelverarbeitungsmaschinenbauer Komax. Die Investition in den Schweizer Produktionsstandort sind gemäss der Studie oft mit einer Erhöhung der Automatisierung verbunden. Die Mehrzahl der befragten Firmen weist noch einen relativ geringen Automatisierungsgrad von unter 50 Prozent auf. Dass nur rund 50 Prozent die Absicht bekunden, diesen in den nächsten fünf Jahren weiter zu erhöhen, kann ebenfalls als Indiz für den grösser gewordenen Wohlstandsgraben in der Industrie genommen werden.

Herausforderungen nehmen zu

Deren Herausforderungen in der Zukunft werden nicht kleiner, wie die Studie ebenfalls deutlich zeigt. Mit Blick auf den Wandel der Antriebstechnologien bewertet die Hälfte der Firmen ihre Geschäftsaussichten kritisch für den Fall, falls sie sich nicht auf die Veränderungen einstellen. Viele sehen die Zukunft aber auch skeptisch, wenn sie sich aktiv darauf vorbereiten, denn der Spielraum für Anpassungen ist bei Firmen, die sich auf Produkte für Verbrennungsmotoren spezialisiert haben, naturgemäss gering. Immerhin rechnen sich 40 Prozent der Firmen von der Entwicklung der Elektro-Mobilität neue Chancen aus.

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