USA

Benzinpreis sorgt für Nervenflattern

Die Farbe blättert ab, doch das Schild erinnert an bessere Zeiten bei den Benzinpreisen.  Shana Sureck/Keystone

Die Farbe blättert ab, doch das Schild erinnert an bessere Zeiten bei den Benzinpreisen. Shana Sureck/Keystone

Der steigende Ölpreis weckt die Angst vor einem abrupten Ende des schleppenden Aufschwungs. Es flattern die Nerven.

Der Parkplatz des Grosshändlers Costco gleicht an diesem Samstagnachmittag einem Ameisenhaufen; allerdings sind es zur Abwechslung nicht preisbewusste Konsumenten, die mit ihren überdimensionierten Einkaufswagen für chaotische Verhältnisse sorgen – es sind vielmehr Autofahrer auf Schnäppchenjagd. Costco verkauft in diesem Vorort von Washington nämlich nicht nur günstige Lebensmittel, sondern auch billiges Benzin. Umgerechnet 83 Rappen verlangt der Grosshändler für den Liter Bleifrei.

Das ist deutlich billiger als die Konkurrenz und scheint sich herumgesprochen zu haben: Die Wartezeit vor der Costco-Tankstelle mit ihren 12 Zapfsäulen beträgt über eine Viertelstunde. Und das Geschäft brummt, wie das Cash-and-carry-Unternehmen kürzlich bei der Vorstellung des Quartalsergebnisses bekannt gab: «Preissteigerungen beim Benzin haben eine positive Auswirkung auf die Vergleichszahlen», meldete Costco.

Zehn Rappen mehr in einem Monat

Die abrupten Preissteigerungen beim Benzin sind derzeit das Tagesgespräch in den USA: 1 Liter Standardbenzin ist in den vergangenen 30 Tagen umgerechnet über 10 Rappen teurer geworden. In einigen Bundesstaaten, besonders im Westen des Landes, kratzt der Durchschnittspreis pro Gallone bereits an der 4-Dollar-Marke, sagt der Automobilclub AAA – damit könnte er bald die historische Höchstmarke streifen, die im Sommer 2008 erreicht wurde. Marktbeobachter prognostizieren bereits, dass neue Preissteigerungen bevorstehen, falls die Nerven der Ölhändler angesichts der Unruhen im Mittleren und Nahen Osten weiter flattern.

In den autovernarrten USA wächst deshalb die Angst vor ernsthaften Folgen für den wirtschaftlichen Aufschwung. «Dieses Thema steht sicherlich an der Spitze einer Liste aller Dinge, die derzeit für Nervosität sorgen», sagt Mark Zandi von der Ratingagentur Moody’s.

Ölreserven der USA wären bereit

Dieser Preisschock ist umso erstaunlicher, als die eigentliche Ursache der jüngsten Turbulenzen auf dem Ölmarkt – der Quasi-Bürgerkrieg in Libyen – keine direkten Auswirkungen auf die USA haben sollte. Muammar al-Gaddafis Regime lieferte vor Ausbruch der Unruhen eine vernachlässigbare Menge von Öl und Benzin über den Atlantik; selbst Grossbritannien oder Argentinien rangieren auf der Liste der grössten amerikanischen Triebstofflieferanten höher als Libyen.

Von der Angebotsverknappung und der Angst vor Unruhen in Saudi-Arabien – einem wichtigen amerikanischen Lieferanten – bleiben allerdings auch die USA nicht verschont. Immer lauter wird deshalb der Ruf nach einer Anzapfung der strategischen Reserven (Strategic Petroleum Reserve), die Washington seit fast 40 Jahren für den Krisenfall hortet. Knapp 727 Millionen Fass Öl soll dieser Vorrat umfassen, aufgeteilt auf vier Tanklager am Golf von Mexiko. «Dieses Öl kann buchstäblich innerhalb von zwei Wochen auf den Markt gebracht werden», sagt Dan Weiss, der für die linkslastige Denkfabrik Center for American Progress arbeitet.

Sollte der Durchschnittspreis für eine Gallone Benzin (3,78 Liter) tatsächlich landesweit auf über 4 Dollar steigen – derzeit beträgt er 3.50 Dollar –, «dann würde dies die Preisblase zum Platzen bringen». Selbst Präsident Barack Obama wurde schon gefragt, ob er einen solchen Schritt für sinnvoll halte.

Er wollte sich aber nicht festlegen. Der Präsident sei besorgt, sagte sein Sprecher Jay Carney vorige Woche, «weil er versteht, welchen Einfluss der Ölpreis auf den Benzinpreis und damit den Geldbeutel der Amerikaner hat».

Suche nach Erdöl intensivieren

Obama wird es sich gut überlegen, bevor er öffentlich Stellung nimmt. Denn einige Ökonomen behaupten, dass die Anzapfung der strategischen Reserven höchstens psychologische Folgen habe. «Materielle, spürbare Auswirkungen» auf die Preise seien ausgeschlossen, sagte Lawrence Goldstein von der Energy Policy Research Foundation der «New York Times». Goldsteins Arbeitgeber wird allerdings durch die amerikanische Ölindustrie finanziert – und die Multis finden, dass die strategischen Reserven nur in Krisenfällen angezapft werden dürfen. Besser wäre es, wenn die Suche nach dem schwarzen Gold in den USA intensiviert würde.

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