Baden steht auf dem Prüfstand. Nachdem der US-Konzern General Electric (GE) im Rennen um den französischen Konzern Alstom das Rennen gemacht hat, könnte GE-Boss Jeff Immelt mit seinen Versprechen ernst machen. Er hatte dem französischen Staatspräsidenten François Hollande nämlich zugesichert, dass er bei einer Übernahme von Alstom die französische Stadt Belfort zum Hauptsitz der Sparte Thermal Power machen würde. Dass davon auf keinen Fall sämtliche rund 6400 Arbeitsplätze bei Alstom in Baden betroffen sein werden, machte Philippe Cochet vor ein paar Tagen klar: «Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe», so der Thermal-Power-Präsident vor Journalisten.

Die Studie «Headquarter-Standort Schweiz im globalen Wettbewerb» von Swissholdings, dem Verband der multinationalen Konzerne in der Schweiz, dem auch Alstom angehört, erklärt, was Cochet gemeint hat. Frankreich hat im Standortduell mit der Schweiz wenig Trümpfe im Ärmel: Das steuerliche Umfeld, genauso wie die arbeitsrechtlichen Bedingungen und die Rechtssicherheit sind weniger attraktiv. «GE-Chef Immelt wäre schlecht beraten, wenn er nach Belfort ziehen würde», sagt Swissholdings-Direktor Christian Stiefel.

Prohibitive Bedingungen

Unternehmen müssen in Frankreich nicht nur höhere Steuern bezahlen. Sie haben aufgrund des schon fast prohibitiven Kündigungsschutzes weniger Flexibilität, um auf Veränderungen im konjunkturellen Umfeld zu reagieren. Und sie müssen fürchten, dass der Staat sich einmischt. Der interventionistische Aktivismus von Frankreichs Finanzminister Arnaud Montebourg im Übernahmekampf um Alstom liess hier keinen Zweifel offen.

Zwar hat die Schweiz wegen der Masseneinwanderungs- und der Abzockerinitiative sowie der steuerlichen Auseinandersetzung mit der Europäischen Union in den vergangenen Jahren an Attraktivität eingebüsst. «Das hat bei internationalen Konzernen für Verunsicherung gesorgt», sagt Stiefel. Doch wenigstens in steuerlicher Hinsicht herrscht nun mehr Planungssicherheit, nachdem der Unternehmenssteuerstreit zwischen Bern und Brüssel beigelegt wurde.

Der springende Punkt sei aber: «Kein Unternehmen zieht nach Frankreich», so Stiefel. Im Falle von Belfort würde GE vielleicht von tieferen Mieten für die Büroräumlichkeiten und einem tieferen Lohnniveau für einfache Back-Office-Mitarbeiter profitieren.

Doch damit wäre wenig gewonnen – am wenigsten für Forschung und Entwicklung, die man ebenfalls zu den Headquarters-Funktionen zählt. Wenn schon, dann müsste GE die Jobs in diesem Bereich nach Asien verlegen. Es war ja gerade die starke Abhängigkeit von Europa, die Alstom operativ geschwächt und zum Übernahmekandidaten gemacht hatte.

Die Musik im Turbinengeschäft und vielen anderen Geschäftsbereichen spielt in den aufstrebenden Ländern Asiens. Deshalb verlagern viele Konzerne ihre Entwicklungstätigkeiten in den asiatischen Raum. «Firmen suchen die Nähe zu diesen Märkten der Zukunft», sagt Stiefel. Bei Alstom in Baden verweist man alle Überlegungen im Zusammenhang mit der Zukunft des Standorts Baden ins Reich der Spekulationen. Es gebe keine gesicherten Aussagen. «Die Arbeiten über mögliche Zusammenlegungen der Aktivitäten haben eben erst begonnen», so ein Sprecher gestern.