«Stets Fastfood zu essen, ebnet das Geschmacksempfinden ein.» Kein guter Befund des Chefs des Fleischverarbeiters Traitafina in Lenzburg, Markus Zimmermann (47). Ihm gibt zu denken, dass jungen Erwachsenen wichtiger ist, die neuesten Klamotten oder das aktuellste Handy zu haben, als Geld für gute Lebensmittel auszugeben.

Davor hat Zimmermann Respekt. Er versucht, die Produkte der ihm geführten Traitafina möglichst über die Qualität und nicht nur über den Preis abzusetzen. «Das ist ein harter Weg», stellt er fest. Der Konkurrenz- und Preisdruck ist enorm. Das geht nicht spurlos an KMUs wie der Traitafina mit rund 300 Beschäftigten vorbei. «Ich rechne damit, dass der Umsatz in diesem Jahr von 120 auf rund 110 Millionen Franken schrumpfen wird», sagt Zimmermann.

Gerangel um Gastro-Kunden

Ein Grund dafür sei, dass die Traitafina 70 Prozent ihres Umsatzes mit Restaurants und Hotels macht. Die Gastrobranche leidet stark unter den Auswirkungen des starken Frankens. Im ersten Quartal brach der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 5,4 Prozent ein, in den darauffolgenden Quartalen um 3,3 respektive 3 Prozent. Insbesondere in grenznahen Regionen bekommen Wirte zu spüren, dass sich viele Schweizer lieber günstiger im Ausland verpflegen. Verdiene ein Gastronom weniger, versuche er erstmals billiger einzukaufen, stellt Zimmermann fest.

Der Hauptsitz der Traitafina AG in Lenzburg AG: Die einstige Tochterfirma der Konservenherstellerin Hero beliefert in erster Linie Restaurants und Hotels mit Fleischprodukten.

Der Hauptsitz der Traitafina AG in Lenzburg AG: Die einstige Tochterfirma der Konservenherstellerin Hero beliefert in erster Linie Restaurants und Hotels mit Fleischprodukten.

Ein Versuch ist das allemal wert. Immer mehr kleinere und mittlere Fleischverarbeiter drängen gemäss Zimmermann in das Geschäft mit der Belieferung von Restaurants und Hotels. Das Gleiche gilt für die Migros und Coop. Damit konkurrenzieren sie die Kleinen also nicht mehr nur in ihrem Stammgeschäft, dem Detailhandel. In diesem Bereich verlor Traitafina Kunden wie die Walo, die Epp und die einstigen Shell- und Esso-Tankstellen, nachdem deren Shops von Coop oder der Migros übernommen worden waren.

Migros-Betriebe als Konkurrenz

Wolle er heute einen Discounter beliefern, so Zimmermann, hänge eine Zusage zu 90 Prozent vom Preis ab. Dazu sagt beispielsweise Thomas Kaderli, Sprecher des von Migros übernommenen Discounters Denner: «In einem hart umkämpften Markt, der durch den Einkaufstourismus zusätzlich herausgefordert ist, erhält derjenige Lieferant den Zuschlag, der uns das beste Preis-Leistungs-Verhältnis offerieren kann.» Dazu müsse er auch die nötige Versorgungssicherheit für die rund 800 Verkaufsstellen sicherstellen.

KMUs müssen also auch gegen Industriebetriebe des orangen Riesen bestehen können. Immerhin geniessen die kleinen Mitbewerber laut Kaderli einen gewissen Schutz dank Richtlinien der Wettbewerbskommission. Abnehmer können die Zusammenarbeit nicht ohne weiteres aufkünden, wenn diese für kleine oder mittlere Lieferanten eine gewisse Relevanz erreichen. Dennoch geben viele KMUs in der Fleischbranche entweder auf oder lassen sich übernehmen, meist von einem der grossen Detailhändler. Zudem verschwinden im Durchschnitt Jahr für Jahr rund 50 Läden. Ende 2014 gab es noch rund 1100 Metzgereien.

Konsum schrumpft um 1 Prozent

Denn auch der Konsum schrumpft, trotz des herrlichen Grillwetters im vergangenen Sommer. Die abgesetzte Menge dürfte dieses Jahr um rund ein Prozent zurückgehen, schätzt ein Sprecher der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft (Proviande). Die Preise sanken bis Ende August um zwei Prozent. Das spürt auch die Migros, wie Sprecher Luzi Weber bestätigt: «Durch tiefere Beschaffungspreise, welche wir unseren Kunden in Form von tieferen Verkaufspreisen weitergegeben haben, liegen unsere Umsätze klar unter den Erwartungen.»

Der fehlende Umsatz könne aktuell nicht mit Mehrmengen kompensiert werden. Mit ein Grund sei der Einkaufstourismus, der sich den letzten Monaten nochmals verstärkt habe, sagt Weber: «Vor allem in den Filialen entlang der Landesgrenzen sind die Umsätze teilweise unter Druck.» Der frühere Solothurner Ständerat und heutige Präsident des Schweizer Fleisch-Fachverbands, Rolf Büttiker, schätzt, dass Schweizer dieses Jahr Fleisch für 1,5 Milliarden Franken ennet der Grenze einkaufen: «Jeder siebte Franken für Fleisch wird heute im Ausland ausgegeben. Das tut uns weh.»

Fleisch-Schmuggel boomt

Dazu kommt der Schmuggel. «Ich höre, dass deutsche Fleischfabrikanten Verteiler an der Grenze beliefern», sagt Markus Zimmermann, CEO der Traitafina AG. Diese Produkte sollen dann über Schleichwege in die Schweiz gelangen. Abnehmer dürften nicht nur Privatpersonen, sondern auch Wirte oder Hoteliers sein. Dazu sagt Walter Pavel, Sprecher der Eidgenössischen Zollverwaltung: «Dies können wir weder bestätigen noch dementieren. Aus einsatztaktischen Gründen äussern wir uns zu solchen Aussagen nicht.» Fakt ist: Jährlich fliegen Schmuggler auf, die versuchen, Dutzende von Tonnen Fleisch illegal in die Schweiz einzuführen. Involviert waren in diesen «gewerbsmässig organisierten Schmuggel im grossen Stil» mit hochwertigem Fleisch», so Pavel, «vorwiegend Detailhändler und Wirte.»

Viel Gegenwind also für KMUs wie die Traitafina. All diesen widrigen Umstände zum Trotz geht Zimmermann davon aus, die Talsohle erreicht zu haben. Das ist auch eine gute Nachricht für die 300 Mitarbeiter. Ein Stellenabbau ist nicht geplant, sagt er.