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Bei Roche geht der Forschungschef – sein Vermächtnis steht auf wackligen Beinen

Der Abgang von Forschungschef John Reed ist ein Verlust für Roche.

Der Abgang von Forschungschef John Reed ist ein Verlust für Roche.

Beim Basler Pharmakonzern Roche kommt es unverhofft zu einem Führungswechsel in der erweiterten Konzernleitung: John Reed, Forschungschef der frühen Medikamentenentwicklung von Roche, verlässt seinen Posten per April.

Wie der Konzern am Donnerstag bekannt gab, seien persönliche Gründe dafür verantwortlich. Der Amerikaner kehre zu seiner Familie in Kalifornien zurück, heisst es aus unternehmensnahen Kreisen.

Der Abgang ist ein Verlust für Roche. In den vergangenen fünf Jahren hat Reed massgeblich dafür gesorgt, dass der Pharmakonzern seine interne Forschung stärkt und weniger abhängig von teuren Zukäufen macht. Er hat mitunter vor allem Forschungsprojekte in der Neurowissenschaft vorangetrieben. Ein Blick in die aktuelle Pipeline zeigt, dass der Konzern über sechs zulassungsrelevante Wirkstoffe in dem Bereich verfügt. Das ist knapp mehr als im Krebsbereich, dem bisherigen Kerngebiet des Konzerns.

Das ist ein wesentlicher Schritt. Denn Krebsspezialist Roche will sich künftig wieder breiter aufstellen. So lautet die Botschaft von Konzernchef Severin Schwan. Die drei Krebs-Kassenschlager Herceptin, Rituxan und Avastin – Hauptumsatzpfeiler von Roche seit rund zwanzig Jahren – haben ihren Patentschutz weitgehend verloren. Bis 2019 ist Avastin in den USA noch geschützt. Die Nachahmerkonkurrenz gräbt Roche immer mehr Umsatz ab.

Machtkampf in der Forschung

Die Neurowissenschaft soll zum neuen Pfeiler des Konzerns werden. Die Arznei Ocrevus gegen multiple Sklerose hat in dem Bereich bereits mit der Lancierung vergangenes Jahr einen erfolgreichen Anfang hingelegt. Gleichzeitig, so sagen Kenner, habe sich die Forschung in Basel im Bereich der Neurowissenschaft gegenüber den Kollegen der Roche-Tochter Genentech in San Francisco unter Reed etablieren können. Seit Genentech 2009 vollständig in den Roche-Konzern integriert wurde, ringen Basel und San Francisco um die Vormachtstellung in der Forschung.

Dabei war San Francisco lange wesentlich stärker als Basel. Die drei Krebskassenschlager Herceptin, Rituxan und Avastin wurden im Labor an der Pazifikküste zur Marktreife gebracht. Das gilt auch für die jüngste Arznei, die Krebsimmuntherapie Tecentriq. Mit dem Aufbau der Neurowissenschaft baute die Forschung in Basel ein Gegengewicht zu San Francisco auf.

Wer ist der Neue?

Der Neuro-Bereich unterstreiche die Daseinsberechtigung der Basler Forschung, sagen Firmen-Kenner. Mit dem Abgang von Reed sei unklar, ob die frühe Medikamentenentwicklung in dem Bereich in Basel nun mit dem gleichen Engagement weitergetrieben werde. Sollte dies nicht der Fall sein, würde das die Forschung in Basel einmal mehr entscheidend schwächen und die Abhängigkeit nach San Francisco schon wieder verstärken.

Der neue Chef der frühen Arzneimittelentwicklung bei Roche heisst William Pao. Welchen Weg er einschlägt, wird sich wohl bereits in den nächsten Monaten zeigen. Der neue Mann an der Forschungsspitze ist ein renommierter Wissenschafter, ein schneller Denker, smart, unprätentiös und umgänglich – das zeigt sich im persönlichen Gespräch rasch immer wieder aufs Neue. In der Krebsforschung, der sich der 50-jährige Onkologe seit je verschrieben hat, kann ihm keiner so schnell etwas vormachen. Seit 2014 leitet Pao die frühe Krebsforschung bei Roche. Zuvor war er als Medizinprofessor an der Vanderbilt-Universität in Nashville (USA) tätig und leitete dort den medizinischen Lehrstuhl für Onkologie. Mit der Wahl von Pao bekräftigt Roche seinen Schwerpunkt in der Krebsforschung. Bleibt abzuwarten, was das für das Machtgefüge zwischen Basel und San Francisco bedeutet.

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