Interview

«Bei Raiffeisen tritt ein Sumpf zutage, der sich schwer austrocknen lässt»

Paradeplatz-Journalist und Raiffeisen-Kenner Lukas Hässig kritisiert die Bank, deren CEO Pierin Vincenz war.

Paradeplatz-Journalist und Raiffeisen-Kenner Lukas Hässig kritisiert die Bank, deren CEO Pierin Vincenz war.

Raiffeisen muss 300 Millionen Franken abschreiben wegen den Übernahmen unter Ex-CEO Pierin Vincenz. Doch weder er noch andere Exponenten sollen sich dabei «strafrechtlich relevant verhalten oder persönlich bereichert haben», besagt ein diese Woche veröffentlichter Bericht. Investigativ-Journalist und Raiffeisen-Kenner Lukas Hässig kritisiert die Bank dennoch scharf.

Herr Hässig, bedeutet der so genannte Gehrig-Bericht für die Bank eine Entlastung?

Lukas Hässig: Im Gegenteil, der Bericht bedeutet eine absolute Verschärfung der Lage. Raiffeisen versucht jetzt natürlich, den Aspekt der fehlenden Strafbarkeit in den Vordergrund zu stellen. Weil Berichterstatter Bruno Gehrig jedoch jene Geschäfte ausgeklammert hat, welche die Zürcher Staatsanwaltschaft untersucht, muss das nicht besonders viel bedeuten. Im 28-seitigen Bericht steht sehr viel, das der Bank grosse Sorgen bereiten muss – und bei genauerer Betrachtung vielleicht ebenfalls strafrechtlich relevant sein könnte. Deshalb scheint mir die entlastende Schlussfolgerung Gehrigs voreilig und wenig glaubhaft.

Worüber muss sich Raiffeisen Sorgen machen?

Bei den im Bericht untersuchten Beteiligungsgeschäften sehen wir mustergültig, wie das System Vincenz funktionierte. Es scheint kaum Grenzen, kaum Aufsicht und Kontrolle gegeben zu haben. Der Verwaltungsrat liess es zu, wie die Bankführung Geld verjubelte – Geld aus dem Vermögen der Raiffeisen-Genossenschaft.

Glauben Sie an eine Ausweitung der Strafuntersuchungen im Zusammenhang mit Übernahmen während der Ära Vincenz?

Ja. Die derzeitigen Untersuchungen der Zürcher Staatsanwaltschaft dürften nur die erste Welle darstellen. Momentan bereitet sie sich auf Anklagen zu Geschehnissen vor, mit denen sie sich schon lange befasst. Ich rechne aber damit, dass sie ihre Untersuchungen schrittweise ausweiten wird. Es dürften noch weitere Wellen auf Vincenz und Raiffeisen zukommen.

Sie befassen sich seit Jahren mit der Causa Vincenz. Hand aufs Herz: Wird der Ex-CEO im Gefängnis landen?

Für mich ist klar, dass die Staatsanwaltschaft eine Gefängnisstrafe fordern wird. Aber ich will öffentlich nicht darüber spekulieren, auf wie viele Jahre die Anklage lauten wird und ob das Gericht Vincenz schuldig sprechen wird.

Raiffeisen ist nicht die erste Schweizer Bank, welche negative Schlagzeilen produziert. Haben diese Skandale tatsächlich negative Auswirkungen – oder interessiert das die Kunden gar nicht?

Tatsächlich scheint es bisher zu keinem grösseren Kundenexodus gekommen zu sein. Dieses Verhalten ist typisch für Schweizer Bankkunden. Am Ende ist den meisten von ihnen der Aufwand dann doch zu gross, das Konto aufzulösen und die Bank zu wechseln. Und viele sind mit dem eigenen Kundenberater an der Basis und der regionalen Raiffeisen-Genossenschaft am Ende doch ganz zufrieden. Wirtschaftlich gesehen wird Raiffeisen auch den laut Gehrig-Bericht entstandenen Abschreiber von 300 Millionen Franken aus den Übernahmen in der Ära Vincenz verkraften können. Trotzdem wird Raiffeisen die Affäre Vincenz nicht schadlos überstehen.

Weshalb nicht?

Die Raiffeisen hat ihre Unschuld verloren. Vor dem Bekanntwerden der Vincenz-Affäre hat sie vom Ruf profitiert, die «letzte gute Bank» zu sein. Wer nichts mit den grossen «Bonus-Banken» vom Paradeplatz zu tun haben wollte, ging zur Raiffeisen. Auch aus diesem Grund wuchs Raiffeisen stark in den Jahren unter Vincenz – welcher die Bank gleichzeitig dynamischer und moderner machte. Sie bewahrte dennoch ihre sympathische Ausstrahlung als genossenschaftliche, regional verankerte Bank. Jetzt tritt ein Sumpf zutage, welcher sich in den Vincenz-Jahren ausgebreitet hat und sich nur schwer austrocknen lässt.

Wie kann sich Raiffeisen aus dem Sumpf befreien?

Das ist auf jeden Fall eine gewaltige Herausforderung. Es geht nur, wenn sich die Bank und alle ihre 11'000 Mitarbeiter vom Topmanager bis zum Schalterangestellten radikal selbst hinterfragen: Wo habe ich Fehler gemacht? Welche Warnsignale wollte ich nicht sehen? Es ist ein Reinigungsprozess nötig, um sich von diesem Sumpf zu befreien. Raiffeisen muss die Altlasten und Fehlentwicklungen der Ära Vincenz loswerden und sich neu aufstellen. Ohne dabei den guten Kern zu verlieren, den die Bank weiterhin hat.

Woraus besteht dieser?

Die regionale Verankerung, der Solidaritätsaspekt des ursprünglichen Raiffeisen-Gedankens können sicher Wegweiser sein, um die Bank wieder auf Vordermann zu bringen. Ob jedoch die Genossenschaftsstruktur weiterhin die geeignete Form ist, ist zumindest in Frage gestellt. Lange dachte man, dass Genossenschaften im Gegensatz zu Aktiengesellschaften Skandalen à la Vincenz gefeit seien. Jetzt hat sich gezeigt: Sie sind es nicht.

Ist die ganze Vincenz-Affäre ein Problem des Systems oder ist die Erklärung in der Person von Pierin Vincenz zu suchen?

Das ist eine spannende Frage. Vielleicht hat auch die Struktur der Raiffeisen dazu beigetragen: Die Raiffeisen-Zentrale in St. Gallen ist eine gemeinsame Tochter der 250 Raiffeisen-Genossenschaften im ganzen Land. Solange es in St. Gallen gut läuft, schauen diese nicht allzu genau hin. Aber das alleine ist keine hinreichende Erklärung: Migros oder Coop sind ähnlich aufgestellt und dort gab es keinen mit Vincenz vergleichbaren Fall. HInzu kommt, dass Vincenz ein Kind seiner Zeit ist. Lo

Was meinen Sie damit?

Der Aufstieg von Pierin Vincenz bei Raiffeisen begann in den Neunzigerjahren, als sich in der Schweiz die alten Netzwerke der Macht – die häufig in der Armee geknüpft wurden – ein Stück weit aufzulösen begannen. Das schuf Raum für starke Einzelakteure, die sich auch mal über Regeln hinwegsetzten. Es ermöglichte dynamischen Figuren wie Marcel Ospel bei der UBS oder Pierin Vincenz bei Raiffeisen den Weg an die Spitze. Dort fehlten dann häufig ebenbürtige Figuren, die ein Gegengewicht darstellten und Machtmenschen wie Ospel oder Vincenz hätten in Zaum halten können. Ich glaube deshalb, der wichtigste Erklärungsfaktor für die Affäre Vincenz ist das Versagen jener Leute, die ihn hätten kontrollieren sollen.

Wurde von der Finanzmarktaufsicht scharf kritisiert: Ex-Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm.

Wurde von der Finanzmarktaufsicht scharf kritisiert: Ex-Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm.

Was lief da falsch?

Der Verwaltungsrat der Raiffeisen während der Ära Vincenz bestand hauptsächlich aus Politikern, Bauernvertretern und anderen schwachen Figuren mit wenig ausgeprägtem Fachwissen. Dieser schwache Verwaltungsrat war nicht in der Lage, eine starke Figur wie Vincenz zu kontrollieren, die Drive hatte und mit Selbst- und Sendungsbewusstsein ausgestattet war. Dabei ist es in der Schweiz die gesetzliche Aufgabe des Verwaltungsrats, seine Aufsichtspflicht gegenüber der Geschäftsleitung wahrzunehmen. Wer das nicht tut, macht sich strafbar. Leider gelingt es den Strafverfolgungsbehörden äusserst selten, diesen Nachweis zu erbringen.

Hat die Schweiz ein generelles Problem mit schwachen Verwaltungsräten?

Für mich stellt sich tatsächlich die Frage, ob unser Land ausreichend bestückt ist mit fähigem Führungspersonal, das diese verantwortungsvolle Aufgabe erfüllen kann. Dabei wird man als Verwaltungsrat in der Schweiz im Gegensatz zu vielen anderen Ländern häufig fürstlich entlöhnt. Und trotzdem gibt es – nicht nur bei Raiffeisen – zu viele Schlafmützen und Ja-Sager in den oberen Führungsetagen. Das ist ein Problem, das wir in den Griff bekommen müssen – sonst geraten wir längerfristig gegenüber dem Ausland in Rückstand.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1