Baubranche

Baugewerbe schlägt Alarm: Einsprache-Flut macht Tunnelbauern zu schaffen – nicht nur beim Gubrist

Ein Mineur warnt mit einem Horn vor der ersten Sprengung, waehrend der Anschlagfeier der 3. Gubrist-Roehre, am Dienstag, den 21. November 2017, in Regensdorf. Der chronisch ueberlastete Autobahnabschnitt soll bis 2022 von vier auf sechs Spuren ausgebaut werden.

Ein Mineur warnt mit einem Horn vor der ersten Sprengung, waehrend der Anschlagfeier der 3. Gubrist-Roehre, am Dienstag, den 21. November 2017, in Regensdorf. Der chronisch ueberlastete Autobahnabschnitt soll bis 2022 von vier auf sechs Spuren ausgebaut werden.

Bei der Auftragslage für neue Tunnelprojekte sieht es – oft aus juristischen Gründen – düster aus. Werden weitere Grossprojekte zurückgestellt, könnte das Bauvolumen um 70 Prozent schrumpfen.

Der eiserne Zackenkopf des Baggers fräst mühelos in den sandigen Hügel. Die Erde rieselt auf die ersten Meter des feuchten Tunnelbodens am Gubrist. Die heilige Barbara, Schutzpatronin der Tunnelbauer, thront in einem Bildstock beim Eingang, hinter ihr schaufeln Arbeiter das abgetragene Material zur Seite. Nur noch ein paar Meter werden nötig sein, bis hier zum ersten Mal gesprengt werden kann.

Auf diesen Moment am Eingangsportal der dritten Gubrist-Röhre mussten die Arbeiter lange warten. Ganze zehn Jahre. Schuld waren politische und juristische Hürden. Solche Hindernisse und die damit einhergehenden Unsicherheiten hätten stark zugenommen. Diese Entwicklung gefährde die Planungssicherheit im Untertagbau in den nächsten zwölf Jahren, schreibt die Schweizer Branchenorganisation für Infrastrukturbau Infra Suisse in ihrer neusten Studie. Der Verband schlägt Alarm: Die Auftragslage für neue Tunnelprojekte schaut mageren Zeiten entgegen. Werden weitere Grossprojekte zurückgestellt, könnte das Bauvolumen bereits bis 2023 um 70 Prozent schrumpfen (vgl. Grafik).

Magere Aussichten im Untertagbau

Magere Aussichten im Untertagbau

Auf der Wartebank

Der Gubrist ist mit einer Investitionssumme von 444 Millionen Franken eines der wenigen Grossprojekte, das bis 2030 gesichert ist. Der Weg dahin war beschwerlich. Einer, der am Gubrist warten musste, ist Rolf Dubach. Der Ingenieur arbeitet für den Schweizer Bauriesen Marti und ist Chef auf dem Baustellenplatz in Regensdorf, wo vor wenigen Tagen die Arbeiten zur dritten Gubrist-Röhre begannen. Der Berner ist seit über 25 Jahren im Geschäft. Er weiss, wie man auf über 2500 Meter in den Glarner Alpen Pumpspeicherwerke erbaut oder vor der norwegischen Küste einen Tunnel unter Wasser bohrt. Seine Grossbaustelle am Gubrist hätte schon 2016 ihren Betrieb aufnehmen sollen. «Bei immer mehr Projekten müssen wir wegen Verzögerungen warten, bis wir mit der Baustelle loslegen können», sagt er und schreitet in zügigen Schritten über den Schlammboden, den die Raupen der Bagger mit tiefe Furchen versehen haben.

Immer mehr Schweizer Untertag-Firmen geht es wie Dubach. Sie drücken die Wartebank. «Das Beispiel Gubrist zeige exemplarisch, welches Ausmass Einsprachen haben können», sagt Matthias Forster, Geschäftsführer von Infra Suisse. In den vergangenen Jahren hätten diese stark zugenommen. Damit verzögere sie die Abwicklung grosser Bahn- und Strassentunnelprojekte in der Schweiz. Das gefährde die Planungssicherheit für Bauunternehmen. «Bis 2023 stehen bei Bahntunnels und Nationalstrasse mögliche Projekte im Wert von rund vier Milliarden Franken in der Schwebe», so Forster.

Schuld sei die aktuelle schlechte Auftragslage, obschon die Nachfrage eigentlich umfangreich vorhanden wäre. «Damit steigt die Unsicherheit bei den Schweizer Bauunternehmern. Sie wissen nicht, ob sie sich auf steigende oder sinkende Auftragsvolumen einstellen sollen.» Falsche Entscheide hätten gravierende Folgen.

Eine Grossbaustelle wie die am Gubrist bedürfe hoher Investitionen – entsprechend gross seien die finanziellen Risiken. «Diese Situation gefährdet Arbeitsplätze in der Schweiz», so Forster. Das Personal im Untertagbau sei hoch spezialisiert. Fehlten oder verzögerten sich Aufträge, müssen Stellen abgebaut werden. Damit geht Fachwissen verloren. Dieses fehlt, wenn sich die Auftragslage wieder verbessert.

Potenzial wäre vorhanden

Neben dem Eingangsportal am Gubrist reihen sich haushohe Stahlpfeiler entlang der Autobahn. Sie schützen die Bahntrasse, die extra für die Baustelle errichtet wurde. In riesigen Waggons wird hier bald täglich das abgetragene Gestein abtransportiert. Ein Jahr haben die Vorarbeiten gedauert, bis die erste Sprengung für den drei Kilometer langen Tunnel beginnen könne, sagt Baustellenchef Dubach.

Die Verzögerungen behindern. Denn potenziell könnte bis 2030 weit mehr gebaut werden. Würden die geplanten Grossprojekte bis dahin tatsächlich umgesetzt werden, so Forster, könnte das Bauvolumen im Untertagbau bis zu 30 Prozent zulegen. Gesichert seien aber nur Projekte, die gerade mal drei Prozent des heutigen Bauvolumens ausmachten.
Hier sieht der Branchenvertreter die Politik in der Pflicht, die juristischen Hürden zu senken – damit die Projektpipeline längerfristig wieder besser bestückt werden könne. «Das Parlament muss einen Rahmen schaffen, der die Einsprachen auf ein vernünftiges Mass reduziert», sagt Forster. Zudem sollten die Gerichte ihre Prozesse beschleunigen. Der Einspruch der Gemeinde Weiningen ging im Gubrist-Fall bis vors Bundesgericht in Lausanne. Der Prozessweg alleine dauerte gut zweieinhalb Jahre.

Besserung in Sicht?

Das Bundesamt für Strassen (Astra) investierte dieses Jahr 1,8 Milliarden Franken in den Ausbau nationaler Strassen. Damit ist das Astra der grösste Auftraggeber im gesamten Infrastrukturbau. Die Firmen buhlen um die Ausschreibungszuschläge, die das Amt verteilt. Die Branche wünsche sich klarere Ankündigungen vom Astra, wann das Amt welche Projekte starte, sagt Forster.

Mehr Planungsgenauigkeit sei in dem gesetzlichen Rahmen nicht möglich, sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Auch das Amt habe bei den öffentlichen Projektauflegungen mit immer mehr Einsprachen zu kämpfen. Hingegen gewinne das Astra mit dem Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds (NAF) ab Januar 2018 mehr finanziellen Spielraum, da die Finanzierung bei verschiedenen Ausgabenposten durchlässig sei.

So könnten freiwerdende Mittel, etwa als Folge von Projektverzögerungen, in andere, reife Projekte investiert werden. Das war bisher nicht möglich. Damit werde sich die Planungssicherheit der Baubranche verbessern, so Rohrbach. Der grösste Auftraggeber kann so mehr Projekte über einen längeren Zeitraum realisieren. Ob das so reibungslos funktioniert, wird sich nächstes Jahr zeigen.

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