Brexit

Banken verlegen ihren EU-Hauptsitz von London nach Frankfurt – Lobbyverband des Finanzplatzes sieht im «Brexit eine grosse Chance»

Das Bankenviertel in Frankfurt am Main.

Das Bankenviertel in Frankfurt am Main.

Frankfurt profitiert vom Brexit – zwar in geringerem Ausmass als prognostiziert. Doch die Mieten in der Main-Metropole dürften ansteigen, warnt der Gewerkschaftsbund.

«Den Brexit halten wir für keine gute Idee. Er schadet Europa, er schadet Grossbritannien und er schadet Deutschland», sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer von «Frankfurt Main Finance», dem Lobbyverband des Frankfurter Finanzplatzes, gegenüber unserer Zeitung. Doch der Finanzmarktexperte fügt hinzu: «Für Frankfurt als europäischen Finanzstandort ist der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union eine grosse Chance.»

Tatsächlich haben namhafte internationale Bankinstitute aus den USA, Japan, aber auch die beiden Schweizer Grossbanken Credit Suisse und UBS ihre Aktivitäten in der Metropole am Main in den letzten Monaten deutlich ausgebaut. Das Ausscheiden des wichtigsten europäischen Finanzplatzes aus der EU zwingt Banken, die in der EU weiterhin Finanzgeschäfte tätigen wollen, zu einem Wechsel an einen EU-Standort.

30 Banken verlegen ihre EU-Zentrale nach Frankfurt

Die 750'000 Einwohner zählende hessische Metropole steht dabei in einem Wettbewerb mit Paris, Luxemburg, Amsterdam und Dublin. Laut Frankfurt Main Finance hat der Brexit bislang zu etwa 1500 neuen Stellen im Frankfurter Bankensektor geführt.

50 Finanzdienstleister haben von der Bankenaufsicht die Lizenz für Deutschland erhalten, 30 Banken haben sich für Frankfurt am Main als EU-Zentrale entschieden. Laut Schätzungen des Lobbyverbandes werden dadurch 750 bis 800 Milliarden Euro an Bilanzvolumen von London nach Frankfurt verlagert.

Die Verlagerung der Arbeitsplätze an den Main ist in deutlich geringerem Ausmass geschehen, als Branchenexperten direkt nach dem Brexit vor dreieinhalb Jahren für Frankfurt prognostiziert hatten. Damals spielten Makler Szenarien durch, nach denen bis zu 36'000 Arbeitsplätze von der Themse an den Main wandern könnten.

Auch Hubertus Väths Lobbyverband prognostizierte weit optimistischer und rechnete in Frankfurt mit bis zu 10'000 neuen, durch den Brexit bedingten Jobs im Finanzsektor. «Diese Zahl erachten wir heute als sehr ambitioniert», sagt Väth.

So ist die Europäische Bankenaufsicht nicht von London nach Frankfurt umgezogen, wie es der Branchenverband zunächst gehofft hatte – sondern von London nach Paris. Nun hofft die Metropole am Main, das Euro-Clearing nach Frankfurt zu holen. Bisher wurde der Handel mit Derivaten an der Londoner Börse abgewickelt.

«Wir möchten, dass das Euro-Clearing hierher kommt», sagte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bereits vor einem Jahr. Er erhielt Unterstützung von Kanzlerin Angela Merkel. Für das Euro-Clearing sei «Frankfurt natürlich überhaupt der herausragende Ort», sagte die Regierungschefin.

Frankfurt kann nicht mit London konkurrieren

Offen ist, wie viele Unternehmen wegen des Brexits in den nächsten Monaten noch von London nach Frankfurt umziehen werden. Nach wie vor steht Grossbritannien mit der EU in Verhandlungen über die konkreten Modalitäten, welche der Brexit für den Finanzsektor mit sich bringen wird. «Die Unklarheit lässt viele Banken noch zögern», sagt Väth.

«Grundsätzlich wollen die Finanzinstitute ihre Zentralisierung in London nicht einfach aufgeben.» Laut Väth werde Frankfurt auf absehbare Zeit den Status als Finanzmetropole nicht erreichen, wie ihn heute London hat. «Wir können London nicht als Weltfinanzzentrum konkurrieren. London wird ein globales Finanzzentrum auch nach dem Brexit bleiben.»

Bis Sommer 2020 dürften nach Schätzungen der Hessischen Landesbank weitere 1000 Brexit-Banker an den Main umziehen, bis 2021 rechnet die Landesbank mit 3500 zusätzlichen Stellen in Frankfurt wegen des Brexits. Insgesamt dürfte Frankfurt laut einem Bericht der «FAZ» bis 2021 in der Bankenbranche über 64'500 Jobs verfügen.

Zum Vergleich: London zählt in der Finanzbranche heute fast 380'000 Arbeitsplätze. So oder so werden die neuen Jobs in der Banken- und Finanzbranche für einen Schub in Frankfurt sorgen: Einer Studie von 2017 zufolge gibt es einen Multiplikator pro neuen Job in der Bankenbranche vom Faktor 3,8 bis 8,8.

Das heisst: 10'000 neue Banker könnten insgesamt bis zu 38'000 bis 88'000 neuen Jobs führen – etwa für Lehrer, Reinigungsdienstleister oder Kinderbetreuungsdienste.

Gewerkschafter befürchten steigende Mietpreise

Bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Frankfurt am Main rechnet man ebenfalls mit positiven Auswirkungen des Brexits auf die Finanzdienstleistungsbranche. «Der Aufbau neuer Arbeitsstellen in Frankfurt ist noch nicht abgeschlossen», sagt IHK-Geschäftsführer Reinhard Fröhlich. Frankfurts Vorteil sei die gute Anbindung durch den nahe an der Innenstadt gelegenen, internationalen Flughafen.

«Diese schnelle Erreichbarkeit ist ein grosser Pluspunkt.» Zudem seien die Wohnungs- und Büromieten in der Main-Metropole im Vergleich etwa zu Paris sehr günstig. «Der Brexit hat die internationale Attraktivität des Standorts Frankfurt mit Sicherheit erhöht», schliesst der Experte.

Die Aussicht, dass viele gut bezahlte Banker in den nächsten Monaten in die Stadt ziehen werden, freut allerdings nicht alle in Frankfurt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht den Zuzug der Banker als Bedrohung für die Einheimischen. Zu befürchten seien steigende Preise auf dem Wohnungsmarkt. Der DGB warnt vor einem «wohnungspolitischen Super-Gau.»

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