Hat man aus dem Lehman-Fall die richtigen Lehren gezogen?

Martin Janssen: Man ist sich einiger Probleme wie «Too big to fail», Anreize, Transparenz und Beratungsqualität bewusst geworden. Es wurden, gerade in der Schweiz, einige Lehren gezogen. Aber wir sind noch weit von einem gut funktionierenden Markt entfernt.

Wäre das Bankensystem gegen eine Kettenreaktion bzw. einen Dominoeffekt heute besser geschützt?

Seit der Finanzkrise sind die grossen Banken – relativ betrachtet – oft noch grösser geworden. Einige grosse Banken haben ihre Kapitalverluste aus der Finanzkrise ausgleichen können und haben teilweise mehr Kapital als vor der Krise. Insgesamt sind die Banken aber kaum weniger verletzlich als vor der Krise. Und ob die Abwicklungsregeln im Notfall wirklich funktionieren werden, wissen wir nicht.

Wie zweckmässig sind die Eigenkapitalvorschriften?

Die Banken brauchen ohne Zweifel mehr Kapital. Die heutigen Vorschriften sind für die grossen international tätigen Banken nicht genügend.

Darf man den Banken die Berechnung ihres Kapitalbedarfs mit eigenen Modellen überlassen? Oder wäre das Leverage Ratio – das Verschuldungsverhältnis – besser?

Die richtige Lösung besteht aus einer Mischung aus beiden Verfahren und einer Kontrolle der Prozesse und Entscheidungen der Banken durch die Aufsicht. Allein auf die Leverage Ratio abzustellen oder die Berechnungen gar an die Aufsicht zu übertragen, wäre kein guter Entscheid.

Ist das «Too-big-too-fail»-Problem gelöst?

Nein.

Sind Trennbanken sicherer als Universalbanken?

In einer ersten Näherung ja. Aber auch eine Welt mit Trennbanken ist nicht a priori sicher. Wir dürfen nicht vergessen, dass selbst die grossen Schweizer Banken nur einen ganz kleinen Anteil am Weltmarkt haben. Es geht bei dieser Frage vor allem um die Interessen der Schweiz. Es darf nicht sein, dass der Schweizer Steuerzahler für Banken geradestehen muss, die schwergewichtig im Ausland tätig sind und mehrheitlich in ausländischem Besitz stehen. Und wir wollen auch nicht von Banken bedroht werden, die uns gehören.

Sind die Altlasten aus den Bilanzen beseitigt?

Die grossen Banken haben sicher viele Risiken aus ihren Bilanzen entfernt. Aber es ist nicht das Ziel, alle Risiken zu eliminieren. Wichtig ist, dass der Markt für Bankrisiken funktioniert und nicht durch Staatsgarantien und falsche Anreize aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Hier ist noch sehr viel zu tun.

Und – in der Summe der Erkenntnisse der letzten Jahre – wäre ein zweiter Lehman-Fall vermeidbar?

Nein, aber das ist auch nicht das Ziel. Auch grosse Banken müssen untergehen können, ohne dass der Steuerzahler zur Kasse genommen wird.