Donnerstag, 11.30 Uhr, Interviewtermin am Hauptsitz der Axpo in Baden. CEO Andrew Walo empfängt uns in seinem Büro. Er kommt direkt aus einer Krisensitzung: Vor einer Stunde hat die Nationalbank bekannt gegeben, den Mindestkurs aufzuheben – auch für die Axpo ein folgenschwerer Entscheid.

Herr Walo, was bedeutet der Nationalbank-Entscheid für Sie?

Andrew Walo: Die Wasserkraft hat im Vergleich zu 2009 bereits 2,5 Milliarden Franken an Wert verloren. Durch einen Wechselkurs von eins zu eins kommen nochmals 500 Millionen Franken dazu. Der wichtige Punkt dabei: Wir sind über drei Jahre gehedget, das heisst, wir sind bis Januar 2018 abgesichert. Für die Zeit danach allerdings nicht – und das sind Dimensionen, die signifikant sind.

Sie sind seit einem Jahr im Amt und Sie mussten bereits riesige Wertberichtigungen vornehmen und einen Verlust ausweisen. Bereuen Sie es schon, dass Sie das Amt angenommen haben?

Im Gegenteil. Es ist ein spannendes Umfeld und eine wichtige Funktion. Ich hatte sehr viele gute Begegnungen mit kompetenten Mitarbeitern. Ich wusste, welche Aufgaben anstehen. Dass der Weg steil wird, war mir klar.

Auch dass er so steil wird?

Er ist steiler und länger geworden, als wir vor einem Jahr gedacht haben. Das hat mit den Marktpreisentwicklungen zu tun, die von einem tiefen Niveau noch weiter runtergegangen sind, sowie mit den schlechteren politischen Rahmenbedingungen. Zudem haben wir die heutige Wechselkursveränderung vor einem Jahr natürlich nicht vorausgesehen.

Wir stecken in einer spannenden Diskussion: Bundesrat und Nationalrat wollen weg vom Atomstrom. Ist das realistisch?

Die Politik hat die Aufgabe, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass wir eine sichere, wettbewerbsfähige und umweltverträgliche Energieversorgung haben. Es ist unsere Aufgabe, dies bestmöglich umzusetzen. Trotzdem darf man Fragezeichen setzen, ob das, was der Nationalrat beschlossen hat, zu einer sicheren, wettbewerbsfähigen und umweltverträglichen Energieversorgung führt. Wenn man nach Deutschland schaut, wo die Energiewende ebenfalls beschlossen wurde, ist die Energieversorgung unsicherer, dreckiger und teurer geworden.

Was kommt auf die Schweiz zu?

Wenn wir die gleichen Fehler wie Deutschland begehen, wird das auch das Resultat in der Schweiz sein.

Ausser Deutschland und der Schweiz hat niemand einen derart radikalen Schnitt vollzogen. Haben wir überreagiert?

Das ist eine politische Frage. Ich glaube, man hat sich schon sehr an die deutschen Antworten angelehnt. Das Ganze ist noch nicht gesamtheitlich durchdacht.

Wie meinen Sie das?

Wir sind uns alle einig, dass wir die Energiewende mit einem reinen Fördersystem nicht schaffen. Das Lenkungssystem muss kommen. Das ist aber erst für 2020 vorgesehen. Erst wenn man das Lenkungssystem auf dem Tisch hat, kann man Konsequenzen daraus ableiten und schauen, ob das zum Ziel führt.

Wenn nicht gefördert wird, passiert aber auch nichts.

Die beste Kombination ist immer, wenn der Markt nach Angebot und Nachfrage Ökologie und Ökonomie zusammenbringt. Ein gutes Beispiel sind Wärmepumpen. Niemand muss heute noch Wärmepumpen fördern. Die lohnen sich für Hauseigentümer aus ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten. In der Zentralschweiz haben 80 Prozent der Neubauten Wärmepumpen.

Rund 60 Prozent der Stromproduktion der Axpo kommen aus Kernkraftwerken. Sie stehen vor einem riesigen Strukturwandel, Atomenergie hat keine Zukunft.

Ich halte das für eine gefährliche These! Wir werden uns noch über hundert Jahre lang mit Kernenergie beschäftigen – bis der letzte Brennstab der bestehenden Kraftwerke in einem Tiefenlager sicher versorgt ist. Wir sind darauf angewiesen, dass wir in 30 Jahren noch Fachleute haben, die sich intensiv mit der Thematik auseinandersetzen.

Finden Sie noch Leute, die in dem Bereich arbeiten wollen?

Wenn man permanent die Technologie in die Ecke stellt, als Altlast und ewiggestrig bezeichnet und sich die Leute rechtfertigen müssen, dass sie dort arbeiten – ist das noch attraktiv? Ich bin überzeugt, dass selbst die Abwicklung dessen, was wir heute haben, eine interessante, sehr wichtige Aufgabe ist. Ich würde heute nicht ausschliessen, dass eine künftige Generation in der Kerntechnologie Fortschritte macht, darum bin ich gegen das Technologieverbot.

Können Sie sich einen Ausstieg aus dem Atomausstieg vorstellen?

Das Parlament und der Bundesrat haben sich da klar festgelegt. Ich bin aber klar der Meinung, Kernkraftwerke sollen so lange laufen, wie sie sicher und wirtschaftlich sind. Man darf nicht vergessen: Wir machen das nicht aus Selbstzweck. Die Axpo gehört den Nordostschweizer Kantonen. Durch eine vorzeitige Abschaltung aus politischen Gründen würde Wert vernichtet. Wir haben einen Auftrag, uns für das Unternehmen und damit für Volksvermögen einzusetzen.

Wird es eine Volksabstimmung darüber geben, ob abgeschaltet werden soll oder nicht?

Es braucht unbedingt eine Volksabstimmung. Nicht nur über die Kernenergie, sondern über die gesamte Energiestrategie. Da werden wichtige Entscheide für künftige Generationen gefällt. Kernenergie macht heute 40 Prozent der Schweizer Energieversorgung aus. Die anderen 60 Prozent, die Wasserkraft, sind derzeit nicht rentabel. Das heisst, dass wir möglicherweise auf eine Importstrategie setzen und Strom aus deutschen Kohlekraftwerken importieren müssen.

Die Axpo investiert vermehrt im Ausland. Was bringt das der Schweiz?

Wir werden nach wie vor eine starke Produktion haben, Wasserkraft bleibt ein Pfeiler, genau wie die Kernkraftwerke. Der zweite Pfeiler sind unsere europäischen Aktivitäten. Wir haben uns frühzeitig sehr stark im Handel aufgestellt und sind mit 400 Mitarbeitern gut in 20 Ländern verankert. Wir müssen dorthin, wo Kunden und Geschäftsmöglichkeiten sind. Die sehen wir zunehmend in Europa und weniger in der Schweiz.

Aber eben: Was bringt das den Schweizer Stromkonsumenten, letztlich Ihren Eigentümern?

Sie haben ein Unternehmen, das gefragte Produkte anbietet. Wenn der Schweizer Strommarkt einmal vollständig offen ist, dann darf auch der Schweizer Konsument erwarten, dass die Axpo gute Produkte und Dienstleistungen anbietet. Zudem kann der Steuerzahler, der auch Stromkonsument ist, erwarten, dass wir den Wert des Unternehmens erhalten und steigern.

Trotzdem stellt sich die Frage nach dem Auftrag eines Unternehmens, das dem Staat gehört.

Der Strom ist gesamteuropäisches Spielfeld. Es gibt eine physikalische Grundlage, dass ein Strommarkt nicht an der Landesgrenze isoliert angeschaut werden kann. Man muss europäisch denken. Die Einbindung der Schweiz ist sicher von Vorteil. Wir haben Europa etwas zu bieten – aber umgekehrt auch. Wir sind europäisch verbunden, deshalb ist es ein wichtiges Standbein für uns und für die Schweiz, gerade wenn man Strom importieren muss.

Was passiert mit den Axpo-Arbeitsplätzen in der Schweiz?

Das hängt von der wirtschaftlichen Entwicklung und vom Erfolg des Unternehmens ab. Leider müssen wir bis Ende 2017 netto 300 Vollzeitstellen abbauen, insgesamt sind etwa 400 bis 450 Stellen betroffen, davon ein grosser Teil in der Schweiz. In Europa hingegen werden wir in rentablen Bereichen auch Stellen aufbauen.

Ist es wichtig, dass wir in der Schweiz künftig unseren Strom noch selbst produzieren?

Als Stimmbürger würde ich das sehr dringend raten. Eine gute Infrastruktur trägt wesentlichen zu unserem Wohlstand bei. Ich fände es problematisch, wenn wir zu hundert Prozent vom Entscheid anderer Länder abhängig wären. Aus der Krim-Krise hat man gewisse Lehren gezogen, was die Abhängigkeit für unsere Versorgungssicherheit bedeuten kann.

Bei der Axpo liegt die Produktion der neuen Erneuerbaren wie Solar und Wind bei unter einem Prozent.

Relativ zur gesamten Stromproduktion. In absoluten Zahlen sind wir die grösste Produzentin von erneuerbaren Energien in der Schweiz. Wir sind ein wirtschaftlich geführtes Unternehmen und bauen nicht einfach etwas, weil wir das toll finden. Wir haben den Auftrag, Energie zu produzieren, die wirtschaftlich und umweltverträglich ist. Wir richten uns nach der Nachfrage.

Die Frage zielt dahin, dass die Energiewelt der Zukunft dezentral und erneuerbar sein wird und die Frage ist, wollen Sie daran teilhaben oder nicht?

Selbstverständlich! Seien Sie mir nicht böse, aber ich höre aus Ihren Fragen einen gewissen Vorwurf heraus. Die Axpo verwertet 12 000 Megawatt Wind und Biomasse in Europa. 12 000 Megawatt, das sind zwölfmal das AKW Gösgen, die wir heute für Kunden verwerten. Wir sind sehr intensiv in der Windenergie involviert in Europa. Weil wir dort Geld verdienen. Das ist ein ganz starker Anker, den wir selbstverständlich ausbauen.

Was lässt sich in der Schweiz noch aus der Wasserkraft herausholen?

Nicht viel. Wir sind schon froh, wenn wir verhindern können, dass die bestehenden Wasserkraftwerke aufgrund zusätzlicher Abgaben, Gebühren und Auflagen nicht noch unwirtschaftlicher werden.

Wie sieht die Axpo der Zukunft aus?

Wir haben eine klare Strategie, die setzen wir um. Es geht mehr in Richtung Europa. Die Axpo muss die Chancen des Marktes nutzen, sie ist kein Kernenergiedinosaurier. Wir haben die Kernkraftwerke, ich stehe zu dieser Verantwortung und wir machen das bestmöglich. Aber: Wir sind in einem Transformationsprozess mit klarer Ausrichtung und klaren Vorgaben.

Wann gehen Ihre Kernkraftwerke definitiv vom Netz?

Ich bin klar der Meinung, Kernkraftwerke sollen so lange produzieren, wie sie sicher und wirtschaftlich sind. Mit den Investitionen, die wir derzeit tätigen, könnte Beznau über 60 Jahre am Netz bleiben. Es macht keinen Sinn, ein Datum festzulegen. Wenn das Kraftwerk nicht sicher ist, muss es abgestellt werden.

Wenn Sie genug investieren: Könnten die Kernkraftwerke dann ewig laufen?

Es gibt Komponenten wie den Reaktordruckbehälter, die auf eine bestimmte Betriebsdauer ausgelegt sind. Ein Kernkraftwerk kann keine hundert Jahre laufen.