Interview

Axpo-Chef Andrew Walo: «Heutiges Wasserzinsmodell ist überholt»

Andrew Walo: «Die Bundespolitik steht in der Verantwortung für die Rahmenbedingungen, sonst sind die Ziele der Energiestrategie 2050 schlicht nicht erreichbar.» Sandra Ardizzone

Andrew Walo: «Die Bundespolitik steht in der Verantwortung für die Rahmenbedingungen, sonst sind die Ziele der Energiestrategie 2050 schlicht nicht erreichbar.» Sandra Ardizzone

Andrew Walo zu politischen Baustellen und zu den guten Zahlen des grössten Schweizer Stromversorgers. Das Umfeld für den Stromkonzern bleibt trotz dem guten Ergebnis schwierig.

Der Halbjahresabschluss der Axpo Holding weist nach sehr schwierigen Jahren in eine positive Richtung. Bei einer Gesamtleistung von 2,99 Milliarden Franken resultierte ein Unternehmensergebnis von 424 Millionen Franken (Vorjahr 372 Millionen). Firmenchef Andrew Walo sagt, wo Fortschritte erzielt wurden und wo er die grössten Baustellen sieht.

Herr Walo, nach drei Jahresabschlüssen mit zum Teil tiefroten Zahlen hat die Axpo im ersten Halbjahr wieder Gewinn geschrieben. Ist die Krise schon vorbei?

Andrew Walo: Es gibt drei Gründe dafür, dass wir trotz schwierigem Umfeld ein gutes operatives Ergebnis erzielt haben: Wir konnten das internationale Kundengeschäft erfreulich ausbauen. Bei den erneuerbaren Energien haben wir Fortschritte erzielt. Und wir sind bei unserem internen Kostensenkungsprogramm auf Kurs. Dennoch: Der Ausblick bleibt angespannt.

Warum hauptsächlich?

Unsere Branche kämpft weiterhin mit sehr tiefen Grosshandelspreisen. In der Schweiz sind die Rahmenbedingungen für einen wirtschaftlichen Betrieb unserer Kraftwerke nicht gegeben. Zudem werden wir nächstes Jahr den Wechselkurseffekt nach der Aufhebung der Frankenanbindung an den Euro spüren – verzögert, weil wir den Kurs nur bis Januar 2018 absichern konnten.

Ihr Halbjahresergebnis weist ein Plus von über 400 Millionen Franken aus. Jammern Sie und Ihre Branche da nicht auf Vorrat?

Wir haben hart für dieses Ergebnis gearbeitet. Dank Hunderten von Massnahmen schaffen wir es, unsere Kosten um 200 Millionen Franken pro Jahr zu senken. Aber bedenken Sie: Die Axpo produziert mit ihren Kraftwerken 25 Milliarden Kilowattstunden – das ist fast die Hälfte der Schweizer Stromproduktion, die voll dem Strompreiszerfall ausgesetzt ist. Wir mussten in den letzten Jahren Wertberichtigungen von fast 6 Milliarden Franken vornehmen. Das tun wir nicht einfach so.

Legen Sie denn jetzt bei Ihren Kraftwerken wirklich drauf?

Die Zahlen sprechen für sich: Der Grosshandelspreis liegt derzeit pro Kilowattstunde rund 3,5 Rappen unter unseren Gestehungskosten. Wir verlieren also Geld. Das kann und darf so nicht weitergehen. Die Bundespolitik steht in der Verantwortung für die Rahmenbedingungen, sonst sind die Ziele der Energiestrategie 2050 — eine sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche Energieproduktion – schlicht nicht erreichbar.

Sie sprechen von der Wasserkraft, die nicht mehr rentabel ist.

Aktuell beträgt der Grosshandelspreis pro Kilowattstunde rund 3 Rappen. Bei diesem tiefen Preis finden Sie niemanden, der in ein Kraftwerk investiert. Das betrifft aber nicht nur die Wasserkraft. Die Verzerrungen im europäischen und schweizerischen Strommarkt sind gewaltig und werden nicht so rasch verschwinden.

Ihr Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr.

Seit der nur teilweisen Marktöffnung für grössere Strom-Abnehmer haben wir zu viel Produktion, die wir am Markt unter Gestehungskosten realisieren müssen und damit nicht wirtschaftlich absetzen können. Gefangene Endkunden, die uns die Gestehungskosten bezahlen müssen, haben wir keine.

Und dieses Problem soll der Staat lösen?

Als Unternehmen tun wir unser Möglichstes. Wir senken Kosten, bauen die Produktion erneuerbarer Energien aus, und im internationalen Kundengeschäft, wo Wettbewerb herrscht, sind wir erfolgreich. Doch in der Schweiz können wir nicht von einem Markt sprechen. Es gibt keinen Strommarkt! Wir sind abhängig von den politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Die Energiestrategie 2050 muss konkretisiert werden: Was wollen wir als Ziel der Versorgungssicherheit? Wie viel Importe und wie viel Eigenproduktion wollen wir? Die Politik muss entscheiden, damit die Stromwirtschaft sich danach richten und ihren Auftrag erfüllen kann.

Die Wasserkraft, die 60 Prozent der Stromproduktion ausmacht, ist politisch unbestritten.

Aber wie sieht es in der Realität aus? Die Gestehungskosten betragen bei der Wasserkraft 5 bis 8 Rappen pro Kilowattstunde. Davon sind 35 Prozent Steuern und Abgaben, und weitere 40 Prozent sind Kapitalkosten. Hier müssen wir ansetzen. Denn die Betriebskosten machen lediglich 25 Prozent aus!

Sie denken an den Wasserzins. Kann er flexibilisiert werden?

Ja. Das heutige Modell mit einem fixen Betrag – unbesehen vom Marktpreis – ist überholt. Der Wasserzins sollte sich künftig aus einem Sockelbeitrag und einer marktpreisabhängigen Variablen zusammensetzen.

Viele Kantone, gerade auch die Bergkantone, sind auf die WasserzinsEinnahmen angewiesen.

Wir wollen mit den Kantonen und Gemeinden weiterhin gut zusammenarbeiten, wir sind gegenseitig aufeinander angewiesen. Ich habe früher in Uri gearbeitet. Ich weiss, wie wichtig der Wasserzins für das dortige Budget ist. Aber vergessen Sie nicht: Allein die Axpo zahlt 100 Millionen Franken Wasserzins pro Jahr. Wenn wir kein Geld mehr verdienen, können wir die Wasserzinsen langfristig nicht mehr zahlen. Der Ball liegt jetzt bei Bundespräsidentin Doris Leuthard. Meines Wissens schickt ihr Departement noch vor den Sommerferien einen Vorschlag für den «Wasserzins 2020» in die Vernehmlassung.

Aufgrund eines Vorstosses mehrerer Energiekonzerne, darunter der Axpo, hat der Nationalrat eine Art Abnahmegarantie für Wasserkraft diskutiert – und abgelehnt. Sie hätte Ihrer Branche auf Kosten der Konsumenten bis zu einer halben Milliarde Franken gebracht. Ist das jetzt vom Tisch?

Es geht darum, wie wir die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Produktion erhalten können. Ich spüre in Bern eine hohe Sensibilität für die Idee einer Grundversorgungsprämie. Ob sie ad acta gelegt wird oder ob der Ständerat diese oder eine andere Variante wieder aufnimmt, werden wir sehen.

Wenn Sie mit diesen Vorstössen scheitern: Müssen Sie dann Kraftwerke verkaufen?

Im aktuellen Umfeld gäbe es kaum Käufer. Aber man darf auch nicht dramatisieren. Die Axpo hat heute und auch in den kommenden Jahren eine solide Bilanz: Wir haben nach wie vor 5 Milliarden Franken Eigenkapital und eine Liquidität von 4 Milliarden Franken. Auch wenn der Grosshandelspreis noch bis Mitte der 2020er-Jahre tief bleibt oder gar weiter fällt, können wir diese Durststrecke überstehen. Wir haben einen sehr langen Atem.

Die Axpo musste aber Wertberichtigungen von fast 6 Milliarden Franken vornehmen. Könnten Sie einen weiteren Rückgang des Strompreises wirklich verkraften?

Ob die Talsohle beim Strompreis erreicht ist, weiss niemand. Aber wir rechnen sehr gewissenhaft, haben beispielsweise beim neuen Kraftwerk Linth-Limmern, das 2,5 Milliarden Franken gekostet hat, eine Milliarde bereits abgeschrieben. Wir sind überzeugt, dass wir bei den Wertberichtigungen realistisch unterwegs sind.

Das Atomkraftwerk Beznau 1 steht seit längerem still. Sie investierten dort 700 Millionen Franken. Wäre es ökonomisch nicht besser, es abzustellen?

Nein. Die Investitionen sind der Tatbeweis: Sicherheit geht vor Wirtschaftlichkeit. Und bezüglich Wirtschaftlichkeit muss man wissen: Ein Kernkraftwerk hat – im Gegensatz zu einem Gaskombikraftwerk – extrem hohe Fixkosten. Ihr Anteil beträgt 80, derjenige der variablen Betriebskosten lediglich 20 Prozent. Deshalb erwirtschaften wir beim Weiterbetrieb auf jeden Fall einen Deckungsbeitrag. Würden wir es abschalten, käme kein Geld mehr herein, es würde aber noch jahrelang viel Geld kosten.

Wenn es nach Ihnen geht, soll Beznau I offenbar Ende Juni wieder ans Netz?

Wir sind der Meinung, dass wir den Nachweis für einen sicheren Betrieb für insgesamt 60 Jahre bereits im vergangenen November erbracht haben.

Dennoch läuft das AKW noch immer nicht.

Es ist ausschliesslich Sache der Aufsichtsbehörde Ensi, zu entscheiden, wann es wieder ans Netz geht. Das Ensi hat noch Zusatzabklärungen gemacht, aber wie erwähnt: Das Ensi nimmt sich so viel Zeit und stellt so viele Rückfragen, wie es für nötig hält.

Die Schweizer Stromversorgung funktioniert auch ohne Beznau I bestens, warum halten Sie am Weiterbetrieb für nochmals 15 Jahre fest?

Den Sicherheitsnachweis haben wir bei der Aufsichtsbehörde eingereicht. Bei einem Weiterbetrieb haben wir Einnahmen – bei einer Abschaltung aber nur Kosten. Beznau kann zudem für die Versorgungssicherheit einen wichtigen Beitrag leisten. An einem sehr kalten Januartag in der Schweiz stammen bis zu 70 Prozent des Stroms aus Kernkraftwerken.

Was, wenn dereinst ein AKW nach dem andern vom Netz geht und der erneuerbare Strom nicht reicht? Bauen Sie dann Gaskombikraftwerke?

Wegen des CO2-Ausstosses wären Gaskombikraftwerke keine adäquate Alternative zu Kernkraftwerken. Die Stromproduktion wird zudem dezentraler werden. Aber wie es in 20 oder 30 Jahren genau aussieht, weiss ich nicht. Auf so lange Frist kann ein Unternehmen nicht planen – das kann nur die Politik. Eines aber ist klar: Die Kernenergie wird uns noch sehr, sehr lange beschäftigen – wegen des Rückbaus der Werke und der Entsorgung der Brennstäbe. Kernphysiker ist ein Job mit Arbeitsplatzgarantie.

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