Chemiekonzern Clariant
Ausnahme-Manager Hariolf Kottmann: «Wir wollten die Leute nicht rausschmeissen, mit denen wir über Jahre gut gearbeitet hatten»

Der 65-jährige Chef des Chemiekonzerns Clariant ist selten um ein deutliches Wort verlegen. Der Deutsche war vielen Stürmen ausgesetzt – und doch gibt es die Baselbieter Firma noch immer.

Andreas Möckli
Drucken
Teilen
Er strahlt fast immer eine grosse Ruhe aus: Der 65-jährige Hariolf Kottmann.

Er strahlt fast immer eine grosse Ruhe aus: Der 65-jährige Hariolf Kottmann.

Severin Bigler

Da sitzt er. Ein ruhender Pol. Kaum etwas auf dieser Welt scheint ihn, aus der Ruhe zu bringen. So zumindest der Eindruck. Seit zwölf Jahren prägt und formt er das Chemieunternehmen Clariant mit Sitz im Baselbiet. Der 65-jährige Deutsche ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Topmanagern. Kaum einer macht so klare Aussagen – und scheut auch die Reaktionen nicht, sollte die Botschaft un­angenehm sein. Geschliffene PR-Sätze oder Manager­geschwurbel sind ihm fremd.

Wer mit ihm ein Interview führt, erhält den Text nahezu unkorrigiert zurück. So bleiben Sätze stehen wie: «Mein Lohn befindet sich am oberen Ende dessen, was ich mir selber geben würde.» Das sagt er im Februar 2013, kurz vor der Abstimmung über Abzocker-Initiative. Die Bevölkerung wolle, dass das überbordende Bonusgehabe auf ein Normalmass reduziert werde. «Da kann kein vernünftiger Mensch etwas dagegen haben.»

Auf die Frage, dass Clariant selber alles andere als bescheidene Löhne zahle, antwortet er: «Wir orientieren uns am Markt. Wir haben deshalb weder ein schlechtes Gewissen, noch brauchen wir uns zu schämen.» Kottmann verdiente damals gut 7 Millionen Franken.

Nur einmal ist der sonst nüchterne Schwabe der Versuchung der Selbstdarstellung erlegen.

Nur einmal ist der sonst nüchterne Schwabe der Versuchung der Selbstdarstellung erlegen.

Severin Bigler

Zum Brexit, über den Grossbritannien drei Jahre später befand, sagte er: «Das ist Selbstmord. Wenn es den EU-Mitgliedern nicht gelingt, sich zu einem Verbund zusammenzuschliessen, spielt Europa in zwanzig Jahren keine Rolle mehr.»

Bei der Beinahe-Fusion der Eitelkeit erlegen

Doch auch Kottmann ist nicht ohne Fehler. Kurz vor der Bekanntgabe der Fusion von Clariant mit dem US-Chemiekonzern Huntsman erliegt er der Verlockung der Eitelkeit. Er lässt sich vor der Bekanntgabe des Deals von einem Kamerateam des Schweizer Fernsehens SRF begleiten.

Damit hat Clariant die Journalisten vor allen anderen über eine börsenrelevante Information ins Bild gesetzt. Ein Verstoss, den die Schweizer ­Börse mit einer Busse über 750'000 Franken ahndet. Selbstherrlich liess er sich inszenieren. Mit einer Limousine wird er zu Hause oberhalb des Zürichsees abgeholt. Als eigentlicher Strippenzieher wird er während der abschliessenden Verhandlungen porträtiert.

Für einmal ist der sonst nüchterne Schwabe der Versuchung der Selbstdarstellung erlegen. Doch die Fusion mit Huntsman scheitert krachend. Drei Investoren in den USA kaufen Clariant-Aktien und bringen das Vorhaben zum Scheitern. Es ist die schwierigste Zeit seit seinen Anfängen bei Clariant im Jahr 2008. Die «drei Aktivisten», wie Kottmann sie leicht despektierlich nennt, greifen den Deutschen auch persönlich an. Er spricht sogar von Drohungen, ohne Details zu verraten.

Peter Huntsman, Chef des gleichnamigen US-Chemiekonzerns, und Clariant-Chef Hariolf Kottmann künden im Mai 2017 die Fusion der beiden Firmen an. Der Zusammenschluss scheiterte später.

Peter Huntsman, Chef des gleichnamigen US-Chemiekonzerns, und Clariant-Chef Hariolf Kottmann künden im Mai 2017 die Fusion der beiden Firmen an. Der Zusammenschluss scheiterte später.

Siggi Bucher / KEYSTONE

Kottmann wird erstmals ­hörbar emotional, als er das Scheitern der Fusion an einer Telefonkonferenz erklärt: «Ich bin der Chef von Clariant.» Dies wohl an die Adresse der amerikanischen Gegenseite, die ihn am liebsten loswerden wollte. Seine sonst monotone, pastorale Stimme lässt ihn im Stich. Angesprochen auf Verletzungen, die der Streit hinterlassen habe, sagt er heute: «Wenn ich gewissen Leuten als eitel erscheine, muss ich das hinnehmen und damit leben. Ich behaupte von mir selber, dass ich nicht eitel bin. Ich bin kein egogetriebener Alleinherrscher.»

Das Geschäften bleibt ein holpriger Ritt

Kottmann wäre nicht Kottmann, hätte er sich nicht auch des Problems der gescheiterten Fusion entledigt. Mit der saudischen Chemiefirma Sabic findet er einen Käufer, der die US-Aktivisten für teures Geld auskauft. Doch auch mit den Saudis bleibt das Geschäften ein holpriger Ritt. Nach dem Mord am Journalisten Jamal Khashoggi durch ein saudisches Spezialkommando müssen sich die Baselbieter unangenehme Fragen stellen. Inzwischen gehören den Saudis gut 31 Prozent aller Clariant-Aktien. Niemand weiss, was die Araber mit der Beteiligung genau wollen – wohl auch Kottmann nicht.

Ist der 65-Jährige letztlich der Chef einer Firma, die es nach all den Wirren um Fusionen und Übernahmen gar nicht mehr geben dürfte? Saloppe Frage des Journalisten: «Letztlich sind Sie zu gross, um einfach den Stecker zu ziehen, aber zu klein, um alleine zu überleben.» Kottmanns Antwort: «Das was sie sagen, ist absolut richtig. Das ist die Realität, das ist nicht einmal salopp. Wir haben wirklich viel versucht, um die Firma so zu positionieren, damit sie ein anderes Level erreicht.»

Hauptsitz der Spezialchemiefirma Clariant in Muttenz BL.

Hauptsitz der Spezialchemiefirma Clariant in Muttenz BL.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Man könne immer über die Grösse einer Firma diskutieren. «Wir hätten schon vor fünf ­Jahren die Möglichkeit gehabt, bis zu einem Viertel des Personals abzubauen. Wir wollten aber die Leute nicht rausschmeissen, mit denen wir über Jahre gut gearbeitet hatten.»

Nun werden jedoch 1000 Stellen abgebaut. Mit rund 17'000 Mitarbeitern wird Clariant aber weiter versuchen, sich im Spiel des Fressens und Gefressenwerdens zu bestehen. Ab Januar übernimmt der Niederländer Conrad Keijzer die operative Leitung. Kottmann wird nach eineinhalbjährigem Doppelmandat wieder Verwaltungsratspräsident. Man traut es den beiden zu, dass sie es schaffen.