Interview

«Auslandschweizer wollen zurück»: Airline-Manager beobachtet Exodus

Emirates hat die Hygiene-Massnahmen an Bord seiner Flugzeuge verstärkt.

Emirates hat die Hygiene-Massnahmen an Bord seiner Flugzeuge verstärkt.

Juerg Mueller, Chef der arabischen Fluggesellschaft Emirates in der Schweiz, macht eine interessante Beobachtung. Er sieht die Aviatik-Zukunft deutlich positiver als die Swiss und sagt, weshalb Kunden vermehrt in der Business-Klasse sitzen möchten.

Die Corona-Zahlen steigen stark an. Wie leer sind Ihre Maschinen derzeit von Zürich und Genf nach Dubai?

Juerg Mueller: Global betrachtet beträgt die Auslastung durchschnittlich über 40 Prozent. Für einzelne Märkte geben wir keine spezifischen Zahlen bekannt.

40 Prozent werden es aber kaum aus der Schweiz sein. Die Swiss rechnet für den Winter eher mit 30 bis 40 Prozent.

In der Schweiz ist die Lage sicher schwieriger. Wir fliegen aber trotzdem bereits wieder fünf Mal pro Woche ab Zürich nach Dubai und drei Mal ab Genf. Zurzeit nicht mit der A380, sondern mit der kleineren Boeing-777. Dieses Flugzeug ist aber sehr geeignet für das Frachtgeschäft, das momentan natürlich besonders wichtig ist, um die Flüge kostendeckend durchführen zu können. Denn das Passagiervolumen ist noch ausbaufähig.

Wer reist derzeit überhaupt nach Dubai und von Dubai in die Schweiz?

Das sind verschiedene Reisende, Geschäftsreisende, Regierungsbeamte oder Kunden aus dem internationalen Genf. Und es gibt nach wie vor Destinationen, wohin Schweizer hinreisen können, vor Allem natürlich Dubai sowie die Malediven, Seychellen oder Tansania, welche wir via Dubai anfliegen. Manche reisen auch gleich für die ganze Wintersaison nach Mauritius oder Thailand.

Gibt es vermehrt auch Expats, die wegen der Corona-Krise der Schweiz den Rücken kehren und mit ihrem Hab und Gut in ihre Heimat zurückfliegen, um bei der Familie zu sein?

Definitiv. Wir verzeichnen vermehrt Einwegflüge verbunden mit privaten Container-Ladungen. Es gibt aber auch das umgekehrte Beispiel. Südafrika ging kürzlich wieder auf, und da haben wir gesehen, dass einige Auslandschweizer mit uns via Dubai in die Schweiz zurückkehren.

Wie hat sich das Buchungsverhalten verändert?

Einerseits wird äusserst kurzfristig gebucht. Und die Nachfrage nach Business- und First-Class-Sitzen ist relativ gesehen gestiegen.

Weil es dort mehr Abstand hat?

Ich gehe davon aus, aber wir fragen die Kunden nicht nach dem Grund.

Wird in Zukunft auch die Economy-Class luftiger, so dass man sich nicht mehr in einer Sardinenbüchse wähnt?

Das erwarte ich mittelfristig nicht. Denn wenn es medizinische Lösungen gibt, sollte wieder Normalität herrschen. An Bord ist das Risiko winzig klein, sich anzustecken. Zudem ist das Platzangebot in unserer Economy-Class, nebenbei gesagt, äussert grosszügig, da wir nur Langstreckenflugzeuge betreiben.

Welche Art von Fracht transportieren Sie aus und in die Schweiz?

Wir sind auf den Export fokussiert, und da geht es vor allem um Schweizer Pharma-Produkte. Zuletzt haben wir auch wieder mehr Hightech-Produkte aus der Maschinenindustrie und Luxus-Güter wie Uhren exportiert. Das Frachtgeschäft ist derzeit äusserst robust.

Weltweit werden Airline-Stellen zu Hauf abgebaut. Die Swiss rechnet mit 1000 weniger Stellen. Im Juli hiess es, Emirates werde 9000 Stellen abbauen. Wie sieht es heute aus?

Wir haben uns in den letzten Monaten leider von guten Mitarbeitern in verschiedenen Ländern verabschieden müssen. Aber klar, wir befinden uns in einer Talsohle. Im nächsten Geschäftsbericht werden wir zum weiteren Verlauf bestimmt mehr sagen. In der Schweiz, wo wir rund 60 Angestellte zählen, befinden wir uns noch in Kurzarbeit.

Sie betreiben eine luxuriöse Lounge am Flughafen Zürich im Dock E, das momentan nicht in Betrieb ist. Haben Sie eine Mietzinsreduktion beantragt?

Wir sind in der Tat, wie auch andere Mieter, in Gesprächen mit dem Flughafen Zürich und suchen nach wie vor eine Lösung. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Die Swiss rechnet frühestens 2024 mit einer Rückkehr zu einem Flugvolumen von 2019. Und Sie?

Bei Emirates gehen wir davon aus, dass wir bereits im Laufe des Jahres 2022 auf das Vor-Covid-Niveau zurückkehren könnten.

Da sind Sie optimistischer als die gesamte Konkurrenz!

In Dubai sieht man das Glas nun mal immer halb voll und nicht halb leer. Fakt ist, dass die Nachfrage nach Reisen nach wie vor existiert. Ich bin überzeugt, dass die Buchungen rasch wieder steigen, sobald es medizinische Lösungen für Covid-19 gibt. Es wird auch einen Nachholbedarf geben, nur schon um Verwandte und Freunde im Ausland zu besuchen.

Vor der Pandemie setzten Sie auf der Strecke Dubai-Zürich den Riesenflieger Airbus A380 ein, der künftig nicht mehr produziert wird. Wird er je wieder nach Zürich fliegen?

Ganz sicher, die A380 kommt zurück. Er ist ein fester Bestandteil unserer Planung. Aber klar, er wird nicht übermorgen wieder in Zürich auftauchen.

Rechnen Sie mit vielen Groundings in den nächsten Monaten?

Vorerst nicht im grossen Ausmass, da die meisten Staaten den Airlines unter die Arme greifen. Auch wir haben einmalig Unterstützung von unserem Eigner, dem Emirat Dubai erhalten. Die Frage lautet überall: Reicht das? Das kann momentan niemand beurteilen.

Könnte auch Emirates irgendwann hops gehen, oder ist die Airline too-big-to-fail im Wüstenstaat?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn man sich die Geschichte von Dubai ansieht, merkt man rasch, dass der Aufstieg des Emirats mit dem Ausbau der Airline Hand in Hand verlief. Wenn es Dubai gut geht, geht es Emirates gut, und umgekehrt. Wir sind auch weiterhin überzeugt von unserem Geschäftsmodell und unserem Hub Dubai. Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage wieder steigen wird.

Wie ist denn die Situation in Dubai? Auch dort steigen die Fallzahlen ja stark an.

Die Regierung von Dubai und die Dubai Health Authority haben umfangreiche Massnahmen eingeführt, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Zudem ist Dubai bereits seit Juli wieder für Ferien- und Geschäftsreisende geöffnet und hat vom World Travel and Tourism Council als eine der ersten Städte weltweit eine Klassifizierung für Sicheres Reisen erhalten.

Zentral ist das Vertrauen der Passagiere in die Hygiene an Bord. Welche Massnahmen haben Sie lanciert?

Wir haben die Reinigung am Boden und an Bord intensiviert. In den Dubai-Lounges und an der Bar der A380 gibt es kein Self-Service-Buffet mehr, sondern vorgepackte Portionen. In den Flugzeugen haben wir Hepa-Filter, welche die Luft regelmässig reinigen. Wie aktuelle Studien unseres Branchenverbands Iata zeigen, ist es wahrscheinlicher, dass man von einem Blitz erschlagen wird, als dass man sich während eines Fluges mit Covid-19 ansteckt.

Erhalten Business- und First-Passagiere ein grosszügigeres Hygiene-Kit an Bord?

Unsere Hygiene-Kits sind für jeden Passagier gleich und enthalten Masken, Handschuhe, antibakterielle Tücher und Handdesinfektionsmittel.

Die Lufthansa-Gruppe forciert Corona-Tests, um gegen Quarantäneregelungen anzukämpfen. Welche Strategie verfolgt Emirates?

Wir richten uns in erster Linie an die Strategie der lokalen Regierungen. In Dubai zum Beispiel wird bei der Einreise– also nicht für Transit-Passagiere – verlangt, dass man einen negativen PCR-Test vorlegen kann, der nicht älter als 96 Stunden ist. Auch die Seychellen und viele andere Länder verlangen das. Wenn Sie von Dubai in die Schweiz fliegen, benötigen Sie hingegen keinen Test, Sie müssen aber je nach Ausgangsdestination in die Quarantäne. Aber klar, wir prüfen wie auch andere Airlines, wie wir dazu beitragen könnten, dass die Regierungen statt Quarantäne-Listen eher auf Tests setzen.

Die Swiss will solche Tests auch ab Flügen ab Zürich ausprobieren. Sprechen Sie sich mit ihr ab?

Klar, wir tauschen uns mit anderen Schweizer Airlines aus, wie man zum Beispiel ein einheitliches Testzentrum in Genf und Zürich lancieren könnte. Aber dafür braucht es das OK des Bundes und der Flughäfen.

Emirates hat damit begonnen, für allfällige Quarantäne-Kosten oder medizinische Behandlungen im Falle einer Corona-Erkrankung im Ausland für die Passagiere aufzukommen. Wie viel hat das bisher gekostet?

Eine Zahl habe ich nicht. Aber dieses Angebot kam sehr gut an, da es den Passagieren Vertrauen gibt. Es gilt vorerst bis Ende Dezember, danach müssen wir weiterschauen. Zum Vertrauen gehört aber auch, dass die Flüge, die wir anbieten, auch tatsächlich durchgeführt werden. Das ist bei der Konkurrenz bekanntlich nicht immer der Fall, bei uns hingegen schon.

Mit welchen langfristigen Folgen rechnen Sie beim Reiseverhalten in Zukunft?

Ich denke, dass die Branche mit einem blauen Auge davonkommt. Es wird immer Leute geben, die reisen möchten oder sogar müssen. Der Tourismus-Verkehr wird stark zurückkommen, sobald es eine Impfung gibt. Geschäftsreisen werden sicher weniger rasch erholen, da sich viele Firmen an Online-Videomeetings gewöhnt haben. Aber auch da rechne ich langfristig mit ähnlichen Volumen wie 2019.

Corona mag irgendwann Vergangenheit sein, die Klimadebatte hingegen nicht…

Klar, dieser Diskussion werden wir uns weiter stellen. In der Schweiz werden wir uns ja auf eine Flugticketabgabe einstellen. Diese Einnahmen sollen dann aber bitte für CO2 reduzierende Massnahmen in der Aviatik eingesetzt werden.

Waren Sie selbst in den letzten Monaten in Dubai?

Nein. Wir sparen!

Manager mit Swissair-Vergangenheit

Juerg Mueller (59)Juerg Mueller arbeitet seit mehr als 35 Jahren in der Reise- und Aviatikbranche und begann seine Karriere beim Tourismuskonzern Kuoni. Später war er in verschiedenen Management-Positionen bei der Swissair und der Swiss tätig. Seit 2007 ist er bei Emirates. Als Länderchef der arabischen Airline ist er für die Flüge ab Genf und Zürich nach Dubai zuständig. Mueller spricht fliessend Deutsch, Englisch und Französisch. Seit 2018 ist Juerg Mueller zudem Präsident des «Board of Airline Representatives Switzerland», der Vereinigung der in der Schweiz tätigen Airlines. (bwe)

Juerg Mueller (59)

Juerg Mueller arbeitet seit mehr als 35 Jahren in der Reise- und Aviatikbranche und begann seine Karriere beim Tourismuskonzern Kuoni. Später war er in verschiedenen Management-Positionen bei der Swissair und der Swiss tätig. Seit 2007 ist er bei Emirates. Als Länderchef der arabischen Airline ist er für die Flüge ab Genf und Zürich nach Dubai zuständig. Mueller spricht fliessend Deutsch, Englisch und Französisch. Seit 2018 ist Juerg Mueller zudem Präsident des «Board of Airline Representatives Switzerland», der Vereinigung der in der Schweiz tätigen Airlines. (bwe)

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