«Ich habe gewusst, dass dieser Tag einmal kommen wird», sagt der 86-jährige Heinrich Obrist aus Windisch. Jetzt muss er seine Autowerkstatt räumen, in der er knapp 70 Jahre gewirkt hat. Denn bald fahren die Bagger auf, um Platz für den Harmonie-Kreisel zu schaffen.

«Auch das muss alles noch weg», sagt Heinrich Obrist und deutet auf einige Kartonschachteln und Obstharassen mit Autobestandteilen - darunter antiken Scheinwerfern - die vor einem roten Ur-Mini in der Werkstatt stehen. Ein Gemälde zeigt die Front eines knallgelben Austin-Lastwagens. «Das war mein erster grosser Abschleppwagen», sagt Heinrich Obrist. «Das Bild hat mir einst jemand zum Geburtstag gemalt. Ich hatte es immer in der Werkstatt aufgehängt.»

Faible für die Engländer

Der Austin und der Mini - und die Reklametafeln, die einst auf die BMC- und Leyland-Vertretung hingewiesen haben - deuten unmissverständlich auf seine Verbundenheit zur britischen Automarke hin. «Ich habe die englischen Autos immer geschätzt», gesteht er. «Ich kann mir gar nicht vorstellen, weshalb die teilweise einen schlechten Ruf hatten. Nun gut. Vielleicht haben sie manchmal etwas Öl verloren. Der Mini da, ist aber 30 Jahre alt. Ich habe das Auto überholt und bei der Motorfahrzeugkontrolle vorgeführt. Den Mini behalten wir noch.»

An der Tür zum Büro hängen Plakate vom Bergrennen am Gurnigel aus dem Jahre 1995 und vom Bergrennen in Hallau. Und im Nebenraum, in der mechanischen Werkstatt, in der sich an der Decke immer noch die Transmission befindet, die einst Drehbank und Kompressor angetrieben hat, werden die Zeichen der Auflösung unübersehbar. Auch hier muss alles weg. Aber noch immer hängt an der Wand das Schild mit der Erinnerung «Feuerwehrauto: Batterie laden!». Immerhin war Heinrich Obrist während 40 Jahren Fahrzeugchef der Windischer Feuerwehr.

Knappe 70 Jahre lang hat er in der Werkstatt im markanten roten Gebäude gegenüber der «Harmonie» gearbeitet - wenn er nicht mit dem Abschleppwagen unterwegs zu Pannen und Unfällen war. «Ich bin am 1. August 1939 bei meinem Götti Walter Obrist in die Lehre eingetreten», erzählt er. «Kurz darauf habe ich zum ersten Mal ein Auto abgeschleppt.

Der Fahrer war in der Fahrrainkurve von der Strasse abgekommen. Bauer Gygax hat mit zwei Pferden den Wagen aus dem Acker auf die Strasse gezogen. Von dort habe ich ihn abgeschleppt. Ich war damals erst 16 Jahre alt. Die Polizisten haben zweifellos gemerkt, dass ich sehr jung war. Das war eine schöne Zeit. Ich vermisse sie schon etwas, Aber nochmals erleben möchte ich sie trotzdem nicht.»

«Früher war alles einfacher»

Früher, sagt Heinrich Obrist, sei alles einfacher gewesen. «Ich habe 57 Jahre lang Abschleppdienst gemacht und daneben während 30 Jahren Pannenhilfe im Auftrag des Touring-Clubs. Dabei hat man aber nichts verdient. Ich habe oft mehr Trinkgeld erhalten als für die Arbeit entschädigt wurde.»
Er habe stets Glück gehabt, stellt er fest. «Ich bin aber immer vorsichtig gewesen. Und ich habe am liebsten alleine gearbeitet. Ich wollte nicht noch auf jemanden aufpassen müssen. Ich habe mich nur zweimal verletzt. Einmal habe ich mir die Schulter ausgekugelt.

Einmal habe ich mich an der geborstenen Frontscheibe eines Autos, das ich zwischen Mandach und Böttstein bergen musste, am Handgelenk böse geschnitten. Ein Kantonspolizist, der auf der Unfallstelle war, hat mir einen Druckverband angelegt. Ich bin aber noch selber nach Brugg gefahren. Als ich in Begleitung von zwei Polizisten ins Bezirksspital gekommen bin, schien mir, dass sich die Krankenschwestern irgendwie seltsam verhalten würden. Ich erfuhr dann, dass sie aufgrund der Verletzung und meiner Begleiter zuerst gedacht hatten, dass ich mir die Pulsadern hätte aufschneiden wollen.»

«Die Arbeit hat mich erhalten»

«Ich bin jetzt 86», sagt Heinrich Obrist. «Einmal muss ich ja aufhören. Ich habe aber die Arbeit gebraucht. Sie hat mich erhalten. Ich hatte eine Aufgabe. Und zudem gab es mir in den letzten Jahren stets etwas Pümperligeld. Jetzt ist es aber so weit. Ich habe ja gewusst, dass dieser Tag einmal kommen würde. Jetzt geht eine Ära zu Ende. Die grösste Belastung ist das Räumen.»
Und so verschwindet jetzt seine Werkstatt sozusagen Stück um Stück.

«Die Spezialwerkzeuge hat einer geholt, der sich auf alte Minis spezialisiert hat», sagt Heinrich Obrist. «Dieses Gerät für die Einstellung von Scheinwerfern da, geht nach Serbien. Jemand hat gleich mehrere Motoren geholt. Und die restlichen Autos holen die Araber für den Export nach Afrika. Die Abschleppwagen, den Mowag und den Toyota, stellt mein Enkel ins Internet.» Vieles - darunter zweifellos einiges, was mancher «Autochlütteri» verzweifelt sucht - landet im Abfall-Container. Heinrich Obrist wäre aber nicht Heinrich Obrist, wenn er nicht einen Teil seiner Schätze retten würde. «Ich habe mir einen Baustellenwagen besorgt, den ich bei einem Kollegen einstellen kann», verrät er.

Und dann, wenn alles geräumt und das Haus abgetragen ist? Was dann? Heinrich Obrist lacht verschmitzt und versichert: «Mir wird nicht langweilig werden. Ich gehe oft mit einem Kollegen mit, der einen grossen Abschleppdienst betreibt. Ich habe von ihm sehr viel lernen können. Der Mann ist ein Genie. Er sagt, wie schon mein Lehrmeister immer gesagt hat: Es gibt nichts, was nicht geht. Daneben möchte ich noch einiges nachholen, was in all den Jahren zu kurz gekommen ist.»