MEM-Branche
Auftragseingang legt markant zu: Industrie hat ihren Tiefpunkt überwunden

Der Auftragsbestand der Maschinen-, Elektro- und Metall-Firmen stieg erstmals wieder markant an. Er legte im zweiten Quartal gegenüber der Vorjahresperiode gleich um 18,5 Prozent zu.

Roman Seiler
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Blick in eine Halle der Georg Fischer AG. Das Industrieunternehmen konnte den Umsatz im ersten Halbjahr um drei Prozent steigern. Damit zeige sich laut Vertretern des Branchenverbands Swissmem eine «dezente Morgenröte am Horizont».

Blick in eine Halle der Georg Fischer AG. Das Industrieunternehmen konnte den Umsatz im ersten Halbjahr um drei Prozent steigern. Damit zeige sich laut Vertretern des Branchenverbands Swissmem eine «dezente Morgenröte am Horizont».

Katastrophal wäre die Aufhebung der von der Nationalbank verordneten Negativzinsen, sagt Hans Hess, Präsident des Verbands der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (Swissmem), am Rand der Pressekonferenz über den Geschäftsgang der Industrie im ersten Halbjahr 2016.

Dann würde der Franken wieder stärker. Das schadete der Konkurrenzfähigkeit der Industriefirmen erneut. Das hätte zur Folge, dass Firmen weitere Arbeitsplätze ins Ausland verlagern würden.

Auftragseingang legt zu

Dann wären die Anstrengungen der Industriefirmen vergeblich gewesen, ihre Produktivität zu steigern. Massnahmen zur Kostensenkung sowie die Abschwächung des Frankens gegenüber dem Euro beginnen zu greifen.

Erstmals seit Mitte 2014 verzeichnete die Industrie einen markanten Anstieg beim Auftragseingang. Er legte im zweiten Quartal gegenüber der Vorjahresperiode gleich um 18,5 Prozent zu.

Um 1,8 Prozent erhöhte sich der Umsatz erstmals seit sieben Quartalen wieder. Eine derart lange Phase sinkender Umsätze habe es zuletzt wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2008 gegeben, so Swissmem-Direktor Peter Dietrich.

Margen bleiben unter Druck

Doch nun zeige sich «eine dezente Morgenröte am Horizont», sagt Dietrich. Dem stimmt auch UBS-Ökonomin Sibille Duss zu. Bei den Umsätzen und dem Auftragseingang der Swissmem-Firmen seien keine Einbrüche mehr zu erwarten: «Die Talsohle ist erreicht. Aber es ist noch zu früh, von einer Trendwende zu sprechen.» Das Problem seien die Margen: «Sie sind noch immer tiefer als vor der Aufhebung des Mindestkurses.» Dies gilt insbesondere für kleinere Firmen der Branche. Sibille Duss sagt dazu: «KMUs leiden weniger im Abschwung, profitieren aber auch weniger vom Aufschwung.»

Swissmem-Präsident Hans Hess zur Politik: «Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht»

Er sei «zutiefst besorgt» sagte Swissmem-Präsident Hans Hess. Die Schweiz stehe «mitten in einer noch nie da gewesenen Lawine von wirtschaftsfeindlichen Initiativen». Daher plädiert er dafür, die Initiative für einen Ausbau der AHV, für eine «grüne Wirtschaft», für einen Ausstieg aus der Atomenergie und für «Ernährungssicherheit» abzulehnen.

Und warnt: «Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.» Zudem warb er für die Annahme der Unternehmenssteuerreform III und warnte vor den Folgen einer Abschottung der Schweiz gegenüber dem Ausland. Die bilateralen Verträge mit der EU dürften nicht aufs Spiel gesetzt werden. Mehr Bürokratie gefährde die Erholung der Branche und damit Stellen.

Dietrich sagt, er blicke «verhalten positiv» in die Zukunft. Laut einer Umfrage des Branchenverbands rechnen 36 Prozent der befragten Unternehmer mit höheren Aufträgen aus dem Ausland. Überwunden sei die Baisse aber noch nicht ganz, so Dietrich. Und Hess sagt, angesichts der Tatsache, dass kein weltwirtschaftlicher Boom in Sicht sei, könne man nicht von einer «euphorischen Weiterentwicklung» sprechen.

Denn die gegenüber der Vorjahresperiode teilweise besseren Zahlen basieren auf einem tiefen Vorjahreswert. Die Exporte der Branche sind mit 31,6 Milliarden Franken im ersten Halbjahr praktisch gleich hoch wie im Vorjahressemester. Zugelegt haben die Ausfuhren von Präzisionsinstrumenten, Elektrotechnik und Metallen. In der «Königsdisziplin» der Schweiz, dem Maschinenbau, sind sie allerdings nochmals um 2,1 Prozent gesunken.

Beschäftigung steigt wieder

Erhöht hat sich der Absatz mit Kunden im EU-Raum und den USA. Deren Exportanteil hat sich innert vier Jahren von 9,7 auf 12,5 Prozent erhöht. Wichtigster Markt bleibt mit einem Anteil von 60 Prozent die EU. Hier erhöhten sich die Ausfuhren um 3,4 Prozent. Gewachsen ist der Absatz insbesondere mit deutschen, französischen und spanischen Abnehmern. Stark rückläufig waren hingegen die Lieferungen nach Asien, Russland sowie Brasilien. Hier belief sich das Minus auf 41 Prozent.

Positiv ist hingegen, dass im vergangenen Quartal die Beschäftigtenzahl erstmals wieder leicht angestiegen ist. Die MEM-Industrie beschäftigt aktuell 321 000 Angestellte. Das sind 9800 weniger als vor der Aufhebung des Euro-Mindestkurses und gar 30 000 weniger als 2008.

Denn Industriefirmen bauen heute ihre Kapazitäten vor allem im Ausland aus, wie Zahlen der Nationalbank belegen. 2004 beschäftigten die MEM-Branchen im Ausland ungefähr gleich viele Mitarbeiter wie heute in der Schweiz. 2014, also noch vor Aufhebung des Euro-Mindestkurses, waren es bereits 498 000, also rund 180 000 mehr also vor zehn Jahren.

Ein Beispiel dafür ist die Reichle & De-Massari AG in Wetzikon, wo Hans Hess als Verwaltungsratspräsident engagiert ist. Die Firma entliess 2015 in der Schweiz wegen der Frankenstärke 50 Personen. Laut Hess hat das Unternehmen in der Schweiz noch 300 Stellen.

Gemäss Geschäftsbericht 2015 baute die Firma in Bulgarien aber 250 Arbeitsplätze auf. Dort befinde sich nun der grösste Produktionsstandort. Das sei innert weniger Jahre geschehen, so Hess. Ausgebaut wurde auch der Sitz in Polen. In Indien verdoppelte sich die Produktion.

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