Zuwanderung

Arbeitgeber-Präsident Valentin Vogt: «Frauen müssen motiviert werden»

(Symbolbild)

Arbeitgeber-Präsident Valentin Vogt sieht auch Frauen in der Pflicht, um die Zuwanderung zu bremsen.

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Der Präsident des Arbeitgeberverbands Valentin Vogt sieht auch Frauen und Ältere in der Pflicht, um die Zuwanderung zu bremsen. Aber auch Unternehmen müssten ihren Teil beitragen. Zum Beispiel mit flexiblen Arbeitszeitmodellen für ältere Mitarbeiter.

Eine Umfrage der «Nordwestschweiz» zeigt: Die grossen Schweizer Unternehmen tun nichts, um die Zuwanderung zu bremsen. Beunruhigt Sie das?

Valentin Vogt: Starten wir zuerst mit den Fakten. Für zwei Drittel der Zuwanderung sind der Staat, das Gesundheitswesen und der Bildungsbereich verantwortlich. Ein Drittel der Zuwanderung geschieht durch die Wirtschaft. Es scheint mir deshalb etwas gar einfach, die Wirtschaft an den Pranger zu stellen.

Sie fühlen sich als Sündenbock?

Nein, aber ich wehre mich für die Arbeitgeber in der Schweiz. Probleme in diesem Land haben wir in der Vergangenheit nicht mit Schuldzuweisungen gelöst, sondern mit breit abgestützten Lösungen.

Die Wirtschaft steht mit dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative also nicht in der Pflicht, verstärkt Inländer anzustellen?

Doch. Die Wirtschaft ist sich in dem Teil der Zuwanderung, die sie verursacht, ihrer Verantwortung durchaus bewusst.

Nun lautet der Auftrag des Volkes aber, die Zuwanderung zu reduzieren. Wie wollen Sie das schaffen?

Potenzial sehen wir bei den Älteren, den Frauen und der Weiterbildung von gering Qualifizierten. Dazu braucht es gemeinsame Anstrengungen der Wirtschaft, des Staats und der Mitarbeiter selbst.

Bisher scheinen sich die Unternehmen nicht sehr angestrengt zu haben. Die Zuwanderung ist unverändert hoch.

Die Zuwanderung ist von Januar bis Juni im Vergleich zum Vorjahr um 5,5 Prozent zurückgegangen — und das bei einer weiterhin wachsenden Wirtschaft. Die bessere Ausnützung der oben erwähnten inländischen Potenziale lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Wenn man will, dass Frauen ihre Pensen erhöhen, braucht es bessere Tagesstrukturen in den Schulen. Und die Steuern müssen so gestaltet sein, dass sich das höhere Pensum für die Frauen auch finanziell lohnt. Das sind politische Aufgaben. Und letztlich müssen die Frauen auch motiviert werden, dass sie bereit sind, mehr zu arbeiten.

Ist es nicht etwas billig, die Schuld für die hohe Zuwanderung bei der Politik und den Frauen zu suchen?

Das machen wir ja auch nicht. Selbstverständlich gibt es auch Bereiche, in denen die Arbeitgeber selbstständig aktiv werden können. Zurzeit sind wir daran, im Hintergrund die Kräfte zu bündeln. Wir wollen nicht einfach einen Schnellschuss produzieren, der ohne Wirkung verpufft, sondern etwas, das Hände und Füsse hat und auch längerfristig hilft, das Potenzial besser zu nutzen.

Mit welchen Massnahmen?

Das werden Sie in ein paar Wochen sehen.

Auch Bundesrätin Doris Leuthard hat ihren Unmut über die Untätigkeit der Wirtschaft geäussert.

Ich habe das zur Kenntnis genommen.

Haben Sie schon mit ihr darüber gesprochen?

Nein. Aber zwei anderen Bundesräten haben wir erklärt, was unsere Pläne sind.

Wo kann die Wirtschaft denn ohne Hilfe der Politik etwas gegen die hohe Zuwanderung tun?

Zum Beispiel bei älteren Arbeitnehmern: Bei einer Umstrukturierung dürfen die Unternehmen nicht einfach reflexartig danach fragen, wie viele Mitarbeiter sie in die Frühpensionierung schicken können. Die Unternehmen müssen auch stoppen, Anreize für Frühpensionierungen zu setzen. Es wäre sinnvoll, Altersarbeitsmodelle einzuführen. So gilt es zu überlegen, ob nicht jemand ab 58 Teilzeit arbeiten kann, dafür aber über das ordentliche Pensionsalter hinaus im Betrieb bleibt. Aber auch in diesem Zusammenhang gilt es, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Zum Beispiel die mit dem Alter steigenden Pensionskassenbeiträge, die einen älteren Arbeitnehmer teurer machen als einen jüngeren.

Wie sieht es mit der Weiterbildung aus?

Natürlich können die Unternehmen auch hier mehr machen. Vor allem bei den Weiterbildungen für Mitarbeiter über 45 sind wir noch nicht da, wo wir sein sollten. Das hängt aber auch an den Mitarbeitern: Viele wollen ab 45 gar keine Weiterbildungen mehr machen. Wir sind bereit, unseren Teil dazu zu leisten.

Mit welchem Kontingent an Zuwanderern könnten Sie leben?

Eine starre Zahl wäre nicht sinnvoll. Die Anzahl benötigter Arbeitskräfte hängt unter anderem von der Konjunktur und der demografischen Entwicklung ab.

Hoffen Sie heimlich darauf, dass die Masseneinwanderungsinitiative gar nie umgesetzt wird?

Nein, die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative ist ein demokratischer Entscheid, den es zu akzeptieren und umzusetzen gilt. Nachdem das Umsetzungskonzept vorliegt, muss verhandelt werden. Wie die Resultate der Verhandlungen aussehen werden, weiss heute wohl niemand.

Sie denken an eine zweite Volksabstimmung über die Personenfreizügigkeit?

Jetzt auf eine zweite Abstimmung hinzuzielen, erachte ich als eine Hochrisiko-Strategie. Die bilateralen Verträge mit der EU sind der Königsweg für die Schweiz, und diesen gilt es zu erhalten. Das Schweizervolk hat sich am 9. Februar für eine Steuerung der Zuwanderung und nicht gegen die bilateralen Verträge ausgesprochen.

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