Diskriminierung

«Apples Kreditkarte ist eine verdammt sexistische Angelegenheit» – der Tech-Gigant am Pranger

Mit einer eigenen Kreditkarte will Apple Kunden enger an sich binden.

Mit einer eigenen Kreditkarte will Apple Kunden enger an sich binden.

Apple gibt in den USA zusammen mit Goldman Sachs eine Kreditkarte heraus. Jetzt erheben Nutzer Vorwürfe, dass die Bank bei der Vergabe der Kreditlimite Frauen diskriminiere. Apple versteckt sich hinter der Bank, die Bank hinter fragwürdigen Algorithmen.

Apple und die US-Investmentbank Goldman Sachs stehen wegen Geschlechterdiskriminierung in der Kritik. Konkret geht es um die angeblich willkürlichen Ausgabenlimiten bei der Kreditkarte Apple Card. Das New York Department of Financial Services (NY DFS) hat deshalb eine Untersuchung gegen Apples Bankpartner Goldman Sachs eingeleitet, berichtet die Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Die New Yorker Finanzaufsicht will demnach wissen, warum Männer bei gleicher Vermögenssituation offenbar deutlich höhere Kreditrahmen erhalten.

«Wir werden eine Untersuchung durchführen, um festzustellen, ob gegen New Yorker Recht verstossen wurde, und sicherstellen, dass alle Konsumenten unabhängig vom Geschlecht gleich behandelt werden», sagte eine Sprecherin der Behördenchefin Linda Lacewell gegenüber Bloomberg.

IT-Unternehmer prangert Apple und Goldman Sachs an

Den Stein ins Rollen brachte letzte Woche der in den USA bekannte Software-Entwickler David Heinemeier Hansson. Er schrieb auf Twitter, dass ihm der undurchsichtige Algorithmus hinter der Apple Card das Zwanzigfache des Kreditrahmens seiner Frau beschert habe, obwohl er und seine langjährige Frau finanziell gleichgestellt seien. Er werde zusammen mit seiner Frau steuerlich veranlagt, sie besässen gemeinsam Immobilien und seien lange verheiratet. Eigentlich habe seine Frau eine bessere Kreditwürdigkeit als er.

«Kein Einspruch dagegen» habe geholfen. Die individuelle Ausgabenlimite bei der Apple Card, die von Algorithmen bestimmt wird, sei eine «Blackbox», sprich völlig undurchsichtig, so Hansson.

Apple-Mitgründer Wozniak und seine Frau sind auch betroffen

Schützenhilfe bekam Hansson ausgerechnet von Apple-Mitbegründer Steve Wozniak: Dieser antworte auf Twitter, ihm und seiner Frau sei genau das Gleiche passiert. Er habe die zehn Mal höhere Kreditlimite erhalten, obwohl «wir keine getrennten Bank- oder Kreditkartenkonten oder andere getrennte Vermögenswerte haben». Es sei ausserdem «schwer, einen Angestellten für eine Korrektur zu erreichen», so Wozniak. Das sei «Big Tech im Jahr 2019», bilanziert der Apple-Mitgründer.

Mehrere Twitter-Nutzer berichteten in den letzten Tagen über ähnliche Erfahrungen mit der Apple Card. Am Montag, als die Vorfälle in den Medien breit thematisiert wurden, reagierte Goldman Sachs und teilte mit, dass sich die Bewertung der Apple-Card-Bewerber «an der Kreditwürdigkeit des Kunden» orientiere, jedoch nicht an Faktoren wie «Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, Alter, sexueller Orientierung oder irgendeiner anderen Bewertungsgrundlage, die gesetzlich verboten ist».

Da das Thema immer weitere Kreise zog und nun die Behörden ermitteln, wurde die Kreditlimite seiner Frau inzwischen erhöht, ohne dass Goldman Sachs zusätzliche Unterlagen verlangte, sagt Hansson. Der 40-jährige dänische Programmierer, der auch Sportwagenrennen fährt, glaubt selbst nicht, dass hinter den fragwürdigen Algorithmen eine «böse Person» stecke, die absichtlich «diskriminieren will».

Aber:

Offenbar lernten die Algorithmen Diskriminierung und weder Apple noch Goldman Sachs könnten dieses Verhalten bislang erklären, sagt Hansson. Am Montag doppelte der Programmierer auf Twitter nach und schreibt:

Hansson geht es laut Eigenaussage darum, eine Diskussion über die Rolle der allgegenwärtigen Algorithmen, die wir nicht verstehen, anzustossen. Es dürfe nicht sein, dass Algorithmen über unser Leben entscheiden, während Firmen wie Goldman Sachs oder Apple nicht erklären können (oder wollen), was genau dahinter steckt.

Das Thema beschäftigt auch die linksliberale Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren: Sie forderte im Juni, die Finanzaufsicht müsse «Massnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass die Antidiskriminierungsgesetze mit den technischen Innovationen Schritt halten». Von der Behörde heisst es: «Jeder Algorithmus, der bewusst oder unbewusst zu einer diskriminierenden Behandlung von Frauen oder anderen geschützten Gruppen von Menschen führt, verletzt New Yorker Recht.»

«Wie wenn man Foxconn anrufen müsste, wenn das iPhone kaputt ist»

Hansson wirft Apple zudem vor, sich nun hinter Goldman Sachs zu verstecken, obwohl man in der Werbung behauptet, es handle sich um eine Apple-Kreditkarte – und eben nicht um eine Kreditkarte einer Bank.

Warum Apple und Goldman Sachs gemeinsame Sache machen

Bei der Apple Card handelt es sich um ein gemeinsames Finanzprodukt von Apple, Goldman Sachs und Mastercard. Die Infrastruktur im Hintergrund wird von Goldman Sachs betrieben. Die Bank soll sicherstellen, dass Kreditkartenanträge schnell bearbeitet werden. Den Zahlungsverkehr selbst übernimmt Mastercard. Trotzdem wirbt Apple mit dem Slogan «Created by Apple, not a bank».

Die Karte besitzt ein Belohnungssystem mit dem Ziel, die Konsumenten zum Kauf immer neuer Apple-Produkte zu verführen – sprich eine langfristige Kundenbindung herzustellen. Für Apple ist die Karte nicht zuletzt ein Marketinginstrument, um seinen Bezahldienst Apple Pay zu pushen.

Der Name Apple Card dient Goldman Sachs primär dazu kaufkräftige Apple-Fans anzulocken, die lieber eine Kreditkarte von Apple als von einer Bank möchten. Effektiv steht hinter dem Produkt eine der mächtigsten und gleichzeitig berüchtigsten Banken der Wall Street. Goldman Sachs kann so neue Privatkunden gewinnen, die später allenfalls ein Darlehen aufnehmen müssen, weil sie Kreditkartenschulden haben (was in den USA weit verbreitet ist). Die Bank hat hierzu eine eigene Abteilung, die auf Kunden mit hohen Kreditkartenschulden spezialisiert ist.

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