Ab sofort ist eine Bewegung akut vom Aussterben bedroht: der Griff in die Gesässtasche. Menschen an der Supermarktkasse, die ihr Portemonnaie aus der Hose friemeln und dieses nach der richtigen Kreditkarte durchforsten oder gar den letzten Rappen passend genau aus der dunkelsten Ecke der Geldbörse herauskramen – sie werden ab heute noch weniger werden. Denn an diesem Donnerstag startet Apple in der Schweiz seine lang ersehnte Bezahlfunktion Apple Pay.

Apple Pay: So gehts.

Apple Pay: So gehts.

Video in Englisch.

Besitzer eines iPhones (ab Version 6) können die Funktion nutzen. Wer eine Apple Watch am Handgelenk trägt, kann sogar das Handy in der Tasche lassen, denn Apple Pay funktioniert auch mit der Smartwatch des US-amerikanischen Konzerns – selbst dann, wenn man das Handy gar nicht dabei hat. Zweimal kurz auf den Knopf an der Seite getippt, die Uhr ans Lesegerät gehalten und der Einkauf ist bezahlt. Beim iPhone reicht schon Handauflegen: Der Daumen auf dem Fingerabdrucksensor reicht aus, um zu bezahlen. Das Handy muss dafür nicht mal wach sein.

So aktivieren Sie den Bezahldienst Apple Pay auf Ihrem iPhone und richten ihn ein

So aktivieren Sie den Bezahldienst Apple Pay auf Ihrem iPhone und richten ihn ein.

In zigtausendfacher Ausführung sind die dafür nötigen kontaktlosen Visa-Terminals bereits im Land verteilt. In wenigen Jahren wird jedes Lesegerät funken können. Die Technik dahinter ist der Kurzstreckenfunk NFC.

Schweiz ist Nummer sieben

Um Apple Pay zu nutzen, muss indes nicht einmal unbedingt das Haus verlassen werden, denn die Bezahlfunktion geht auch beim Online-Einkauf. Viele Online-Shops in den USA und Grossbritannien haben Apple Pay in ihre iPhone-App integriert. Der Kunde erspart sich damit die mühsame Eintipperei von Adresse, Kontodaten usw., verspricht Apple. Auch in der Schweiz soll dies möglich sein: Flüge bei Easyjet können etwa mit der neuen Funktion bezahlt werden. Weitere werden folgen. Ab Herbst soll dann sogar das Bezahlen beim Online-Einkauf vom heimischen Computer aus – also nicht per App, sondern auf der Homepage des jeweiligen Geschäfts – möglich sein.

Was etwa in der britischen Hauptstadt London schon völlig normal ist – dort prangen die Apple-Pay-Aufkleber bereits von den Fensterscheiben der Taxis – geht jetzt also auch in der Schweiz. Nach den USA, Kanada, China, Australien, Singapur und dem Vereinigten Königreich ist die Eidgenossenschaft erst das siebte Land, in dem Apple seinen Bezahldienst einführt. Frankreich soll Nummer acht werden.

Dass Schweizer Apple-Nutzer so früh auf den Dienst zugreifen können, hat vornehmlich drei Gründe: Kredit- und Debitkarten sind hierzulande sehr akzeptiert und kontaktlose Bezahlterminals sind, auch dank den technologie-affinen Detailhändlern, weit verbreitet. Und zu guter Letzt spielt Apple die extrem hohe iPhone-Dichte in die Hände: Jedes zweite Handy in der Schweiz trägt den angebissenen Apfel auf der Rückseite – im internationalen Vergleich ein Spitzenwert.

Harter Kampf um Nutzer

Um Apple Pay nutzen zu können, reicht allerdings der Besitz der entsprechenden Apple-Hardware nicht aus. Auch auf die Kreditkarte kommt es an: Der Bezahldienst funktioniert derzeit nur mit einer hinterlegten Karte der Anbieter Corner Bank und Swiss Bankers. Ganz neu ist laut einem Bericht der «Handelszeitung» auch die deutsche Wirecard mit dabei.

Neben Swiss Bankers und der Corner Bank geben unter anderem die UBS und Postfinance Kreditkarten aus. Und die beiden haben sich, genau wie die Detailhändler Coop und Migros, die Swisscom und sogar der Börsenbetreiber SIX in letzter Zeit gegenseitig überboten mit Apps für das mobile Bezahlen. Jeder will ein Stück vom Kuchen. Vieles wurde wieder eingestampft oder zusammengelegt. Übrig geblieben ist letztlich das auf Bluetooth basierende System Twint, hinter dem sich die UBS, Credit Suisse, Postfinance, Raiffeisen, ZKB, SIX und die Detailhändler nun gemeinsam versammelt haben. Zuvor hatte ihnen Apple bereits einen Strich durch die Rechnung gemacht, indem es den NFC-Chip für andere Anwendungen als das eigene Bezahlsystem gesperrt hat (daher blieb nur die Bluetooth-Lösung). Dagegen läuft eine Klage der Stiftung für Konsumentenschutz bei der Weko.

Die Weigerung von UBS und Postfinance, mit Apple zusammenzuarbeiten, hängt wohl auch damit zusammen, dass man das eigene Modell schützen will. Das letzte Wort werden in jedem Fall die Kunden haben. Ab heute darf man gespannt zuhören, was sie sagen.