BP

Angst vor neuem Ölleck

Am Montag hielt die Verschlusskappe dicht: Es sprudelt kein Öl in den Golf von Mexiko. Fachleute sind allerdings auf Sickerstellen in der Nähe des Bohrlochs gestossen.

Renzo Ruf, Washington

Auf der Website des Ölmultis BP konnte sich gestern jeder besorgte Bürger ein Bild der Lage machen: Auf 15 Bildschirmen ist 24 Stunden pro Tag der Meeresboden vor der Küste Louisianas zu sehen – und tatsächlich ist der dunkle Strom, der während Wochen zu sehen war, verschwunden.

Seitdem BP eine Verschlusskappe auf dem Ölbohrloch installiert hat, fliesst kein Öl mehr in den Golf von Mexiko. Allein: Regierungskreise zeigen sich nach wie vor skeptisch über die Methode, mit der das Bohrloch temporär gestopft wurde.

«Ungeklärt Unregelmässigkeiten»

Übers Wochenende hiess es von Fachleuten, dass auf dem Meeresboden bei der im April explodierten Plattform Deepwater Horizon Rückstände gefunden worden seien. Die Rede war von einem Leck, die Details aber blieben unklar. Die Küstenwache sprach von «ungeklärten Unregelmässigkeiten», ohne allerdings auszuformulieren, wie viel Öl und Erdgas in der Nähe der Verschlusskappe aufgefunden wurden.

Thad Allen, der pensionierte Admiral der Küstenwache, der die Rettungsaktion beaufsichtigt, forderte BP auf, die Lage genau im Auge zu behalten. Auch rief er in Erinnerung, dass er die britische Firma jederzeit dazu zwingen könnte, die Verschlusskappe wieder zu entfernen – wenn beispielsweise die Druckmessungen Anlass zur Sorge gäben.

Angst vor Verschlimmerung

An der Golfküste geht die Angst um, dass der Test mit der Verschlusskappe die Situation verschlimmere. Gemäss dem schlimmsten Szenario könnte ein Druckanstieg im eigentlichen Öl-Reservoir und der Steigleitung dazu führen, dass sich das Öl einen anderen Weg an die Erdoberfläche sucht – und sich auf dem Meeresboden plötzlich Risse auftun. Dies würde weitere Rettungsarbeiten verunmöglichen.

BP wischt diesen Einwand nicht vom Tisch, verweist aber auf Druckmessungen. Diese sind so stabil, dass BP bereits davon spricht, die Verschlusskappe nicht mehr entfernen zu wollen. «Wir sind hoffnungsvoll», sagte der hochrangige BP-Vertreter Doug Suttles. Ursprünglich hiess es, dass die Verschlusskappe nach einer Testphase von 48 Stunden wieder entfernt würde. Admiral Allen erlaubte es BP aber, den Versuch auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Suttles sagte, dass die Absaugvorrichtungen innerhalb von wenigen Stunden wieder an Ort und Stelle gebracht werden könnte, falls die Verschlusskappe geöffnet werden müsste.

207 Millionen Dollar Schadenersatz

Derweil schreiten die Arbeiten an den Entlastungsstollen voran. Der erste Stollen ist gemäss BP-Angaben bereits 6000 Meter lang; geht alles nach Plan, kann das Bohrloch in der ersten August-Hälfte versiegelt werden. Für die Bewohner der Golfküste von Texas bis Florida sind diese positiven Meldungen allerdings nur ein schwacher Trost. Sie verweisen darauf, dass BP ihre Lebensweise zerstört hat. Insbesondere die Beschäftigten in der Tourismusindustrie, die im Juli und August eigentlich alle Hände voll zu tun haben sollten, erzählen von Buchungsrückgängen, stornierten Übernachtungen, halb leeren Restaurants und gesperrten Stränden.

Auch beklagen sie sich, dass es schwierig sei, Entschädigungszahlungen von BP zu erhalten. BP hat bereits 207 Millionen Dollar an Schadenersatz ausbezahlt – das sei aber nicht genug, beschwert sich die Regierung des Verwaltungsbezirks Jefferson Parish in Louisiana. Dort belaufen sich die bisherigen Kosten für die Aufräumarbeiten auf 2,5 Millionen Dollar; BP allerdings entschädigte den Bezirk nur mit 1 Million Dollar.

Entlastung könnte der Entschädigungsfonds bieten, der von BP mit insgesamt 20 Milliarden Dollar geäufnet wird. Anwalt Ken Feinberg, der die Auszahlungen ab kommendem Monat koordinieren wird, sagte jüngst: «Ein Geschädigter macht einen Fehler, einen schweren Fehler, wenn er kein Gesuch um Rückerstattung einreicht.»

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