Als Nationalbank-Präsident Thomas Jordan vor genau einer Woche die historische Entscheidung traf, den Franken vom Euro-Mindestkurs zu befreien, hat er auf ein Ereignis reagiert, das noch gar nicht stattgefunden hat. In Gedanken war er mit hoher Wahrscheinlichkeit beim heutigen Donnerstag – und bei Mario Draghi. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) wird aller Voraussicht nach ein unbegrenztes Kaufprogramm für Staatsanleihen ankündigen. Das letzte Wort hat der EZB-Rat. Es wäre ein historischer Entscheid, der eine neue Ära der Geldpolitik in Europa einläuten würde.

Draghi hat sich durchgesetzt, gegen alle Widerstände und Zweifel, die ihm vor allem aus Deutschland entgegenschlugen. Spätestens seit der Gutachter des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) Draghis Vorhaben letzte Woche als rechtmässig einstufte, scheinen alle Hürden aus dem Weg geräumt: Die EZB wird zum massenhaften Anleihekauf ausholen. Offen ist eigentlich nur, in welcher Höhe das geschehen wird. Die Rede ist von einer halben bis einer Billion Euro. Das Geld soll helfen, die Konjunktur im Euro-Raum anzukurbeln. Zugleich wird es jedoch den Aufwertungsdruck auf den Franken erhöhen.

Thomas Jordan hat keine hellseherischen Fähigkeiten, zumindest ist bis dato nichts darüber bekannt. Um vorauszusehen, was heute in der EZB-Zentrale in Frankfurt passiert, braucht er diese allerdings auch nicht. Zu eindeutig waren die Zeichen in den letzten Tagen und Wochen – mit der Gutachter-Einschätzung als Höhepunkt.

Mit allen notwendigen Mitteln

Angekündigt hatte es Draghi bereits im Juli 2012: Er werde alles Notwendige tun, um den Euro zu retten, sagte er damals. Dazu gehörte für ihn auch explizit der Kauf von Staatsanleihen. Ein entsprechendes Programm mit dem Namen «Outright Monetary Transactions» (OMT) brachte er im September desselben Jahres auf den Weg. Bis heute hat es die EZB nicht angewendet. Das könnte sich nun ändern.

Für seine Ankündigung wurde Draghi damals scharf kritisiert. Vor allem in Deutschland warf man dem gebürtigen Römer vor, er überschreite seine Kompetenzen als Währungshüter. Doch Draghi zeigte sich unbeeindruckt. Aus seiner Sicht war es notwendig, um die Stabilität des Euro zu erhalten. Und er hatte recht: Die blosse Ankündigung stabilisierte die völlig aus der Spur geratenen Finanzmärkte. Die Wirkung der Ankündigung scheint nun jedoch an ihre Grenzen zu stossen. Die Angst vor einer möglichen Deflation könnte Draghi zum Handeln veranlassen.

Ein Italiener beruhigt den Markt

Seit seiner verbalen Intervention vor drei Jahren gilt Draghi als Stabilisator des Euro. Diesen Ruf musste er sich hart erarbeiten, wurden doch bereits vor seinem Amtsantritt im November 2011 Zweifel laut. Der Hauptgrund: seine Nationalität. Ein Italiener, der die Stabilität des Euro garantieren soll? Für viele unvorstellbar. Doch beim genaueren Blick auf seine Person lösten sich viele Unsicherheiten rasch in Luft auf: Draghi besuchte die private Jesuitenschule Istituto Massimo in Rom, wo er anschliessend an der Universität La Sapienza studierte. Er promovierte am weltbekannten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, unter anderem beim späteren Chef der israelischen Nationalbank Stanley Fischer. Danach dozierte er an der Universität Florenz, bevor er als Direktor der Weltbank nach Washington ging.

1990 kehrte Draghi nach Italien zurück und ging zur Banca d’Italia, wo er unter Zentralbankchef Carlo Azeglio Ciampi arbeitete. Der Zusammenarbeit mit dem späteren italienischen Staatspräsidenten verdankte Draghi seinen Spitznamen: «Ciampi-Boy». In den 1990er Jahren war Draghi massgeblich daran beteiligt, Italien trotz miserabler Währungssituation als Gründungsmitglied in den Euro zu führen.

Draghis schwarzer Fleck

Seine Rolle bei der Integration eines anderen Landes in den Euroraum ist dagegen bis heute umstritten. Von 2002 bis 2005 war Draghi bei der Investmentbank Goldman Sachs International angestellt — und als Vizepräsident zuständig für das Europa-Geschäft. Die Bank soll Griechenland zum Euro-Beitritt verholfen haben, indem sie bei der Verschleierung des Haushaltsdefizits assistierte. Was Draghi selbst von den Geschäften mitbekam, als er ein Jahr nach dem Euro-Beitritt Griechenlands zu Goldman Sachs kam, ist unklar. Er selbst bestreitet jegliche Kenntnisnahme.

Kritisiert wird der Italiener auch für seine Verbindungen in die Bankenwelt. Wegen seiner Mitgliedschaft in der Group of Thirty – einem internationalen Kreis aus Noten- und Privatbankern – ermittelte bereits der EU-Ombudsmann. Dieser sprach Draghi allerdings vom Verdacht des Lobbyismus frei.

Heute steht Draghi exponierter im Rampenlicht als je zuvor. Die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, die sich derzeit in Davos versammeln, werden den Auftritt des 67-Jährigen genau beobachten. In Davos ist auch Thomas Jordan. Womöglich blickt er heute ein kleines bisschen entspannter nach Frankfurt als seine Kollegen – er hat ja bereits auf den Entscheid reagiert.