Die dunkelste Zeit im Leben von Svitlana S. begann an einem Frühlingsmorgen vor zwei Jahren. Beamte der Bundeskriminalpolizei klingelten sie aus dem Schlaf, durchsuchten ihre Wohnung und nahmen sie fest. Drei Monate sass sie in Untersuchungshaft.

Die heute 53-jährige Ingenieurin hatte zwanzig Jahre lang für ABB gearbeitet. Der Technologiekonzern war zu ihrer Familie geworden, wie die kinderlose Managerin sagt. Sie war die Verantwortliche für Marketing und Verkauf auf den Märkten in Osteuropa und dem Kaukasus. Noch heute wohnt sie gleich neben dem ABB-Hauptsitz in Baden.

Zum Verhängnis wurden ihr vertrauliche Geschäftsmails, die sie an einen Berater in Deutschland und einen Geschäftspartner in Tschechien weitergeleitet hatte. Sie beteuerte, immer im Interesse von ABB gehandelt zu haben. Der Berater habe ihr als Freund geholfen. Der Mann in Tschechien arbeite mit ABB zusammen.

Lektion für Bundesanwaltschaft

Doch ABB entliess die Mitarbeiterin und zeigte sie wegen Geschäftsgeheimnisverletzungen an. Die Bundesanwaltschaft klagte sie darauf wegen wirtschaftlichen Nachrichtendienstes an. Plötzlich stand die Frau im Zentrum eines Spionageprozesses. Sie wurde arbeitslos und krank.

Am Freitag trat Svitlana S. eine Fahrt in eine hellere Zeit ihres Lebens an. Als sie im Zug den Gotthard durchquert hatte, trockneten die Regentropfen auf den Fensterscheiben. Sie fuhr von der nass-kalten Deutschschweiz ins sonnig-warme Tessin.

In diesem Sinn fiel für sie in Bellinzona das Urteil des Bundesstrafgerichts aus: Der Einzelrichter sprach sie von der Anklage des wirtschaftlichen Nachrichtendienstes frei. Das Verfahren wegen Verletzung von Geschäftsgeheimnissen stellte er ein.

Den Staatsanwältinnen erteilte der Richter eine Nachhilfelektion. Er belehrte sie, was wirtschaftlicher Nachrichtendienst bedeutet: Bestraft wird, wer ein Geschäftsgeheimnis einer ausländischen Organisation oder deren Agenten zugänglich macht.

Svitlana S.’ Bekannter aus Deutschland verwendete zwar teilweise die geschäftliche Mailadresse seiner Beratungsfirma, doch gemäss Gericht handelte er tatsächlich als ihr Freund, als Privatmann, und half ihr bei Offerten und Verträgen. Er trat weder als Agent noch als Vertreter einer Firma auf. Seine Absicht war nicht, Geheimnisse weiterzugeben. Deshalb hatte die Bundesanwaltschaft zuvor ein Strafverfahren gegen ihn eingestellt. Aus dem gleichen Grund fielen die Anschuldigungen nun auch von ihr ab.

Der Freispruch erfolgte zudem, weil die Beweislage «prekär» war. So habe ABB nicht aufzeigen können, welche Mails die Frau weiterleiten durfte und welche nicht. Deshalb gilt der Grundsatz im Zweifel für die Angeklagte.

Auch die ABB-Anwälte erhielten vom Richter juristische Nachhilfe. Geschäftsgeheimnisverletzung ist ein Antragsdelikt und muss deshalb drei Monate nach Bekanntwerden des Vorfalls angezeigt werden. Der Richter rechnete der ABB-Rechtsabteilung anhand der Chronologie des Falls vor, dass sie die Anzeige eine Woche zu spät eingereicht hatte. Deshalb stellte er das Verfahren in diesem Punkt ein.

Ganz reingewaschen wurde die Ex-Managerin allerdings nicht. Strafrechtlich ist sie unschuldig, doch arbeitsrechtlich hat sie ihre Pflichten verletzt. Deshalb muss sie einen Viertel der Verfahrenskosten übernehmen und ABB eine Entschädigung zahlen. Gleichzeitig erhält sie von der Eidgenossenschaft eine Entschädigung und eine Genugtuung. Ein Nullsummenspiel.

Der Fall enthält Tragik und Ironie, wie der Richter in seinem Schlusswort bemerkte. Ursprünglich hatte Svitlana S. bei der firmeninternen Whistleblowing-Stelle Unregelmässigkeiten gemeldet: Andere ABB-Manager würden chinesische Produkte zu stark fördern. Sie sah die Interessen des Schweizer Industriestandorts in Gefahr. Doch die Vorwürfe erhärteten sich nicht.

In der Untersuchung wurden die ABB-Juristen dann aber auf Unregelmässigkeiten im Mail-Konto von Svitlana S. aufmerksam und sahen ihrerseits die Interessen des Schweizer Industriestandorts in Gefahr. Doch auch diese Vorwürfe erhärteten sich nicht.

Weil die ABB-Juristen in früheren Fällen Korruptionsanzeichen zu wenig ernst genommen hatten, wollten sie diesmal auf der sicheren Seite sein und hart durchgreifen. Sie haben den falschen Fall dafür gewählt, wie sich im Nachhinein zeigt.

Folgt ein zweiter Prozess?

Nach der Urteilsverkündung steht Svitlana S. vor dem Ausgang des Gerichts und blinzelt in die Sonne. Ihre Augen sind noch feucht von den Freudentränen. «Ab jetzt geht es in meinem Leben wieder aufwärts», sagt sie. Zuerst nehme sie Ferien, dann wolle sie zurück ins Berufsleben kehren.

Die ABB-Delegation steigt in den Zug und sucht nach Worten. Dann teilt der Kommunikationschef mit, was der Firma wichtig erscheint: «Das Gericht bestätigt, dass ABB einen begründeten Verdacht hatte, dieses Verfahren anzustreben.» Jetzt warte man auf das schriftliche Urteil und prüfe dann weitere Schritte. Möglich wäre ein zivilrechtliches Verfahren.

Zurück in Baden: Das Wetter hellt auf, aber die Sonne scheint noch nicht.