Seit Jahren liefern sich die beiden Pharmakonzerne Roche und Novartis ein Kopf-an-Kopf-Rennen, Roche leicht vorn, Novartis etwas zurück.

Beide gehören zur weltweiten Pharma-Elite. Sie messen sich mit Johnson&Johnson, Pfizer, Novo Nordisk, GSK, Merck & Co., Sanofi, Gilead und Bristol Myers Squibb. Punkto Pharma-Forschung sind sie unangefochtene Weltspitze: Sie geben je rund 10 Milliarden Franken dafür aus. Nur Google hat ein noch höheres Entwicklungsbudget. Novartis und im Moment besonders Roche investieren Milliarden. Sie sind hochrentabel. Sie haben Basel zu einem weltweiten Hotspot der Life-Science-Forschung gemacht. Novartis produziert auch in der Schweiz, vor allem in Stein im Fricktal; ein Fünftel der Schweizer Exporte geht auf das Konto von Novartis. Das schafft keine andere Firma in de Schweiz.

Die 33-Prozent-Beteiligung

Es gibt auch finanziell Verbindendes, nämlich die 33-Prozent-Beteiligung von Novartis an Roche. Der frühere Novartis-Chef Daniel Vasella strebte eine Fusion an und sicherte sich das Roche-Drittel. Doch heute scheint Novartis einem Verkauf nicht abgeneigt zu sein. Immerhin: Ein gutes Geschäft wars – weil die Roche-Aktie massiv zulegte und jährlich Dividenden abwarf.

Novartis-Aktie brach ein

Im Moment scheint in diesem Kopf-an-Kopf-Rennen Roche die Nase vorn zu haben. Der Kurs der Novartis-Aktie brach zwischen August 2015 und April 2016 rund 30 Prozent ein. Dies war drei Dingen geschuldet. Die Division Augenheilkunde («Alcon») harzt, die Margen brachen ein. «Novartis hatte zu wenig in die Entwicklung investiert. Es gab zu wenige Innovationen», sagt Stefan Schneider, Analyst bei der Bank Vontobel. Und offenbar war die Servicequalität der Firma schlecht. «Der neue Chef, Mike Ball, ist jetzt daran, das zu ändern.»

Roche

Roche

Zweitens lief das neue Herzmedikament Entresto schlecht an. «In den Tests hatte Entresto sehr gute klinische Daten geliefert. Aber Novartis meinte fälschlicherweise, das Medikament verkaufe sich allein wegen der guten Daten. Doch Kardiologen und ihre Patienten sind eher konservative Menschen und wechseln ihre Medikamente nur langsam», so Schneider. Ausserdem haben Krankenversicherer in den USA administrative Hürden errichtet. «Jetzt muss die Marketing-Mannschaft ran.» Ein dritter Grund für den Börsenrückgang war ein Bestechungsfall in den USA, der zwar bereits bekannt war, aber für Schlagzeilen sorgte.

Novartis

Novartis

Zuvor war die Novartis-Aktie recht gut unterwegs. Nach dem Rücktritt des Präsidenten Daniel Vasella 2013 verzeichnete sie einen fast kontinuierlichen Anstieg. Der neue Präsident Jörg Reinhardt setzte sehr viel in Gang. Reinhardt hängte das nie an die grosse Glocke, aber im Prinzip wurde die Vasella-Kultur beendet. Die Firma erwarb von Glaxo-Smith-Kline (GSK) die Onkologiesparte und brachte die Konsumentenprodukte mit GSK in ein Gemeinschaftsunternehmen ein, die Krebsmedikamente sind jetzt ein eigenes Sub-Departement. Gleichzeitig wurden die «Business Services» in einer Einheit zusammengefasst. Seit zwei Monaten erholt sich die Novartis-Aktie wieder.

Relative Ruhe bei Roche ...

Roche dagegen war meist in ruhigeren Gewässern. Die Verkäufe liefen gut, es wurde ein Produktportfolio entwickelt, das sich sehen lassen kann. Es gab keine grösseren rechtlichen Streitereien, hie und da wurde zwar eine Firma zu horrenden Preisen aufgekauft, wie etwa Intermune, für die Roche vor zwei Jahren mehr als acht Milliarden Dollar bezahlte. Börsenanalysten haben meist freundliche Einschätzungen für die Firma mit dem höchsten Gebäude der Schweiz: Es sind neue Medikamente in Entwicklung, «in der Pipeline», wie Fachleute sagen. Diese Medikamente würden den Wegfall von Präparaten, deren Patentschutz ausläuft, mehr als kompensieren, schreibt beispielsweise die Bank Berenberg in einer Analyse. Sowohl die Bank Berenberg wie auch Vontobel empfehlen die Roche-Aktie zum Kauf. Als ehemaliger Swiss-CEO weiss Roche-Präsident Christoph Franz nur zu gut, was es bedeutet, die Flughöhe zu halten: «Konstanten Schub», meinte Franz in einem Interview mit der «Nordwestschweiz».

... und kritische Stimmen

Alles in Ordnung an der Kleinbasler Grenzacherstrasse?

Es gibt kritische Stimmen. «Bei allen ist Roche der Darling, Roche bewegt sich unter dem Radar», sagt Michael Nawrath, Analyst der Zürcher Kantonalbank. 2014 habe Roche Misserfolge mit einem Lungenkrebs-Mittel in der klinischen Phase III verzeichnet. Es scheiterten ebenso Produktkandidaten gegen Alzheimer und Schizophrenie, und die Kombination von Kadcycla und Perjeta funktionierte nicht nach Wunsch. Insgesamt dürfte Roche damit wohl Milliarden an direkten Kosten und Opportunitätskosten in den Sand gesetzt haben, meint Nawrath. «Auf den Roche-Kurs hatten diese Meldungen erstaunlicherweise kaum einen nachhaltigen Einfluss», sagt er.

Wichtige Patente laufen ab

Ausserdem hat Roche drei Medikamente, Rituxan, Herceptin und Avastin, deren Patente in den kommenden drei Jahren sukzessive auslaufen. Und die rund 20 Milliarden Franken Umsatz machen. «Das ist ein Risiko, auch wenn alle schreiben, die Pipeline sei gut gefüllt mit neuen Medikamenten. Aber diese sind noch nicht auf dem Markt. Wir sehen Roche kritischer als Novartis», sagt Nawrath.

Auch Vontobel-Analyst Schneider sieht durchaus Druck auf Roche zukommen, beispielsweise aufgrund der Diskussion über Medikamentenpreise und den kommenden Biosimilars. Biosimilars sind Nachahmerprodukte für biologische Pharmazeutika. Die Herstellung dieser Produkte ist aber sehr anspruchsvoll. Nur etwa 10 Firmen weltweit wagen sich an solche Produkte.

Immun-Onkologie: Aufholen

Roche versucht jetzt, mit Vollgas bei der Immun-Onkologie einzusteigen und Boden gegenüber der Konkurrenz gutzumachen. Die Immun-Onkologie ist ein 100-Milliarden-Markt. Die Konkurrenten, allen voran Bristol Myers Squibb und Merck, hängen Roche ab. «Ich weiss nicht, wie Roche hier den Rückstand aufholen will», sagt Nawrath. Aus Analystenkreisen ist auch zu hören, das die US-Tochter Genentech noch immer in einem Konkurrenzverhältnis zur Muttergesellschaft stehe.

Roche erwartet in diesem Jahr ein Wachstum im einstelligen Prozentbereich, Novartis geht von einem Nullwachstum aus. Übernächste Woche werden beide Firmen ihre Halbjahresresultate vorstellen. Dann werden wir mehr wissen.