Analyse
Die Migros hat ein Alkoholproblem

Eine Debatte über das Alkohol-Verkaufsverbot in den Migros-Läden ist überfällig. In der Realität wird es von der Grossverteilerin ohnehin umgegangen.

Gabriela Jordan
Gabriela Jordan
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Die Debatte über das Alkohol-Verkaufsverbot der Migros ist überfällig.

Die Debatte über das Alkohol-Verkaufsverbot der Migros ist überfällig.

Luca Franziscus

Mit Blick auf ihre Geschichte und ihren Gründer gibt sich die Migros stets sehr stolz. Und das zu Recht. Gottlieb Duttweiler schuf vor bald 100 Jahren ein Unternehmen mit besonderen Werten. Er verkaufte günstig Lebensmittel an Arbeiter und Arbeiterinnen, stattete Genossenschaftsmitglieder (auch Frauen) mit dem Stimmrecht aus, rief mit dem Kulturprozent ein Kulturförderungsprogramm ins Leben – und verbot in seinen Läden den Verkauf von Alkohol und Tabak.

Seither sind jedoch viele Jahre ins Land gezogen. Gerade von ihrem selbst auferlegten Alkoholverbot hat sich die Detailhändlerin inzwischen weit entfernt. Eifrig sucht sie nach Schlupflöchern, tastet sich immer wieder an das Thema heran und lügt sich letztlich selber an. Denn Wein, Bier und Schnaps stehen bei dem Konzern längst in den Regalen, bei den Töchtern Denner, Migrolino, Alnatura oder Voi. Die Filialen der Discount-Tocher Denner stehen dabei praktischerweise oft direkt neben einer Migros und geizen nicht mit ihrem hochpromilligen Sortiment.

Statt den Verkauf von Alkohol – und Tabak – durch die Hintertür einzuführen, sollte die Migros endlich Farbe bekennen und das Verbot aufheben. Dies umso mehr, seit es Alkohol nun ohnehin unter dem Schriftzug Migros zu kaufen gibt: Der Onlinesupermarkt Leshop, über den die Migros schon vorher Alkohol verkaufte, wurde vergangenen Herbst in Migros Online umbenannt. Auch hier hat der Konzern eine Lücke in den Statuten gefunden. Er versieht die Produkte mit dem Hinweis «Partner», der klar machen soll, dass sie von Tochterfirmen wie zum Beispiel Denner stammen.

Dass mehrere Delegierte die Alkohol-Frage nun erneut aufgeworfen haben, ist daher zu begrüssen – und überfällig. Will die Migros ihre Glaubwürdigkeit wahren, kommt sie um diese Diskussion nicht umhin. Da das Unternehmen genossenschaftlich organisiert ist, kann diese nicht bloss in den Chefetagen stattfinden, sondern darf und muss von der Basis geführt werden, von den über zwei Millionen Genossenschafter und Genossenschafterinnen. An der Delegiertenversammlung im November könnte der Weg für eine solche Urabstimmung geebnet werden.

Gekippt werden dürfte das Alkohol-Verbot – zumindest vorerst – wohl trotzdem nicht. (Noch unwahrscheinlicher ist eine Lockerung des Tabak-Verbots, das ebenfalls zur Debatte steht.) Obwohl das Alkohol-Ja-Lager dem Vernehmen nach grösser geworden ist, scheinen die Nostalgiker, die Hüter von Duttweilers Visionen noch zu überwiegen. «Der Alkoholverzicht ist ein Heiligtum!», sagte etwa der ehemalige Migros-Finanzchef Mario Bonorand gegenüber CH Media. Er hält den Antrag allein schon wegen des Imageschadens und Renommee-Verlusts für nicht realistisch.

Die Frage ist allerdings auch, wie lange sich die Migros diesen Verzicht noch leisten kann. Das Marktumfeld ist für den Grossverteiler härter geworden. Rivale Coop holte im Geschäft mit dem Lebensmittelhandel schon in den vergangenen Jahren stetig auf. Im Pandemiejahr gewann er auf Kosten der Migros-Supermärkte noch mehr Marktanteile und erzielte im Kerngeschäft 12 Milliarden Franken Umsatz – und damit nur noch eine halbe Milliarde weniger als die ewige Nummer 1. Die deutschen Discounter Aldi und Lidl üben weiteren Druck auf den Marktleader aus.

Die fehlenden Rauschmittel in den Regalen sind dafür sicher nicht der einzige Grund – aber ein wichtiger. Wer Wein fürs Abendessen oder Bier fürs Grillfest braucht, erledigt seinen gesamten Einkauf halt lieber gleich bei Coop oder einem Discounter. Das Bedürfnis, alles effizient in einem Laden einzukaufen (in der Branche ist vom «one-stop-shopping» die Rede), wurde seit der Pandemie noch verstärkt. Ex-Migros-Finanzchef Bonorand schätzt, dass die Migros mit Alkohol bis zu 2 Milliarden Franken mehr Umsatz erzielen könnte – wobei sie ihre Tochterfirma Denner aber gleichzeitig schwächen würde.

Die Alkohol-Frage wird also, sollte sie diesmal unter den Teppich gekehrt werden, früher oder später wieder auftauchen. Und obwohl die Migros Teile ihrer Kundschaft, für die das Alkohol-Verbot zu deren Identität gehört, zunächst verärgern könnte, wäre eine Abschaffung nichts als ehrlich. Letztlich dürften sich auch die Kunden über ein erweitertes Sortiment freuen. Und die Migros über volle Kassen.