Herr Voss, Ihre Gewerkschaft ruft in Deutschland fast wöchentlich zu Streiks in Amazon-Logistikzentren auf. Bestellungen im Weihnachtsgeschäft sollen für Amazon-Kunden eine unsichere Sache bleiben. Sind sie das?

Ich denke schon. Wir sind mit unserer Streiktaktik unberechenbar. Amazon kann sich schlecht vorbereiten. Für das Weihnachtsgeschäft haben sie sich vorbereitet, indem sie den Beschäftigtenbestand mit vielen Saisonkräften aufgestockt und fast verdoppelt haben.

Amazon selber spricht von 13'000 Saisonkräften. So kommen die Weihnachtspakete trotzdem an.

Vielleicht. Aber Amazon muss einen Haufen Geld ausgeben, um gegenüber den Kunden sicherzustellen, dass das Lieferversprechen eingehalten wird.

Wollen Sie dem Unternehmen tatsächlich schaden?

Nein. Wir wollen, dass die Beschäftigten von Amazon ihren Anteil am Gewinn und am Erfolg des Unternehmens zu spüren kriegen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen verbessern und so weiter.

Geht das nur mit Streiks?

Amazon könnte es auch anders haben. Wir könnten miteinander reden, verhandeln und ausloten, was geht und was nicht geht. Kompromisse suchen, das würden wir gerne machen.

Sie wollen einen Tarifvertrag?

Ja. Wir wollen, dass Amazon die in Deutschland gesetzlich geregelte Tarifpartnerschaft akzeptiert. Amazon soll sich mit den von unseren Gewerkschaftsmitgliedern gewählten Tarifkommissionen an einen Tisch setzen und über Tarifverträge verhandeln.

Nur 35 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben einen Tarifvertrag. Ist das nicht ein Armutszeugnis für die Gewerkschaften?

Es ist vor allem die Folge einer schlimmen Entwicklung der Politik. Bis zur Jahrtausendwende hatten wir im deutschen Einzelhandel noch allgemein verbindliche Tarifverträge. Dann wurde politisch entschieden, das jedes Unternehmen selber entscheiden soll, ob es einen Tarifvertrag eingehen will oder nicht. Damit hat sich der Wettbewerb im Verkaufsprozess von der Qualität auf die reinen Lohnkosten verlagert.

Wie hoch ist der Organisationsgrad Ihrer Gewerkschaft bei Amazon?

Wir fingen mit einer Handvoll Mitgliedern in den einzelnen Standorten an und haben inzwischen einen Stand von weit über einem Drittel der Beschäftigten erreicht.

Ein mittleres Einkommen eines Amazon-Lagerarbeiters in Deutschland beläuft sich auf etwa 1760 Euro pro Monat. Kann man davon leben?

Das ist möglich, wenn man sehr bescheiden ist und zum Beispiel nie in den Urlaub fährt. Wenn man eine Familie und vielleicht noch Kinder hat, wird es sehr, sehr schwierig. Manche Beschäftigte von Amazon benötigen zusätzlich zum Lohn noch staatliche Hilfe.

Thomas Voss ist Sekretär des Fachgruppenbereichs Versand- und Onlinehandel bei der deutschen Gewerkschaft Verdi. Amazon ist ein bevorzugtes Ziel der Gewerkschaften und wird seit fünf Jahren regelmässig bestreikt.

Thomas Voss ist Sekretär des Fachgruppenbereichs Versand- und Onlinehandel bei der deutschen Gewerkschaft Verdi. Amazon ist ein bevorzugtes Ziel der Gewerkschaften und wird seit fünf Jahren regelmässig bestreikt.

Aber Ihnen geht es im Kampf mit Amazon um mehr als um die Löhne. Richtig?

Ja. Es geht um die grundsätzliche Anerkennung der Tarifpartnerschaft. Es geht darum, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Augenhöhe über Löhne und Bedingungen der Arbeit reden können. Es geht nicht primär um die Höhe der Löhne. Deshalb ist der Konflikt auch sehr grundsätzlich. Nehmen Sie zum Beispiel die exorbitant hohen Krankenstände, mit denen sich Amazon schon seit Jahren hervortut.

Was ist damit?

In gewissen Schichten betragen die krankheitsbedingten Absenzen um die 20 Prozent. Wir sind aufgrund unserer Befragungen der Beschäftigten von Amazon überzeugt davon, dass daran die Arbeitsverhältnisse schuld sind.

Wie sieht diese Arbeit denn aus?

Die Arbeit ist sehr monoton. Die Mitarbeiter erhalten einen kleinen Handscanner, der sie über jeden kleinen Arbeitsschritt unterweist und dessen Ausführung kontrolliert. Dazu gibt es körperliche Belastungen durch die langen Wege, welche die Mitarbeiter in den riesigen Logistikzentren täglich zurücklegen müssen. Wir sprechen von Hallen von bis zu 150'000 Quadratmetern. Vieles ist standardisiert. Die Pausenzeiten sind extrem kurz, die Schichten liegen eng aufeinander.

Wenn die Deutschen Betriebe bestreikt werden, kann Amazon nach Polen ausweichen. Was können Sie uns über Polen sagen?

Amazon hat sich europaweit ausgebreitet. Es gibt Logistikzentren von Spanien bis Polen, von Frankreich bis zur Tschechischen Republik und besonders grosse Zentren gibt es, wie Sie sagen, in Polen. Die sind in sogenannten Sonderwirtschaftszonen jenseits der Deutschen Grenze angesiedelt und beliefern fast nur Deutsche Kunden. Das ist für uns als Gewerkschafter natürlich blöd, weil wir eben nur national aufgestellt sind. Deshalb haben wir uns europaweit vernetzt.

Was verdient ein polnischer Amazon-Arbeiter, der nur für den Deutschen Markt arbeitet?

Er verdient 4 Euro und ein paar Cents. Jenseits der Grenze, in Leipzig oder Potsdam gibt es 10.50 bis 11.50 Euro.

Neben Amazon drängt mit Alibaba auch ein chinesischer Onlinehändler auf den Markt. Haben die Gewerkschaften überhaupt eine Chance?

Ich glaube schon. Aber die Frage stellt sich gar nicht. Amazon schafft neue Standards. Die extreme Arbeitsteilung ist eine moderne Form von Taylorismus, die wir aus der Frühzeit der Industrialisierung kennen. Ohne Gegendruck wird die Arbeitswelt bald ganz drastisch anders aussehen. Alibaba ist ein gutes Beispiel dafür, was der Standard bewirkt. Alibaba bietet in China sicher keine besseren Arbeitsbedingungen als Amazon hier bei uns.

Kommen unsere Weihnachtsgeschenke bald aus China, wenn Sie Amazon zu stark auf die Füsse treten?

Das glaube ich nicht. Das Geschäftsmodell von Amazon basiert ja darauf, die Kunden in kürzester Zeit beliefern zu können.