Normalerweise schlagen Personalentscheidungen der Wettbewerbsbehörde FTC (Federal Trade Commission) keine hohen Wellen. Als der Demokrat Rohit Chopra, einer der fünf Mitglieder des FTC-Leitungsgremiums, aber vor einigen Wochen bekannt gab, dass er Lina Khan als Rechtsberaterin anstellen werde, da läuteten zumindest bei Amazon die Alarmglocken. Denn die 29-jährige Juristin hat sich in jüngster Zeit als scharfe Kritikerin der Marktmacht des Online-Warenhauses einen Namen gemacht.

Beobachter werten ihre Anstellung und die Tatsache, dass die FTC heute Donnerstag und morgen Freitag in Washington eine Anhörung zu den Herausforderungen, mit denen sich der Konsumentenschutz im 21. Jahrhundert konfrontiert sieht, als Indiz dafür, dass Amazon ins Visier der Kartellwächter geraten ist.

Eine neue Volksbewegung

Khan ist eine selbstbewusste junge Frau. Sie sagt von sich, sie stehe an der Spitze einer neuen Volksbewegung, die der Meinung ist, dass Online-Detailhändler wie Amazon gegen Wettbewerbsgesetze verstossen. Diese Schlussfolgerung mag abstrus klingen, hat sich der 1994 von Jeff Bezos ins Leben gerufene Konzern doch dank seiner Tiefpreispolitik etabliert.

Khan stellt sich aber auf den Standpunkt, dass es im 21. Jahrhundert nicht mehr ausreiche, den Fokus auf die Preisgestaltung eines möglichen Monopolisten zu legen – und die Wettbewerbshüter die geltenden Kartellgesetze kreativer auslegen müssten. So verfolge Amazon mit seiner Tiefpreispolitik das Ziel, die Branchen, in denen das Online-Warenhaus tätig ist, gefügig zu machen.

Khan zieht den Vergleich zu der Marktdominanz, die einzelne Eisenbahnen in der frühen Geschichte der USA ausübten. «Die Tausenden von Detailhändlern und unabhängigen Geschäften, die dazu gezwungen sind, auf den Schienen von Amazon zu fahren, um auf den Marktplatz zu gelangen, sind zunehmend abhängig von ihrem grössten Konkurrenten», sagt sie.

Nachzulesen ist diese These in einem 96 Seiten zählenden Aufsatz, den Khan zu Beginn des vorigen Jahres für die Juristen-Zeitschrift «The Yale Law Journal» verfasste. Der Beitrag trägt den Titel «Amazon’s Antitrust Paradox». Darin zitiert sie auch den Öl-Magnaten John D. Rockefeller, gegen den die US-Regierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerichtlich vorging.

Solche Vergleiche sind es, die bei den Fürsprechern von Amazon auf scharfe Kritik stossen. Es könne doch nicht sein, schrieb Herbert Hovenkamp in einem wissenschaftlichen Artikel für die University of Pennsylvania Law School, dass die Konsumenten dafür bestraft würden, wenn Online-Warenhäuser ihre Produkte billig verkauften. Hovenkamp: «Dieser Ansatz würde dazu führen, dass unsere Volkswirtschaft sich im Steinzeitalter wiederfinden würde.»

Amazon nur ein kleiner Player?

Andere Stimmen sagen, dass Khan ignoriere, wie es Bezos gelungen sei, mithilfe technologischer Innovationen ganze Geschäftszweige aufzumischen. Amazon stellt sich übrigens auf den Standpunkt, dass die Firma global gesehen nur ein kleiner Mitspieler sei, mit einem Marktanteil von einem Prozent. Von einem Monopol könne also keine Rede sein.

Unterstützung erhält die progressive Juristin aber ausgerechnet von zwei konservativen Aushängeschildern. Präsident Donald Trump wettert auf dem Kurznachrichtendienst Twitter regelmässig gegen Jeff Bezos, der Besitzer der Tageszeitung «Washington Post» ist, und er hat Amazon auch schon als Monopolisten beschimpft.

Und sein Justizminister Jeff Sessions deutete kürzlich an, dass er – im Konzert mit ähnlich denkenden Justizministern aus den 50 Bundesstaaten – rechtlich gegen Internet-Firmen wie Amazon vorgehen könnte.