Herr Kressig, noch immer wartet die Menschheit auf ein potentes Medikament gegen Alzheimer, es gibt immer wieder Rückschläge bei der Forschung. Woran liegt das?

Reto Kressig: Offensichtlich ist die Alzheimer-Krankheit viel komplexer, als wir dies mit unseren bisherigen Hypothesen zur Krankheitsentstehung gedacht haben. Wir wissen heute viel zum typischen Verlauf und den typischen Hirnveränderungen bei Alzheimer, aber verstehen nach wie vor nicht, welche Veränderungen zu welchem Zeitpunkt zum Abbau der Hirnleistung führen.

Bedeuten die unbefriedigenden Ergebnisse der Studie von Eli Lilly für die Forschung einen Rückschlag?

Jede Studie, die nicht die erhofften Resultate bringt, ist enttäuschend. Aber wenn wir das Resultat zum Vornherein kennen würden, bräuchten wie die Studie gar nicht durchzuführen. Ich frage mich einfach einmal mehr, ob der Ansatz auf dem Amyloid-Weg, den man nun schon lange verfolgt, wirklich der richtige ist. Ich hätte bei dieser Studie doch etwas positivere Resultate erwartet, wurde doch ein neuartiger Antikörper eingesetzt, und dies bei Patienten in einem relativ frühen Stadium.

Gibt es andere Wege als der bislang eingeschlagene «Amyloid-Weg»?

Ja. Neben dem Beta-Amyloid werden auch die sogenannten Tau-Ablagerungen untersucht. Das wurde bisher nie gründlich gemacht. Aus Studien weiss man, dass die Ablagerungen aus Tau-Proteinen in einem direkten statistischen Zusammenhang zu den geistigen Fähigkeiten eines Patienten stehen. Kurz gesagt: Je mehr Tau im Hirn ist, desto schlechter ist eine Person dran. Dieser statistische Zusammenhang ist bei der Amyloid-Plaque nicht gegeben. Es gibt Menschen mit Amyloid-Plaque-Ablagerungen im Hirn ohne kognitive Behinderung. Vielleicht zeigt sich ein probater «Tau-Weg», vielleicht in Kombination mit dem Amyloid-Weg. Immerhin können die Amyloid- und Tau-Plaques dank moderner Bildgebung heute im Patienten sichtbar gemacht werden. Früher brachte erst die Autopsie eine Antwort. Jetzt können auch Studien mit Tau-Antikörpern durchgeführt werden.

Eine andere Studie hat ergeben, dass die Dosis eine Rolle spielt – überrascht das?

In der Studie mit dem Präparat von Biogen wurden, verglichen mit früheren Studien, deutlich höhere Dosen eines Amyloid-Antikörpers verwendet, was auch für die Hirnleistung Verbesserungen brachte. Effektiv war es eine Dosisfindungsstudie und es ging um die Verträglichkeit. Die gemessene und publizierte Verbesserung der Hirnleistung basierte auf einer statistisch zu kleinen Patientenzahl und für Wirkungsstudien ungewohnten Messungen der Hirnleistung. Bei den höheren Dosen traten deutlich mehr Nebenwirkungen auf.

Und wie sieht das bei der Roche-Tochter Genentech aus?

Bei Genentech und ihrem Präparat Crenezumab scheint der Fall leicht anders zu liegen. Hier wurde ebenfalls in einer Dosisfindungsstudie festgestellt, dass höhere Dosen von Crenezumab nicht zu grösseren Nebenwirkungen führten. Das ist nicht selbstverständlich, frühere Wirkstoffe hatten bei Patienten Hirnödeme und -Blutungen hervorgerufen. Das war schon furchterregend, wenn man das im MRI-Bild sah. Glücklicherweise ist mit den neuen Molekülen nie etwas Schlimmes passiert. Was man nicht vergessen darf: In den ersten abgebrochenen Alzheimer-Impf-Versuchen in den 90er-Jahren waren Patienten an Hirnhautentzündungen als Nebenwirkungen gestorben.

Welche Alternativen gibt es zu einer medikamentösen Therapie?

Ich gebe zu, ich bin Fan von einer nicht medikamentösen Herangehensweise. Aus der Erfahrung in der Praxis kann ich sagen, dass das sehr viel bringt. Und es gibt keine Nebenwirkungen. Am meisten haben wir vor rund drei Jahren aus der sogenannten Finger-Studie in Finnland gelernt. Sie betraf Hochrisiko-Patienten, also Menschen mit bestimmten Risikofaktoren, die zu Demenz führen könnten. Im Rahmen dieser Studie hat sich gezeigt, dass sich allein durch eine Lebensstilveränderung eine kognitive Verbesserung einstellte. Die Veränderung betraf die Ernährung, die Patienten wurden ganz gezielt beraten, wie man sich gesund und ausgewogen ernährt.

Das klingt in der Tat nach Lifestyle ...

Ja. Ein anderer Punkt in der Studie betrifft nämlich die regelmässige körperliche Betätigung und Bewegung. Es wurden auch Kognitiv-Trainings, zum Teil alleine, zum Teil in Gruppen, durchgeführt. Nach meinem Dafürhalten spielt auch der soziale Kontakt eine wichtige Rolle. Nicht zu unterschätzen war auch der Hausarzt, der in die Pflicht genommen wurde. Im Prinzip wurde versucht, diejenigen Faktoren unter Kontrolle zu bekommen, die auch zu Herzkreislauf-Krankheiten führen. Seit längerem wissen wir, dass solche Zusammenhänge bestehen, aber es wurde zuvor nie in einer Interventions-Studie untersucht.