Der Schock über die bevorstehenden Entlassungen sass am Mittwoch so tief, dass ein Aspekt fast unterging: Nicht alle Länderstandorte müssen in gleichem Masse «bluten». Während Alstom europaweit 6500 Stellen streicht – davon 1300 in der Schweiz und 1700 in Deutschland –, gedenkt der französische Konzern in Frankreich unter dem Strich sogar tausend neue Jobs zu schaffen. Diese Zahl hatte der neue Alstom-Eigner General Electric (GE) schon 2014 genannt; es war ein wichtiges Argument für die französische Regierung, nicht länger das Siemens-Gebot für Alstom zu unterstützen, sondern dem US-Rivalen GE den Vorzug zu geben.

Die tausend neuen Frankreich-Stellen sind insofern nur die Bestätigung eines früheren Versprechens. Aber sie zeugen von dem anhaltenden Bemühen der Regierung in Paris, den Druck auf GE aufrechtzuerhalten. Noch im letzten Oktober, als Konzernvorsteher Jeffrey Immelt den Alstom-Standort in Belfort (Ostfrankreich) besuchte, hatte ihn Wirtschaftsminister Emmanuel Macron gedrängt, dieses Hauptwerk der Alstom-Energiebranche zu verschonen.

Das ist nun effektiv der Fall. Hingegen werden im Zuge des gesamten Stellenkahlschlags andere französische Standorte reduziert: In Levallois und Massy – beide bei Paris gelegen – will GE nach eigenen Angaben 765 Stellen abbauen.

Gewerkschaften zweifeln

Trotzdem bleibt das Versprechen von «netto 1000 neuen Jobs» aufrecht, behauptet Alstom. Das bedeutet, dass GE-Alstom in Frankreich insgesamt 1765 Stellen schaffen müsste. Macron meinte am Donnerstag, diese «Überkompensierung» finde weiterhin statt.

Die französischen Gewerkschaften zweifeln hingegen, dass Alstom in seinem ehemaligen Stammland jemals so viele Jobs schaffen wird. Die CGT kritisiert, dass General Electric jetzt einen drastischen Sparplan mit «Börsenentlassungen» vorlege, aber keinerlei Strategie- oder Investitionsabsichten formuliert habe. Deshalb sei es höchst unsicher, dass wirklich tausend Netto-Jobs entstünden.

Wahrscheinlich, so die CGT, würden einfach einige Zulieferfirmen übernommen und deren Personal als neue Stellen gerechnet; dazu würden sicherlich Stellen aus anderen europäischen Ländern nach Frankreich «repatriiert». Gegen diese Umschichtung zwischen Standorten verschiedener Länder ist die bei Alstom Ton angebende CGT aus Prinzip. Ihr Vertreter Laurent Santoire kündigte deshalb an, er wolle den europäischen Gewerkschaftsbund IndustriALL einschalten.

Kaum Profit für Franzosen

Über inoffizielle Kanäle liessen GE und Alstom schon durchblicken, die tausend neuen Jobs in Frankreich würden zur Hälfte durch zwei neue Forschungs- und Servicezentren geschaffen; die andere Hälfte entfalle auf die Anstellung von Managern und die «Re-Internationalisierung» einzelner Sparten. Gewerkschafter fragen, was sich dahinter verstecke. Die meisten Manager seien ohnehin international tätig, weshalb es kaum eine Rolle spiele, wo ihr Arbeitsplatz formell angesiedelt werde. Anders gesagt, profitieren auch die Franzosen kaum von der Umlagerung zugunsten Frankreichs.