In einem Monat ist es so weit. Dann werden die 111 Mitglieder der Migros-Delegiertenversammlung entscheiden, wer die Genossenschaft als Präsidentin in die Zukunft führen wird. Klar ist bereits, dass es erstmals eine Frau sein wird: Jeannine Pilloud, Managerin bei den SBB; oder Ursula Nord, die aktuelle Präsidentin der Migros-Delegiertenversammlung. Für die Mehrheit der Migros-Oberen ist Pilloud die Favoritin, die Noch-Delegierte der SBB für öV-Branchenentwicklung. Zu ihren Unterstützern zählen: das paritätische Evaluationsgremium, die Verwaltung sowie das Büro der Delegiertenversammlung. Sie alle empfehlen den Delegierten die 54-Jährige zur Wahl. Unter anderem mit dem Argument, dass Pilloud in ihrer Karriere einiges an Führungserfahrung gesammelt hat.

Bei Salt und Ascom

Ein Blick ins Handelsregister zeigt zudem, dass Pilloud auch eine fleissige Ämter-Sammlerin ist. Gleich sieben verschiedene Funktionen führt die ehemalige Nummer 2 der Bundesbahnen derzeit aus, darunter auch das Verwaltungsratsmandat beim Telekomkonzern Salt und die Stiftungsrats-Mitgliedschaft bei der «Stiftung für Marketing in der Unternehmensführung». Praktisch sicher ist zudem ein achtes Mandat: Am 10. April dürfte sie zur Präsidentin des Technologiekonzern Ascom gewählt werden. Dies gilt als Formsache.

Und nun also möglicherweise bald der Vorsitz im Migros-Genossenschaftsbund? Käme es so weit, hätte Pilloud zumindest bei einem Mandat einen potenziellen Interessenskonflikt (siehe Box). Kommt hinzu, dass für das Migros-Präsidium auch in Zukunft ein 50-Prozent-Pensum vorgesehen ist, wie ein Sprecher bestätigt. Ein Pensum, das Pilloud mit ihrer Fülle an aktuellen Ämtern kaum erfüllen könnte. Die Frage, wie viel Prozent die heutige Mandatskollektion beansprucht, kommentiert Pilloud nicht. Sie lässt aber auf Anfrage durchblicken, dass sie nach einer allfälligen Krönung beim orangen Riesen anderswo Abstriche machen würde. Sie mache sich Gedanken, wie sie ihre Mandate strukturieren und organisieren werde. «Ich würde bei einer Wahl selbstverständlich die notwendigen Ressourcen für dieses anspruchsvolle Amt sicherstellen können.» Mehr könne sie derzeit zu diesem Thema nicht sagen, da sie noch nicht gewählt sei.

Jeannine Pillouds Kontrahentin im Präsidiums-Wahlkampf, Ursula Nold, bringt es gemäss Handelsregister ebenfalls auf sieben Ämter. Die 49-jährige Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Bern und langjährige Präsidentin der Migros-Delegiertenversammlung zählt allerdings keine Firmen zu ihren Lohnzahlern von vergleichbarer Grösse wie jene von Pilloud.

Egal ob Nold oder Pilloud: Die Nachfolgerin von Noch-Migros-Präsident Andrea Broggini wird gefordert sein. Denn am Limmatplatz herrscht derzeit Verunsicherung. Fabrice Zumbrunnen, seit rund einem Jahr Chef des Genossenschaftsbunds, hat Sparprogramme lanciert und Stellen gestrichen, um die zuletzt eingebrochenen Gewinnzahlen zu verbessern. Zudem gilt es für Zumbrunnen, den schweren Migros-Tanker agiler zu gestalten, um von der digitalen Konkurrenz nicht überrollt zu werden. Zudem forderte er kürzlich deutliche Preissenkungen von seinen Lieferanten, wie die «Handelszeitung» berichtet. Bei der Genossenschaft weht ein neuer Wind.

Neues Turbo-Duo bringt Unruhe

Zumbrunnens Offensive zum Trotz galt die Aufmerksamkeit zuletzt aber jemand anders: Ex-Sonova-Managerin Sarah Kreienbühl, seit 2017 Personal- und Kulturchefin bei der Migros. Innert kurzer Zeit hat sie sich zur klaren Nummer 2 am Hauptsitz gemausert und auch die Kommunikationsverantwortung übernommen. Das Förderprogramm «Kulturprozent» hat sie neu ausgerichtet und in der Kommunikationsabteilung kam es zu gewichtigen Abgängen. Zudem liess die Migros die Handys von Kaderleuten durchleuchten, um herauszufinden, wer Interna an die Medien weitergegeben haben soll. Nun scheint es am Limmatplatz zwei Lager zu geben: Jene, die Kreienbühl als umgänglich und zupackend bezeichnen. Und jene, bei denen Kreienbühl auf Ablehnung stösst, weil ihre Art als zu forsch und nicht Migros-like erachtet wird.

Somit stellt sich die Frage, wer dem Duo Zumbrunnen-Kreienbühl stärker auf die Finger schauen würde: Die als ruhig und konziliant geltende Nold, welche die Migros-Werte über Jahre hinweg verinnerlicht hat und beim Wahlgremium hohes Ansehen geniesst, aber keine Führungserfahrung bei einem Grosskonzern aufweist. Oder Pilloud, die Externe, grösstenteils Branchenfremde, der mehr Impulsivität und Selbstvertrauen zugeschrieben wird und die bei den SBB Erfahrungen mit Machtkämpfen gemacht hat.