Schafisheim Coop – so heisst die Haltestelle des Autobusses 294 zwischen Rupperswil und Lenzburg. Dass der Grossverteiler Namensgeber für einen Busstopp ist, hat seine Berechtigung: Seit Juni 2013 wird auf dem Gelände des regionalen Coop-Verteilzentrums eine zusätzliche Halle mit Biomasse-Heizzentrale erstellt; parallel dazu wird ein Teil der bestehenden Gebäude saniert und erweitert. Kostenpunkt des gesamten Projekts: 600 Millionen Franken. Im Januar 2016 ging die vollautomatische Leergutzentrale in Betrieb, seit März wird die neue Grosskonditorei und -bäckerei etappenweise angefahren, den Abschluss macht im August ein neues Tiefkühllager, aus dem sämtliche Schweizer Coop-Filialen mit Gefrierprodukten versorgt werden.

Die vergrösserte Verteilzentrale wird die gesamte Region Nordwestschweiz-Zentralschweiz-Zürich beliefern. Gleichzeitig werden die alten Verteilzentralen Basel und Dietikon, die Kühllager Hinwil und Givisiez FR sowie die Grossbäckereien in Basel und Wallisellen geschlossen.

Weniger CO2

Die unmittelbare Nachbarschaft von neuem Tiefkühllager und Grossbäckerei reduziert Transportwege: Pro Jahr will Coop 10 000 Tonnen CO2-Emissionen vermeiden. Der Grossverteiler weist darauf hin, die Erneuerung sei eingebettet in die soeben mit dem Energiepreis Watt d’Or ausgezeichnete Unternehmensvision, bis 2023 den CO2-Ausstoss zu halbieren und den Rest zu kompensieren.

Allerdings: Obwohl der Standort gut mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen ist, rechnet Coop, dass 80 Prozent der 1900 statt heute 800 Mitarbeitenden per PW anreisen werden. «Um die Erreichbarkeit mit dem öV möglichst komfortabel zu gestalten, wird eine Bushaltestelle unmittelbar vor dem Haupteingang gebaut», sagt Coop-Sprecher Urs Meier. Zudem sei der Bus mit den Zugzeiten am Bahnhof Lenzburg abgestimmt. Der Aargauer Kantonsplaner Daniel Kolb bestätigt, dass das Thema Mobilitätsmanagement bei der Bewilligung des Projekts in Schafisheim ein wichtiges Thema war.

Nachtfahrverbot als Grenze

Die Konzentration der Logistik im Detailhandel sei sinnvoll, stosse in der Schweiz aber auch an Grenzen, macht Stefan Dingerkus, Dozent an der ZHAW School of Engineering und Studienleiter des ZHAW-Weiterbildungsprogramms «Prozess- und Logistikmanagement», deutlich: «Die sehr hohe Warenverfügbarkeit in der Filiale ist für die Konsumenten entscheidend für die Wahl des Detailhändlers; entsprechend wichtig ist es, in effiziente Regionallager zu investieren.» Theoretisch würde zwar pro Filialunternehmen ein solches Depot für die ganze Schweiz reichen, denn bei einem optimalen Standort könnten in gut zwei Stunden 80 bis 90 Prozent der Filialen auf der Strasse erreicht werden. Doch das Nacht- und Sonntagsfahrverbot, das es hier anders als in den meisten Nachbarländern gibt, verunmöglicht eine Konzentration auf einen zentralen Standort.

Noch mehr Effizienz wäre aber auch in der Schweiz möglich, etwa mit dem sogenannten Gebietsspediteurkonzept, wie es in Deutschland verbreitet ist. Dabei fahren Transportunternehmer gleichzeitig für mehrere, teils konkurrierende Kunden und reduzieren so Verkehrsbewegungen und Kosten. «In der Schweiz gibt es das vor allem in der Peripherie, wo unabhängige Transporteure zusammenarbeiten, damit nicht hintereinander drei Lieferwagen ins gleiche Bergdorf fahren», so Dingerkus. Im Mittelland und in Agglomerationen sei das Interesse an diesen Poollösungen eher gering, wie sich auch in eigenen Forschungsprojekten zeige. Hauptgrund ist, dass die Strecken und der Preisdruck deutlich kleiner sind als etwa in Deutschland.

Treiber der immer ausgeklügelteren Logistik ist der Online-Handel – was am Morgen bestellt wird, soll abends ausgeliefert sein. Dass die Logistikkonzentration in der Schweiz dennoch nicht endlos weitergeht, habe neben dem Nachtfahrverbot weitere Gründe, erklärt Hofmann: «Erstens ist Coop mit unterschiedlichsten Fachmärkten, Online-Formaten und Sortimenten zu heterogen. Zweitens müsse ein- und dasselbe Produkt je nach Distributionskanal unterschiedlich kommissioniert werden – etwa als einzelne Schokoladentafel im Online-Format oder in grossen Mengen palettiert für Drittkunden – das verkompliziert die Abläufe. Drittens gebe es in der Schweiz wohl gar kein genügend grosses Areal, auf dem sich die gesamte Coop-Logistik unterbringen liesse.»

Migros mit anderem Akzent

Die aktuelle Standortkonzentration trage diesem Dilemma Rechnung. Sie ermögliche vor allem eine höhere Automatisierung, was Personalkosten spare – und in Form einer Preissenkung an die Kundschaft weitergegeben werden könne. Laut Hofmann kommt Coop dabei entgegen, dass die Entscheide zentral gefällt werden. «Bei der Migros hingegen sind die regionalen Genossenschaften stark. Überdies unterhält die Migros eine Vielzahl dezentral aufgestellter Industrien, sodass die Logistik eher schweizweit vernetzt statt zentralisiert gedacht werden muss.»

Trotz grundsätzlich positiver Einschätzung des jüngsten Konzentrationsefforts von Coop dürfte der Trend, im zentralen Mittelland immer neue Hallen und Distributionszentren aufzustellen, auch zu Problemen führen, wie Hofmann erklärt. So könnte etwa die bereits heute stark belastete Verkehrsinfrastruktur bei Wetterkapriolen völlig zum Erliegen kommen.

Aargau strebt Diversifizierung an

Hinterfragt werden muss laut Hofmann auch, wie lange sich die Standortgemeinden entlang der A1 noch mit der singulären Ausrichtung auf den Logistiksektor anfreunden können. Weiter sei es denkbar, dass die Personalverfügbarkeit regional knapp werde, wenn ständig neue Disponenten und Lageristen gefunden werden müssen. Und schliesslich könne mit dieser wirtschaftlichen Zentralisierung der lokale Touch und die gegenseitige Befruchtung unterschiedlicher Wirtschaftszweige verloren gehen.

Auch der Aargauer Kantonsplaner Daniel Kolb sieht diese Gefahren. Der Aargau sei zwar bereit, einen angemessenen Beitrag an die Logistik und damit die Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft im nationalen Interesse zu leisten. «Die Nachfrage nach Logistikstandorten ist in der Tat gross. Das heisst aber nicht, dass bei uns überall alles gebaut werden kann», konstatiert Kolb. Er verweist auf den kantonalen Richtplan, der für Logistik geeignete Entwicklungsschwerpunkte festlege, die etwa in der Nähe eines Autobahnanschlusses liegen. In anderen Gebieten hingegen würden Logistikbetriebe ausdrücklich ausgeschlossen und eine diversifizierte Nutzung angestrebt.»