Im ersten Moment klingt es so, als wäre der Wunschtraum der Atomkraftgegner in Erfüllung gegangen: Mit Gösgen ging am Wochenende das letzte Schweizer Atomkraftwerk (AKW) vom Netz. Der Jubel fiel allerdings verhalten aus, denn schon bald werden alle fünf — Beznau I und II sowie Leibstadt, Mühleberg und Gösgen — wieder Strom liefern. Was heisst die Abschaltung der AKW nun für die Schweiz? Ist das der Beweis, dass sie eigentlich schon heute überflüssig sind? Die wichtigsten Fragen zum gleichzeitigen Stillstand aller heimischen Kernkraftwerke.

Atomlose Schweiz – Gösgen geht als letztes AKW wegen technischer Probleme vom Netz.

Atomlose Schweiz – Gösgen geht als letztes AKW wegen technischer Probleme vom Netz.

1. Warum ist derzeit keines der fünf Schweizer AKW am Netz?

Das AKW Gösgen ging in der Nacht auf Montag vom Netz, weil ein Problem im nichtnuklearen Turbinenkreislauf festgestellt wurde. Bereits am Freitag wurde Block II des AKWs Beznau abgestellt. Im Rahmen einer Revision soll dort unter anderem der Druckbehälterdeckel ausgetauscht werden. Zuvor ging im März Block I vom Netz, weil Unregelmässigkeiten im Material des Druckbehälters festgestellt wurden. Mühleberg und Leibstadt sind wegen der routinemässigen Jahresrevision vom Netz.

Zuerst braucht es eine zusätzliche Transport-Öffnung: Axpo-Visionierung zeigt, wie der Austausch der Deckel funktioniert.

Zuerst braucht es eine zusätzliche Transport-Öffnung: Axpo-Visionierung zeigt, wie der Austausch der Deckel funktioniert.

2. Ist die Versorgungssicherheit jetzt gefährdet?

Der Schweizer Netzbetreiber Swissgrid teilt auf Anfrage mit: «Nicht im Geringsten.»

3. Wie wird der Atomstrom kurzfristig kompensiert?

Im Energiemix der Schweiz spielt die Atomenergie eine wichtige Rolle. Knapp 40 Prozent trägt sie bei – allerdings übers ganze Jahr gerechnet. Zurzeit sind die Stauseen im Land bis zum Rand gefüllt, die heimische Wasserkraft kann die Ausfälle zum grössten Teil kompensieren. Überdies ist die Schweiz Teil des europäischen Verbundnetzes – «sie ist nach wie vor dessen Drehscheibe», sagt Patrik Janett, Projektleiter im Labor für Energieeffizienz der HTW Chur. Wenn weniger Atomstrom produziert werde, seien alle anderen Teilnehmer im Verbund bestrebt, die Frequenz im Netz aufrechtzuerhalten. Bei einer «unvorhersehbaren Schnellabschaltung» würden dafür zunächst die Wasserkraftwerke anspringen, die die Lücke für ein paar Stunden füllen könnten. Danach werde Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken importiert – unter anderem aus Deutschland und Frankreich.

4. Ist der Stromimport ein aussergewöhnlicher Vorgang?

«Die Abhängigkeit der Schweiz von Stromimporten ist saisonal», sagt Daniel Favrat, Leiter Technologien am Energy Center der ETH Lausanne. Im Sommer bis etwa Ende Oktober produzieren heimische Kraftwerke normalerweise mehr, als im Land verbraucht wird. Was übrig bleibt, wird exportiert. Im Winter braucht es allerdings regelmässig Strom aus dem Ausland. Daher existiere die Kapazität für mehr Importe, sagt Favrat – und das seit nunmehr über zehn Jahren.

5. Ergeben sich durch den Import Nachteile für die Schweiz?

Normalerweise kommen die Stromimporte zum grössten Teil aus Deutschland. Dort herrscht eine grosse Produktions-Überkapazität – das Land produziert wesentlich mehr als es verbraucht. Laut Favrat wird das auch noch mindestens für fünf bis sechs Jahre so sein. Die Kosten für den Import seien bis dahin niedrig. «So lange es in Europa eine grosse Produktionsüberkapazität gibt, ist der Import eine relativ risikolose Lösung», sagt Favrat. Später werde das unter Umständen anders aussehen. «Die Frage, ob langfristig ein so grosser Import vernünftig wäre, ist politischer Natur, aber wir denken, dass dies keine gute Lösung ist.»

6. Was bedeutet das Ganze nun für die künftige Stromversorgung?

Ein paar Tage können die abgestellten AKW problemlos kompensiert werden. Mittelfristig wird die Schweiz die Kraftwerke wohl brauchen. Auf lange Sicht soll das Land jedoch dauerhaft atomstromfrei werden. Bis dahin ist noch einiges zu tun, so Patrik Janett. Nötig sei eine Reduktion des Stromverbrauchs, mehr Energieeffizienz, ein Ausbau der Wasserkraft und der neuen Erneuerbaren. Ferner werde es einen Ausbau der Stromnetze brauchen und bei Bedarf auch neue Gaskombikraftwerke oder dergleichen. Zuletzt wird eine geänderte Verhaltensweise der Bürger nötig sein, «zum Beispiel bei der Lichtverschmutzung in Städten». Vieles davon, so Janett, werde indes nicht politisch geregelt werden können, sondern sei abhängig vom Willen der Bevölkerung.