Luftfahrt

Air France fliegt führungslos in die Krise

Viele Air-France-Maschinen blieben in letzter Zeit am Boden (Aufnahme vom Flughafen Paris Charles de Gaulle).

Viele Air-France-Maschinen blieben in letzter Zeit am Boden (Aufnahme vom Flughafen Paris Charles de Gaulle).

Streik, Chaos und ein gestürzter Chef: Die französische Fluggesellschaft fliegt in eine schwere Krise – und verliert zunehmend den Anschluss an die Konkurrenz.

Der neuste Streik des Air-France-Personals am Montag und Dienstag ist gut gewählt: Zehntausende von Franzosen wollten in dieser Maiwoche mit gleich zwei Feiertagen verreisen. (Ausser Auffahrt am Donnerstag ist in Frankreich auch der 8. Mai, der Tag der Befreiung durch die Alliierten 1945, ein gesetzlicher Feiertag.) Doch viele kamen nicht einmal über den Pariser Flughafen Roissy hinaus.

Warteschlange am Flughafen

Warteschlange am Flughafen

Dass es in den langen Warteschlangen nicht zu Tumulten kam, ist wohl einzig dem Gewöhnungseffekt zu verdanken: Seit Februar streiken die 47'000 Air-France-Bediensteten schon zum 13. Mal für eine sofortige Lohnerhöhung um 6 Prozent. Die Direktion will den Anstieg auf vier Jahre strecken. Dagegen sind in erster Linie die Piloten, die zu den bestbezahlten der Welt zählen: Ein erfahrener Bordkommandant verdient heute brutto rund 20'000 Euro im Monat, mehr als die Piloten bei Lufthansa oder British Airways.

Jean-Marc Janaillac platze der Kragen.

Jean-Marc Janaillac platze der Kragen.

Air France-KLM-Vorsteher Jean-Marc Janaillac platzte nach wochenlangen, aber fruchtlosen Verhandlungen der Kragen: Er setzte im April eine betriebsinterne Abstimmung über seinen Tarifplan an, wobei er den Ausgang mit seinem eigenen Mandat verknüpfte. Doch die Piloten sind intern weniger isoliert, als Janaillac annahm: Am Freitag lehnten 55 Prozent der Air France-Angestellten die neue Lohnskala ab. Der Konzernchef kündigte umgehend seinen Rücktritt auf den 15. Mai an.

Gewinn dank KLM

Air France schlittert damit führungslos in die schwerste Krise seit ihrer Fusion mit der niederländischen KLM im Jahr 2003. Am Montag verlor die Aktie zeitweise bis zu 14 Prozent an Wert. Im letzten Geschäftsjahr hat das Unternehmen Air France-KLM zwar noch einen Gewinn ausgewiesen; dieser ging aber vor allem auf die starke Leistung des holländischen Partners zurück. Air France allein hat im ersten Quartal 2018 einen Verlust von 269 Millionen Euro eingeflogen – und das trotz eines weltweit steigenden Passagieraufkommens. Die wiederholten Streiktage gehen ebenso ins Geld wie die steigenden Kerosinpreise.Die Pilotengewerkschaft SNPL wirft der Direktion aber auch Unfähigkeit vor. Janaillac ist wie seine Vorgänger – deren drei wechselten sich seit 2011 ab – ein ehemaliger Staatsfunktionär. Er galt als fast so hochmütig wie der selbstherrliche SNPL-Leiter Philippe Evain.

Flüge gecancelled: Air France gibt kein gutes Bild ab.

Flüge gecancelled: Air France gibt kein gutes Bild ab.

Die KLM-Manager in Amsterdam murren immer lauter, bisher aber ohne jeden Erfolg. Kapitalmässig haben sie nichts zu sagen, während der französische Staat faktisch mehr Einfluss hat, als es sein Kapitalanteil von 14,3 Prozent glauben macht. Andere Air-France-Partner wie Delta Air Lines und China Eastern halten je 8,8 Prozent der Anteile. Der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire rief die Belegschaften von Air France am Sonntag zur Besonnenheit auf und warnte: «Wenn die Gesellschaft die nötigen Anstrengungen für ihre Wettbewerbsfähigkeit unterlässt, wird sie verschwinden.» Er verwies auf andere Fluggesellschaften wie Alitalia, Swiss oder Austrian, die ihre Unabhängigkeit verloren hätten.

Einige Pariser Medien kommentieren am Montag, die Regierung könne ein so symbolisches Unternehmen mit der Bezeichnung «France» im Namen nicht einfach fallen lassen. In den letzten Jahren habe sie schliesslich auch dem Autohersteller PSA oder dem TGV-Hersteller Alstom unter die Arme gegriffen.

Billigairline kommt nicht voran

Unbestreitbar sei hingegen, so gibt der Luftfahrtexperte Gérard Feldzer zu bedenken, dass Air France gegenüber seinen direkten Konkurrenten immer mehr ins Hintertreffen gerate. Und wer nicht ganz vorne dabei sei, werde in Europa rasch von der übrigen Konkurrenz der Billiganbieter und Golf-Airlines überflügelt. Air France hatte nach der Übernahme von KLM vorübergehend den grössten Umsatz aller Airlines ausgewiesen. Seither verliert sie in Europa aber Marktanteile.

Während Lufthansa heute rund 130 Millionen Passagiere im Jahr befördert, kommt Air France-KLM nur auf 100 Millionen. Mit ein Grund ist der bescheidene Erfolg der Billigairline Transavia. Statt eine schlagkräftige Airline aufzubauen, die den Lowcost-Rivalen wie Ryanair oder Easy Jet Paroli bieten könnte, streiten Piloten und Direktion bei Air France seit Jahren über die Arbeitsbedingungen bei Transavia. Das Unternehmen verfügt deshalb bis heute nur über eine Flotte von 40 Flugzeugen – die Hälfte des ausgewiesenen Bedarfs.

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