Kennen Sie die Fenaco? Wer nach dem Schweizer Agrarriesen fragt, sieht viele mit den Achseln zucken. Dabei begegnet man ihm fast täglich. Etwa in Form von Eigenmarken wie Ramseier-Apfelsaft, Sinalco und Elmer Citro oder den Pommes frites bei McDonald’s. Oder beim Besuch einer Landi, von Volg-Läden, Filialen von Prima, Visavis, Okay, Frisch-nah-günstig und Topshop oder beim Stopp an einer der über 400 Agrola-Tankstellen. Insgesamt sind unter dem Dach der Fenaco über 80 Firmen vereint, darunter etwa auch Transport-, Chemie-, Werbe- und Solartechnikunternehmen. Tendenz steigend. So liest man von der Fenaco in den Medien denn auch meist im Zusammenhang mit Zukäufen anderer Firmen.

Erfolgreiche Selbsthilfe

Entstanden ist die Fenaco 1993 aus dem Zusammenschluss von Volg und fünf weiteren Genossenschaftsverbänden. Darin sind – als Eigentümer der Fenaco – rund 200 Landis vereinigt, Landwirtschaftliche Genossenschaften, zu denen sich die Bauern ab Ende des 19. Jahrhunderts zusammenschlossen, um gemeinsam den Absatz der Produkte und den Einkauf von Hilfsmitteln zu vereinfachen. Bäuerliche Selbsthilfeorganisationen also im Besitz der Landwirte selbst. Bei der Fenaco verweist man gerne auf diese genossenschaftliche Herkunft und sieht sich denn auch als «Selbsthilfeorganisation der Bauern», die – zumindest indirekt – den Bauern gehört.

Und die «Selbsthilfeorganisation der Bauern» weiss sich zu helfen, wie ein Blick in die Jahreszahlen verrät. Während die bäuerlichen Einkommen seit Jahren stagnieren, weist die Fenaco für das Jahr 2016 bei einem Umsatz von knapp 6 Milliarden Franken einen Gewinn von 96,8 Millionen Franken aus. Zwei Jahre zuvor waren es noch knapp 60 Millionen.

In der Landwirtschaft deckt die Fenaco die ganze Wertschöpfungskette ab. Sie beliefert die Bauern über die Landi in der vorgelagerten Produktion mit allem, was sie für die Land- und Viehwirtschaft brauchen – vom Saatgut über Pestizide, Dünger bis zum Traktor. Nachgelagert ist sie Abnehmerin für deren Produkte, verarbeitet sie für den Weiterverkauf an die Grossverteiler oder über die eigenen Detailhändler.

Zur Marktmacht des Agrarriesen gibt es keine Zahlen neueren Datums. 2009 nahm der damalige Preisüberwacher und alt Nationalrat Rudolf Strahm die Marktanteile der Fenaco unter die Lupe. Er bezifferte sie mit bis zu 60 Prozent bei Saatkartoffeln, bei Pflanzenschutzmitteln bis zu 60 und beim Düngerhandel gar mit bis zu 80 Prozent. Eine dominante Rolle sprach er der Fenaco auch im nachgelagerten Bereich zu: 50 Prozent Marktanteil bei Speisekartoffeln und Getreide, 65 Prozent bei Ölsaaten, einen Drittel bei Obst und Gemüse und einen Viertel bei Schweinen. Aktuelle Zahlen sind auch beim Bundesamt für Landwirtschaft nicht verfügbar. Die Fenaco selbst veröffentlicht «aus Wettbewerbsgründen» keine Angaben zu Marktanteilen. Die Einschätzungen Strahms hätten in der Zwischenzeit aber «ihre Aussagekraft weitgehend verloren», wie die Fenaco in einer Stellungnahme schreibt.

Strahm beliess es nicht bei der Ermittlung von Marktanteilen. «Das Firmenkonglomerat hat mit seinen Tentakeln nach und nach die der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Branchen in Besitz genommen», schrieb der ehemalige Preisüberwacher 2009. In der Landwirtschaft sei die Fenaco «ein Staat im Staate», sagt Strahm heute. Auch in diesen Tagen habe sie im Verkauf von Produktionsmitteln und im Ankauf der Produkte «eine marktbeherrschende Stellung» inne und weise «fast schon monopolähnliche Strukturen» auf. «Daran hat sich wenig geändert», ist Strahm überzeugt. Das gelte auch etwa für den Vertrieb von Pestiziden und beim Dünger, die über die Landi ausgeliefert würden.

Kritik am Agrarkonzern kommt auch von Andreas Bosshard, Geschäftsführer der ökologisch-ökonomischen Denkfabrik Vision Landwirtschaft. Er stösst sich an der kostenintensiven Produktionsweise in der Schweiz. Die Ausgaben für Produktionsmittel wie Futtermittel, Maschinen oder Energie seien hierzulande gegenüber dem Ausland preisbereinigt «enorm hoch», wie er sagt. Das äussere sich auch in der hohen Verschuldungsquote der Bauern. «Seit wenigen Jahren ist es so weit, dass alles Geld, das die Bauern aus der Produktion einnehmen, gleich weiterfliesst, insbesondere zu den vorgelagerten Branchen – und damit auch in die Kassen der Fenaco.» Diese «wirtschaftlich unsinnige Produktionsweise» würde durch die Agrarpresse – darunter hauseigene Publikationsorgane der Fenaco – den Bauern «tagtäglich schmackhaft gemacht».

«Kein Interesse an hohen Margen»

Bei der Fenaco kann man der Kritik wenig abgewinnen. Von der Abdeckung der gesamten Wertschöpfungskette profitierten die Produzenten und Konsumenten «bezüglich Qualitätssicherung, Rückverfolgbarkeit und Effizienzsteigerung», wie die Fenaco auf Anfrage schriftlich mitteilt. Die Grösse des Konzerns sei zudem im internationalen Markt eine «unerlässliche Voraussetzung» für Verhandlungen «auf Augenhöhe», um letztlich «den Schweizer Landwirten wettbewerbsfähige Preise anzubieten». Und der Erfolg gebe der Fenaco recht. «Wäre die Fenaco nicht mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis unterwegs, wäre sie kaum so stark gewachsen.» Ohnehin stehe für die Fenaco der Mitgliedernutzen im Vordergrund. Sie habe «als genossenschaftlich organisiertes Unternehmen auch keinerlei Interesse daran, möglichst hohe Margen zu erzielen». Auch den Vorwurf, sie fördere in der Landwirtschaft eine kostenintensive Produktionsweise, lässt die Fenaco nicht gelten. Das Gegenteil sei der Fall. «Die Fenaco will eine ressourceneffiziente Landwirtschaft fördern».

Unabhängigere Weko

Eine Fenaco, die sich für tiefe Produktionskosten und hohe Abnahmepreise für Landwirte einsetzt? Aussagen, die gemäss Bosshard von der Vision Landwirtschaft «mit Vorsicht zu geniessen» sind. Er selbst habe andere Erfahrungen gemacht und kenne die Fenaco «vor allem als scharf kalkulierendes Unternehmen, das konsequent auf die Margen und den Umsatz schaut». Dennoch: «Da nehmen wir die Fenaco gerne beim Wort.»

Alt Preisüberwacher Strahm sieht derweil Handlungsbedarf bei der eidgenössischen Wettbewerbskommission, die die Fenaco bisher «geschont» habe. Namentlich sei die Fenaco nie gezwungen worden, Teile des Konzerns abzustossen. Diese «Schonkultur» habe auch mit dem Einsitz von Economiesuisse und dem Gewerbeverband in der Kommission zu tun – Verbände, denen meist auch die betroffenen Unternehmen angehörten. Bisherige Versuche einzelner Bundesräte, die Interessenverbände aus der Kommission zu entfernen, seien aber bisher alle gescheitert.