Affäre Vincenz
Pierin Vincenz hat für seinen Prozess Unterstützer gefunden – sie bleiben allerdings anonym

Eine Website will eine Gegenöffentlichkeit im Fall des gestürzten Raiffeisenchefs schaffen. Ein schwieriges Unterfangen.

Christian Mensch
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Pierin Vincenz, Beschuldigter und ehemaliger Chef der Raiffeisen-Bank, hat anonym auftretende Unterstützer gefunden.

Pierin Vincenz, Beschuldigter und ehemaliger Chef der Raiffeisen-Bank, hat anonym auftretende Unterstützer gefunden.

Keystone

«Vincenz – die Stationen eines Justizskandals». So ist die Website «causa-vincenz.ch» übertitelt, die seit November aufgeschaltet ist. Angeblich steht eine «Gruppe besorgter Staatsbürger und Raiffeisen-Genossenschafter» hinter dem Auftritt. Namentlich tritt niemand in Erscheinung. Sie stören sich an der– wie sie meinen – einseitigen und vorverurteilenden Berichterstattung im Zusammenhang mit dem Strafverfahren gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und seinem Kompagnon.

Gegenöffentlichkeit: causa-vincenz.ch

Gegenöffentlichkeit:
causa-vincenz.ch

zvg

Gestaltet und verantwortet wird die Seite von der Zürcher Webagentur 60francs von Christian Lämmler. Der Unternehmer arbeitet als IT- und Organisationsberater und Tüftler im Energiebereich. Über die inhaltlich Verantwortlichen schweigt sich Lämmler aus, er habe eine «Geheimhaltungserklärung unterzeichnet».

Wie bereits die «NZZ am Sonntag» mutmasste, führen die Spuren zum Publizisten René Zeyer, der die medienkritische Plattform «zackbum» betreibt. Unbestritten sind Zeyers Ansichten identisch mit jenen auf «causa-vincenz.ch».

Mehr noch, die beiden Websites haben den gleichen Aufbau und verwenden die gleiche IP-Adresse, was allerdings nicht weiter erstaunt: Beide stammen aus der Werkstatt 60francs. Auf Anfrage nimmt Zeyer nicht Stellung und verzichtet darauf, seine Beteiligung zu bestätigen oder zu verneinen.

Sunrise/UPC als Blaupause

Medienkritik: zackbum.ch

Medienkritik: zackbum.ch

zvg
Blaupause: sundown.ch

Blaupause: sundown.ch

Zvg / zvg

Zumindest für Lämmler ist es nicht der erste Auftrag, mittels Website Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So verantwortete er auch die kurzzeitig aufgeschaltete Seite «sundown.ch». Dahinter stand angeblich eine ebenfalls anonym auftretende Gruppe besorgter Sunrise-Aktionäre, die im Herbst 2019 gegen die geplante Übernahme des Kabelnetzbetreibers UPC intrigierte. In die gleiche Kerbe hieb Zeyer damals auf der Plattform «Insideparadeplatz.ch».

Die Website «sundown.ch» ist mittlerweile gelöscht, für Lämmler ist sie jedoch ein Referenzprojekt. Vier Tage nach Auftragsvergabe habe er die Seite online schalten können. Der Auftraggeber zahlte den Autoren für die Inhalte 10'920 Franken, gut 7000 Franken kostete die Webgestaltung, weitere 9480 Franken wurden in eine Kampagne investiert.

Damit war sichergestellt, dass auf die Website aufmerksam wurde, wer im Internet im Umfeld von NZZ und Tages-Anzeiger surfte oder bei Google nach Sunrise und UPC suchte. Drei Tage danach berichtete zunächst «10vor10» und danach der «Tages-Anzeiger» über die Gegenkampagne und werweiste über die Urheber.

Gefragt wären Personen mit Glaubwürdigkeit

In der Wahrnehmung von Lämmler gibt es einen Zusammenhang zwischen der geschaffenen Gegenöffentlichkeit und dem kurz darauf erfolgten Scheitern der UPC-Übernahme durch Sunrise. Angefragte PR-Profis winken jedoch ab. Anonyme Stimmen hätten im Kampf um die Deutungshoheit keine Glaubwürdigkeit. Anders wäre es, würden sich Persönlichkeiten von Rang namentlich zu einer Position bekennen.

Dass Parteien, die sich in den Medien zuwenig abgebildet sehen, nach Gegenmassnahmen rufen, bestätigt ein anderer PR-Berater. Es seien vor allem Anwälte, die eine eigene Plattform verlangten, die aber eben nichts von öffentlicher Kommunikation verstünden. Dass «causa-vincenz» dem Beschuldigten helfe, bezweifeln beide. Doch Vincenz hat gemäss den «besorgten Genossenschaftern» ohnehin nichts damit zu tun.