Industrie
ABB unter Druck: Grossaktionärin spricht über eine mögliche Zerschlagung nach dem Vorbild von General Electric

Die schwedische Investorin Cevian setzt das Aktienkursziel um 50 Prozent hinauf und spricht von einer radikalen Aufspaltung des Konzerns.

Daniel Zulauf
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ABB: Wie lange gibt es den Konzern noch in seiner heutigen Form?

ABB: Wie lange gibt es den Konzern noch in seiner heutigen Form?

Steffen Schmidt / KEYSTONE

ABB-Chef Björn Rosengren hat am Dienstag am Kapitalmarkttag in Zürich ein ehrgeizigeres Wachstumsziel für den Elektrotechnikkonzern formuliert. Das Unternehmen will den Umsatz über den ganzen Konjunkturzyklus hinweg um durchschnittlich vier bis sieben Prozent pro Jahr ausweiten.

In den vergangenen fünf Jahren war ABB unter der Annahme konstanter Wechselkurse um durchschnittlich drei Prozent pro Jahr gewachsen. Zurzeit befindet sich ABB in einer zyklischen Beschleunigungsphase. Der Konzern erwartet für das laufende Jahr ein mit dem Vorjahr vergleichbares Umsatzwachstum von sechs bis acht Prozent, wobei die anhaltenden Engpässe in den Lieferketten ein noch höheres Wachstum verhindern.

Das erste Ziel von Cevian ist fast erreicht

Die Investoren haben die neuen Leistungsziele für ABB zunächst positiv aufgenommen und dem Aktienkurs wenigstens im Morgenhandel zu einer Höherbewertung um deutlich mehr als ein Prozent auf über 33,5 Franken verholfen. Damit hat Rosengren die erste Erwartung seiner Grossaktionärin Cevian schon fast erfüllt. Der schwedische Investmentfonds, der knapp fünf Prozent aller ABB-Anteile hält, hatte bereits im Herbst 2016 ein Kursziel für die ABB-Aktie von 35 Franken formuliert. Damals war der Konzern noch im Besitz der grossen Stromübertragungssparte, deren Verkauf an die japanische Hitachi zwei Jahre später angekündigt und bis Mitte 2020 vollzogen wurde.

ABB-Chef Björn Rosengren.

ABB-Chef Björn Rosengren.

ZVG

Der Verkauf der einstigen Schlüsselsparte von ABB war die zentrale Cevian-Forderung. Der seinerzeitige ABB-Chef Ulrich Spiesshofer konnte seinen Job aber auch mit seinem letztlich doch willfährigen Verhalten gegenüber Cevian nicht mehr retten und musste im Frühjahr 2019 seinen Sessel räumen. Wenige Monate später wurde Rosengren als neuer ABB-Chef angekündigt und Anfang 2020 inthronisiert.

Ein verkapptes Ultimatum an ABB-Chef Rosengren

Was Cevian jetzt mit ABB im Schild führt wollte der Investor unserer Zeitung trotz mehrmaliger Gesprächsanfragen nicht verraten. Stattdessen gab Cevian am Wochenende via die schwedische Finanzzeitung «Dagens Industri» ein neues ABB-Kursziel von 50 Franken aus. Dieses basiere auf einer individuellen Wertanalyse der vier ABB-Geschäftsbereiche. Würden diese als eigenständige Firmen an der Börse existieren, wäre der ABB statt 70 Milliarden gut 100 Milliarden Franken wert. So lautet die Begründung von Cevian.

Lars Förberg: ABB-Verwaltungsrat und Cevian-Vertreter.

Lars Förberg: ABB-Verwaltungsrat und Cevian-Vertreter.

ABB

Zwar verzichtete Cevian-Partner Christer Gardell im Interview mit «Dagens Industri» darauf konkrete Forderungen über eine weitere Aufspaltung von ABB zu stellen. Doch seine Äusserung lässt sich trotzdem wie ein Ultimatum verstehen: «Ich habe das grösste Vertrauen in Björn Rosengren und bin überzeugt, dass Björn Massnahmen finden wird, die dafür sorgen, dass ABB entsprechend seinem Potenzial bewertet wird.» Gardells verbale Zurückhaltung hat wohl auch mit dem Umstand zu tun, dass Cevian mit ihrem zweiten Partner Lars Förberg im ABB-Verwaltungsrat vertreten ist und die Eskalation eines unterschwelligen Strategiekonfliktes mit der Hauptaktionärsfamilie Wallenberg vermeiden will, die zehn Prozent am Industriekonzern hält.

General Electric als Vorbild für ABB?

Cevian rechtfertigt das Aufspaltungsargument für ABB mit Beispielen wie General Electric, Toshiba oder sogar Thyssen Krupp, die ihre Konzerne nach diesem Muster zerlegen wollen. Auf einem anderen Blatt steht allerdings, ob es dafür eine zwingende industrielle Logik gibt. Ed Eyermann, Kreditanalyst der Rating Agentur Fitch in London, bezweifelt dies: «Die Aufspaltung von Firmenkonglomeraten wie General Electric könnte auch dem Umstand geschuldet sein, dass Private-Equity-Investoren für den Kauf der einzelnen Firmenteile derzeit einfach sehr hohe Preise zu zahlen bereit sind», gibt er zu bedenken. Derart opportunistische Unternehmensstrategien könnten sich für den langfristigen, industriellen Erfolg der Firmen als wenig nachhaltig erweisen.

Die Verlockungen des schnellen Geldes von Private Equity

Freilich versucht auch ABB vom derzeitigen Jagdfieber an den Finanzmärkten Nutzen zu ziehen. Der Konzern will in den nächsten sechs Monaten eine Aktienminderheit seiner auf die Herstellung von Schnellladestationen spezialisierte Division E-Mobilität an die Schweizer Börse bringen. Auch das erfolgreiche Geschäft mit Turboladern steht gemäss Rosengren kurz vor dem Verkauf oder vor einer Abspaltung. Auch hier dürfte ABB mit den finanziellen Verlockungen von Private-Equity-Fonds ringen, auf der hektischen Suche nach immer neue Investitionsobjekten vermutlich bereit wären, sofort viel Geld in die ABB-Kasse zu zahlen. Das in der Schweiz ansässige Management von Turbocharging müsste sich im Fall eines Verkaufes an einen Private-Equity-Investor aber mit einiger Wahrscheinlichkeit auf eine Rosskur gefasst machen, weshalb die Firma selbst wohl eher eine Abspaltung mit separater Börsennotierung bevorzugen würde.

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