Eigenständigkeit

ABB-Konzern verkauft sein Tafelsilber – Schweizer Fabrik könnte neue Eigentümer erhalten

Der Aargauer Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann (rechts) bei einem Besuch der Turbolader-Fabrik mit Vertretern des Badener Stadtrates.

Der Aargauer Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann (rechts) bei einem Besuch der Turbolader-Fabrik mit Vertretern des Badener Stadtrates.

Auflösungstendenzen einer Industrie-Ikone: Die Turbolader-Fabrik in Baden AG könnte als eigenständige Firma an die Börse kommen.

Der Umbau des ABB-Konzerns unter dem neuen Chef Björn Rosengren nimmt Fahrt auf. Auf einer virtuellen Investorenkonferenz am Donnerstag stellte der Manager den Verkauf oder die Abspaltung von drei der bislang 18 und neuerdings 20 operativen Einheiten (Divisionen) in Aussicht.

Die Turbolader-Fabrik in Baden AG ist Teil eines dieser drei abzugebenden Geschäfte. Nach offizieller Lesart werden für diese noch «alle Optionen» geprüft. Allerdings sagte Rosengren in der Investorenkonferenz, für die Turbolader-Division werde ein Spin-off mit anschliessender Kotierung an der Schweizer Börse erwogen.

Schweizer Technik auf Meerschiffen

Die Division zählt in 50 Ländern rund 2800 Mitarbeitende, davon über 800 in Baden. Sie erwirtschaftete 2019 einen Jahresumsatz von rund 800 Millionen Dollar oder etwa 12 Prozent des Unternehmensbereichs Industrieautomation (neu: Prozessautomation). Die Turbolader kommen grossmehrheitlich auf Meerschiffen zum Einsatz, wo sie durch Verdichtung der Abgase die Wirkungskraft der Dieselmotoren erhöhen.

Die Firma steht seit neun Jahren unter der Leitung des 58-jährigen Oliver Riemenschneider. Der deutsch-schweizerische Doppelbürger ist ein ABB-Veteran und seit 1991 für den Konzern tätig. Seit September ist er auch Verwaltungsratspräsident des Haushaltgeräteherstellers V-Zug, der im Sommer von der Metall Zug abgespalten worden war und jetzt ebenfalls an der Schweizer Börse kotiert ist.

Weitere Abspaltung im Bereich Telekommunikation

Verkaufen will ABB auch das Geschäft mit Kupplungen, Getrieben und anderen Produkten zur mechanischen Kraftübertragung. Dieses Geschäft hatte sich ABB im Jahr 2010 im Rahmen der Akquisition des Elektromotorenherstellers Baldor in den USA angelacht. 2019 erwirtschaftete es 575 Millionen Dollar oder rund 9 Prozent des Unternehmensbereichs Antriebstechnik.

Ebenfalls in den USA wird schliesslich das Geschäft mit Stromumwandlern für die Telekommunikationsbranche zum Verkauf gestellt. Da geht es um 375 Millionen Franken Umsatz beziehungsweise um drei Prozent der Erlöse des Unternehmensbereichs Elektrifizierung. Dieses Geschäft hatte ABB erst 2018 mittels Akquisition eines Teilbereichs von General Electric übernommen.

Die drei Divisionen erzielen höhere Renditen als Gesamtkonzern

Rosengren bezeichnete die drei abzugebenden Divisionen als «Premium»-Geschäfte. Sie erwirtschafteten höhere Renditen als der Gesamtkonzern und verfügten über herausragende Marktpositionen. Doch ABB sei für diese Firmen nicht mehr die beste Eigentümerin, räumte der 61-jährige CEO ein. Damit meint er, dass ABB die beschränkten Kapitalressourcen nicht mehr dort, sondern anderweitig investieren will.

ABB will mit der Digitalisierung der Industrie wachsen und den Kunden vermehrt Dienstleistungen verkaufen, die mit der Vernetzung bestehender und neuer ABB-Anlagen zu tun haben. Grosse Akquisitionen von Industriesoftwarefirmen, wie sie wichtige Konkurrenten wie die französische Schneider (Aveva) oder die deutsche Siemens (Mentor Graphics) in den vergangenen Jahren mit einem Multimilliardenaufwand getätigt haben, will ABB aber nicht wagen. Er glaube nicht an den Erfolg solcher Grossübernahmen, sagte Rosengren.

Höhere Dividende ist Rosengrens zweitwichtigstes Ziel

Darüber hinaus sagte der Schwede, dass ABB in nächster Zeit sowieso weniger investieren will. Der Konzern müsse zuerst eine Stabilität erlangen und die Profitabilität verbessern und könne erst danach wieder auf die Wachstumskarte setzen. Etwa die Hälfte der Konzerndivisionen seien leistungsmässig unterhalb der von der Zentrale vorgegebenen Kenngrössen. Eine nachhaltige Erhöhung der Dividende steht in Rosengrens Prioritätenliste den auch an zweiter Stelle. Zuoberst steht das organische Wachstum, also das Wachstum aus eigener Kraft ohne Akquisition.

Dafür will der Konzern auch in Zukunft noch Mittel bereitstellen. Die erwarteten Erlöse aus dem Verkauf der drei Konzerndivisionen (nach ersten Schätzungen von Analysten bis zu 4 Milliarden Dollar) sollen nicht einfach an die Aktionäre ausgeschüttet werden, wie dies mit den knapp acht Milliarden Dollar geschieht, die ABB gerade aus dem Verkauf der Stromübertragungssparte an Hitachi gelöst hat. Selbst fünf bis zehn kleine Akquisitionen pro Jahr seien dereinst möglich, wenn die Stabilisierungsphase überwunden sei, versprach Rosengren.

Dieses Zugeständnis war aber offenbar auch nötig, denn viele Investoren rümpften am Donnerstag die Nase darüber, dass ABB in den nächsten Jahren nur noch mit jährlichen Umsatzzunahmen von drei bis maximal fünf Prozent rechnet. Bislang lag die Erwartung bei drei bis sechs Prozent. Und selbst zur Erreichung der tieferen Prognose müsse künftig ein Drittel von Zukäufen kommen. Der Aktienkurs fiel am Donnerstag um über zwei Prozent auf unter 25 Franken.

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Autor

Daniel Zulauf

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