ABB-CEO Spiesshofer zum Verkauf an Hitachi: «Es ist für uns ein emotionaler Schritt»

Konzernchef Ulrich Spiesshofer spricht über die neue Identität von ABB nach dem Verkauf des Stromnetzgeschäftes an Hitachi – und die Folgen für die Schweiz.

Interview: Niklaus Vontobel
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ABB-Konzernchef Ulrich Spiesshofer. (Bild: Qilai Shen/Bloomberg, Schanghai, 16. September 2017)

ABB-Konzernchef Ulrich Spiesshofer. (Bild: Qilai Shen/Bloomberg, Schanghai, 16. September 2017)

Ulrich Spiesshofer, schadet der Verkauf der Stromnetzsparte dem Industriestandort Schweiz, oder nutzt er ihm?

Er wird ganz klar gestärkt. Mit Hitachi haben wir einen langfristigen Eigentümer für die Stromnetz-Sparte bekommen. Hitachi hat sich verpflichtet, den Hauptsitz weiterhin in der Schweiz zu haben. Gleichzeitig wird die ABB natürlich weiter Gas geben. Wir werden etwa im Bereich der digitalen Industrie mit der ETH zusammenarbeiten. Unter dem Strich ist es für den Standort eine gute Sache.

Auch gemessen in Arbeitsplätzen?

ABB hat es ja in den letzten Jahren geschafft, die Beschäftigung in der Schweiz konstant zu halten – trotz der teuren Währung, trotz der hohen Kosten. Das war möglich, weil wir die ABB in der Schweiz komplett umgebaut haben. Von der klassischen Fertigung zu guten Industrielösungen. Wir machen heute von der Schweiz aus noch mehr Forschung und Entwicklung als in der Vergangenheit. Da bin ich stolz darauf. Auch in den neuen Themen wie künstliche Intelligenz oder Robotik gibt es hierzulande schlagkräftige Forschungsinstitutionen, mit denen wir gerne zusammenarbeiten. Das können aber auch Start-ups sein.

Mancherorts geht die Angst um, es könnte mit Hitachi laufen wie mit General Electric. Der US-Konzern baute nach dem Kauf des Gas­turbinen-Geschäfts fast die Hälfte aller Arbeitsplätze ab.

Die Stromnetze haben aufgrund des wachsenden Gesamtmarkts eine wirklich gute Zukunft vor sich. In den nächsten Jahren werden bis zu vier Trillionen Dollar in erneuerbare Energien investiert. Darum wird man die Stromnetze verstärken. Die Netze müssen über Länder und Kontinente hinweg zusammenwachsen. Deshalb wird man mehr in Stromnetze in­vestieren. Das Netz muss digitalisiert werden – auch das erfordert Investitionen.

Also eine ganz andere Situation als bei den fossilen Brennstoffen?

Der Trend zeigt für die fossilen Brennstoffe deutlich nach unten. Es wird sie nicht mehr lange geben, weil sie von erneuerbaren Energien ersetzt werden. Die Stromnetze hingegen werden immer gebraucht werden. Auch weil Elektrizität verteilt auf viele Standorte hergestellt wird. Deshalb bin ich überzeugt, dass dieser Markt auch langfristig interessant ist.

Warum haben Sie das Stromnetz­geschäft dennoch verkauft?

Nicht, weil wir nicht an die Zukunft dieses Geschäfts glauben würden, sondern weil wir ABB fokussieren wollen.

Das Stromnetzgeschäft war, auch historisch gesehen, quasi das Herz von ABB. Was macht die ABB-Identität nach diesem Verkauf noch aus?

Wir sind ein technologischer Pionier im Bereich der digitalen Industrie. Wir haben in der Robotik oder in der Antriebstechnologie in den letzten Jahren eine Weltmarktführerschaft aufgebaut. Die neue ABB ist ein Konzern, der für die digitale Industrie ein Wunschpartner ist. Für grosse Infrastrukturprojekte ist das natürlich nicht mehr so stark der Fall. Aber das ist eine bewusste Entscheidung: Wir wollen das Unternehmen in diese Richtung führen.

Was wollte der Bundesrat über den Deal wissen, als Sie gestern Morgen mit ihm telefoniert haben?

Ich habe mit Frau Leuthard und Herrn Schneider-Ammann telefoniert. Wir hatten eine sehr offene Diskussion. Ich konnte berichten, dass Hitachi sagt: die Mitarbeiter in der Schweiz sind hochqualifiziert, die würden wir gerne bei uns behalten. Das war ein gutes Signal. Die Bundesräte sehen auch, dass die neue ABB nun Gas geben kann bei zukunftsträchtigen Geschäftsfeldern und dass wir engagiert sind in der Ausbildung von Lehrlingen.

Keinerlei Wehmut, dass ABB so viel historisches Erbe über Bord wirft? Es ist für uns durchaus ein emotionaler Schritt. Aber es ist im langfristigen Inter­esse von ABB richtig. Er ist auch im Interesse der Kunden und der Mitarbeiter des Stromnetzgeschäftes.

ABB schafft die Matrix-Struktur ab. Die Länderstrukturen fallen weg, alles wird den Chefs der vier neuen Sparten unterstellt. Welche Folgen hat dies für Schweizer Mitarbeiter?

Das Gleiche wie rund um die Welt. Mitarbeiter, die bisher für Konzernfunktionen arbeiteten, werden viel stärker in die Geschäftseinheiten einbezogen. Mit diesem Umbau werden wir schneller und agiler. Es hat in der Schweiz sehr viele grossartige Mitarbeiter mit unglaublichem Erfahrungsschatz. Es ist im Interesse von ABB, diese Mitarbeiter weiter für ABB zu begeistern.

Es wird keinen Jobabbau geben?

Es wird Veränderungen in den Tätigkeiten geben. Aber unser erstes Ziel ist es, die Effizienz zu steigern. Und gleichzeitig die Mitarbeiter in andere Positionen reinzubringen. Wenn ich mir die Alterspyramide von ABB Schweiz anschaue, werden viele in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Das müssen wir auffüllen. So ergeben sich auch für jüngere, nicht so erfahrene Mitarbeiter interessante Möglichkeiten.