Übernahme
7,15 Milliarden für Starbucks-Rechte: So soll Nestlés Kaffee-Geschäft besser werden

Da der Lebensmittelriese Nestlé im US-Kaffeegeschäft nur schleppend vorankommt, holt er den Rivalen Starbucks ins Boot.

Daniel Zulauf
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Nestlé holt einen Rivalen ins eigene Nest.

Nestlé holt einen Rivalen ins eigene Nest.

Keystone

Im riesigen Nestlé-Sortiment ist kein Produkt bekannter als Nescafé. Die Erfindung des gefriergetrockneten Kaffeepulvers liegt schon 80 Jahre zurück. Und dennoch: Nescafé ist bis heute die erfolgreichste Innovation des Nahrungsmittelkonzerns geblieben. Die kleinen braunen Körnchen im Glas sind Gold Wert für den Konzern.

Wie viel Gewinn sie abwerfen, gibt das Unternehmen konkret zwar nicht bekannt. Doch verschiedene Angaben im Geschäftsbericht lassen erahnen, dass Nestlé pro Franken verkauften Nescafé mindestens 30 Rappen Betriebsgewinn einfährt. Bezogen auf den letztjährigen Nescafé-Umsatz von 9,3 Milliarden Franken wären dies 2,8 Milliarden Franken oder mehr als ein Viertel des gesamten Betriebsgewinns des Konzerns.

Nespresso war die zweite grosse Kaffee-Innovation des Unternehmens. Sie reicht rund 30 Jahre zurück. Auch das Kapselsystem erwies sich als Grosserfolg. Es bringt Nestlé aktuell rund 5 Milliarden Franken Umsatz und dürfte einen operativen Gewinn gegen 1,5 Milliarden Franken generieren. Alles in allem erwirtschaftet Nestlé also gut 40 Prozent des Gewinns mit Kaffee. Und weil der Konzern nur noch mit Haustiernahrung ähnlich hohe Margen einfährt, nimmt das Gewicht von Kaffee in der Erfolgsrechnung von Nestlé laufend zu.

Auf Einkaufstour

Kein Wunder, identifizierte Konzernchef Ulf Mark Schneider die Kaffeesparte bald nach seinem Amtsantritt Anfang 2017 als einen der Bereiche neben Tiernahrung, Mineralwasser und Säuglingsnahrung, die es wachstumsorientiert zu führen gelte, um den stetigen Expansionskurs beizubehalten. Schneider liess seiner Analyse auch gleich Taten folgen. Im letzten Jahr erwarb der Konzern in den USA einen Mehrheitsanteil am hippen Kaffeeröster und Fachhändler Blue Bottle Coffee zum Preis von knapp 500 Millionen Dollar. Daneben kaufte Nestlé die auf kalt gebrauten Biokaffee spezialisierte Chameleon Cold Brew zu einem ungenannten Preis.

Das Nestlé-Sortiment wird mit Starbucks noch grösser (Archiv).

Das Nestlé-Sortiment wird mit Starbucks noch grösser (Archiv).

KEYSTONE/LAURENT GILLIERON

Die Nahrungsmittelfirma habe sich mit diesen Akquisitionen den Zugang zu neuen Geschäftsmodellen erworben und auf die Nachfrage der Konsumenten nach neuen Kaffeeerfahrungen reagiert, erklärte Nestlé die Zukäufe. Dass diese just in Amerika erfolgten, war freilich kein Zufall. Während Nestlé fast überall auf der Welt zu den zwei grössten Anbietern im Kaffeegeschäft gehört, liegen die Schweizer im 10-Milliarden-Dollar-Markt USA nur auf dem fünften Platz.

Der Grund ist einfach, erklärt Professor Chahan Yeretzian, Leiter des Coffee Excellence Centers der Zürcher Fachhochschule ZHAW. Während Nescafé in den USA nie eine sonderlich grosse Beliebtheit genossen habe, sei auch die italienische Espresso-Kultur, an der sich Nespresso anzulehnen versucht, am Geschmack vieler Amerikaner vorbeigegangen. Nespresso blieb gegen die Macht der US-Platzhirsche im Kapselgeschäft chancenlos.

Während vieler Jahre uneinsichtig

40 Prozent

beträgt ungefähr der Anteil am gesamten Gewinn von Nestlé, welcher der Nahrungsmittelkonzern mit Kaffee erzielt. Dazu gehören die Erfolgsmarken Nescafé und Nespresso.

Viele Jahre lang habe sich Nestlé diese Schwäche im US-Markt nicht eingestehen wollen, weiss der Chemiker Yeretzian, der selber während langer Zeit für Nestlé tätig war. Es gab ein Selbstverständnis, mithilfe von Innovationen das Wachstum aus eigener Kraft zu stemmen. Von diesem Grundsatz ist der Konzern unter Schneiders Führung nun offensichtlich abgerückt.

Nach den beiden genannten Übernahmen stärkt Nestlé das US-Kaffeegeschäft über eine Lizenzvereinbarung mit dem der Rösterei und Kaffeehaus-Kette Starbucks weiter. Gegen eine Vorauszahlung von 7,2 Milliarden Dollar sichert sich der Multi die weltweiten Vertriebsrechte aller Kaffeemarken und anderer Starbucks-Produkte im Einzelhandel – also ausserhalb der vom Abkommen nicht tangierten Starbucks-Cafés.

Damit gewinnt Nestlé ein zusätzliches jährliches Umsatzvolumen von rund 2 Milliarden Dollar, das sich zu rund 90 Prozent auf die USA konzentriert. An der Börse kam das Geschäft gut an. Die Nestlé-Aktien legten um 1,7 Prozent auf gegen 78 Franken zu. Die Starbucks-Papiere avancierten sogar um fast 3 Prozent. Eine Mehrheit der Finanzanalysten sieht in der Transaktion bedeutende Vorteile für beide Seiten. Während Nestlé von der Beliebtheit der Starbucks-Marken bei den US-Konusmenten profitiere, ziehe Starbucks Nutzen aus den Kompetenzen von Nestlé im Einzelhandelvertrieb.

Nestlé stoppt Werbung wegen Sexismus-Vorwürfen

Es war lustig gemeint, doch die Internet-Community hatte kein Erbarmen. Vor einigen Tagen kam es auf den sozialen Medien zu einem so genannten Shitstorm gegen Nestlé in Marokko. Stein des Anstosses war eine Onlinekampagne des Nahrungsmittelmultis unter dem Namen Baghi Ntzewej – zu Deutsch: Ich will heiraten.

In der Mini-Webserie muss eine Gruppe von Frauen um die Gunst eines Junggesellen buhlen. Als Richterin agiert dessen Mutter. Um die geeignetste Braut für ihren Spross zu finden, beurteilt sie die Koch- und Haushaltsfähigkeiten der Damen. In der ersten Episode müssen die heiratswilligen Frauen einen Dessert mithilfe von Nestlé-Kondensmilch kreieren. Als Inspiration galt die französische Fernseh-Show «Qui veut épouser mon fils?» – «Wer will meinen Sohn heiraten?».

Der Aufschrei war gross. So gross, dass Nestlé sich gezwungen sah, die Kampagne zu stoppen. «Marrocco World News» berichtet von einer «Kritik-Lawine», die über Nestlé gerollt sei. Der Hashtag #ShameOnNestle (Schande über Nestlé) machte online die Runde. Der Konzern bediene Klischees und Stereotype. In einer Medienmitteilung schreibt Nestlé, dass man es zu tiefst bedaure, dass die Serie möglicherweise eine Gruppe von Menschen schockiert habe.

Dies sei offensichtlich nicht die Intention gewesen. Gleichzeitig weist Nestlé im Communiqué auf die wichtige Rolle von Frauen im Unternehmen hin. Man sei besonders wachsam, was die Rolle von Frauen in der Firma angehe. 52 Prozent des Personals in den Marokko-Büros seien weiblich, und im Management seien es 37 Prozent. Weniger feminin sieht es hingegen am Hauptsitz in Vevey VD aus: Während im Verwaltungsrat der Frauenanteil immerhin 35 Prozent beträgt, sitzt in der dreizehnköpfigen Geschäftsleitung mit der Amerikanerin Wan Ling Martello lediglich eine Frau.

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