General Electric (GE) will den Alstom-Sitz in Baden schliessen und die Aktivitäten nach Belfort verlegen. Das meldet die französische Wirtschaftszeitung «Les Echos». In einem der «Nordwestschweiz» vorliegenden vierseitigen Schreiben des GE-CEO Jeffrey Immelt an Frankreichs Präsidenten François Hollande werden entsprechende Pläne entwickelt. Ein Sprecher von Alstom Schweiz wollte den Inhalt des Briefes am Freitag nicht kommentieren.

In Belfort produziert der US-Konzern bereits seit Jahren seine Gasturbinen. Dieser Sitz soll «der europäische Sitz des thermischen Kraftwerkgeschäfts werden». Der weltweite Hauptsitz des Kraftwerkgeschäfts von GE befindet sich in den USA.

Damit wären gleich 4000 Jobs in Baden gefährdet. Nach der Übernahme des Gasturbinengeschäfts von ABB hatte Alstom den Sitz seiner grössten Sparte «Thermal Power» nach Baden verlegt. Im letzten Geschäftsjahr spielten die 36 000 Angestellten dieser Sparte 45 Prozent des gesamten Alstom-Umsatzes ein. Neben Gasturbinen produziert Alstom auch Turbinen für Kohle- und Atomkraftwerke. Und in der gleichen Sparte sind auch die Service-Aktivitäten für diese Turbinen zusammengefasst.

Zückerchen für Frankreich

In seiner Präsentation vom Mittwoch hatte die Alstom-Spitze bereits signalisiert, dass General Electric der stärkere Partner bei den Gasturbinen ist. Das könnte nicht nur für den Standort Baden, sondern auch für die Fertigung dieser Turbinen in Birr haben negative Folgen haben.

Der GE-Verwaltungsrat verteilt in seinem Schreiben noch mehr Zückerchen, um die französische Regierung milde zu stimmen. Im Kern geht es darum, so viele Stellen wie möglich in Frankreich zu sichern, unabhängig davon, ob dafür weitere Alstom-Stellen in Drittländern wie der Schweiz geopfert werden. So soll der weltweite Sitz des Geschäfts mit Wasser-, Dampf- und Windturbinen nach Frankreich verlegt werden. Und «die hoch qualifizierten Stellen in der Entwicklung und in der Produktion» sollen in Frankreich zusammengefasst und ausgebaut werden.

Ob diese Zückerchen schon ausreichen, um die französische Regierung milde zu stimmen, ist offen. Industrieminister Arnaud Montebourg pokert jedenfalls weiter und wird versuchen, die Zahl der Alstom-Stellen in Frankreich zu maximieren - auch wenn das auf Kosten anderer Standorte geht. Der französische Staat hält keine Anteile an Alstom mehr und kann deshalb lediglich noch auf wirtschaftspolitischer Ebene, beispielsweise über die Bestellungen der staatlichen Eisenbahn und Versorger Druck aufbauen.

Regierung wurde spät informiert

Etwas pikiert ist man in der französischen Regierung auch darüber, dass man erst so spät über die Gespräche zwischen General Electric und Alstom informiert wurde. Alstom-CEO Patrick Kron soll gemäss einem Bericht von Bloomberg Jeffrey Immelt, den CEO von General Electric vor drei Monaten angegangen sein, und bei einem informellen Dinner die Möglichkeit einer Fusion ausgelotet haben.

Kron seinerseits wollte bei einem Gespräch mit Montebourg, das im Februar stattgefunden hatte, mit dem Minister lieber über weitere Zugbestellungen der französischen Staatsbahnen und Exporthilfe für die Alstom-Züge sprechen - und nicht über den Verkauf des gesamten Kraftwerk- und Turbinengeschäfts an die Amerikaner. Kron soll dabei zugesagt haben, es werde nicht über eine Allianz verhandelt.

Minister war nicht im Bilde

Kron war am 23. April in Chicago, um die letzten Details mit den Amerikanern zu besprechen. Der überaus wichtige Aktionär Bouygues, der 29 Prozent an Alstom hält, war ebenfalls schon früh eingeweiht, und hatte seine Zustimmung zum Verkauf des Alstom-Kraftwerkgeschäfts an GE gegeben. Nach der Feinabstimmung wollte die Alstom-Spitze zunächst die französische Regierung vorab informieren und am vergangenen Montag dann an die Öffentlichkeit treten.

Allerdings platzte die Bombe vorher durch einen Bericht von Bloomberg - und Kron musste sich auf ein frostiges Gespräch mit der französischen Regierung einstellen. Denn die dementierte zuerst den Deal mit GE, weil Minister Montebourg glaubte, es gehe nur um eine strategische Allianz. Und Alstom verbreitete nach dem Bloomberg-Bericht die Meldung, das Unternehmen sei gar nicht über ein allfälliges Angebot informiert.