Medienmonitor

«20 Minuten» lässt die SRG hinter sich – doch die Studie sorgt auch für Kritik

Die Redaktionsräume von «20 Minuten» in Zürich. Keystone

Die Redaktionsräume von «20 Minuten» in Zürich. Keystone

Die Zeitung «20 Minuten» hat am meisten Einfluss auf die Meinungsbildung von Herrn und Frau Schweizer. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung im Auftrag des Bundes.

Die Gratiszeitung hat sogar mehr Einfluss als einzelne SRG-Sendungen. Jedenfalls lautet so das Resultat einer Studie, die das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) am Dienstag präsentiert hat. Das Forschungsbüro Publicom hat die Forschung durchgeführt. Der «Medienmonitor», der daraus entstanden ist, gibt Auskunft über den Einfluss verschiedener Mediengattungen und Medienmarken auf die Meinungsbildung in der Schweiz und in den Sprachregionen.

Vor allem bei jungen Menschen zwischen 15 und 29 ist «20 Minuten» beliebt. Der Grund dafür liege auf der Hand, sagt die Kommunikationswissenschafterin Corinne Schweizer, die als Oberassistentin an der Universität Zürich arbeitet. «Die Zeitung hat sich gut auf die Bedürfnisse der vielen Pendlerinnen und Pendler eingestellt: Sie ist morgens griffbereit an den Bahnhöfen, bietet News und Unterhaltung auf dem Arbeitsweg und vermeidet eine Überanstrengung mit zu detaillierten Informationen», fasst sie zusammen.

Dass Kurznachrichten immer beliebter werden, ist laut Schweizer kein neuer Trend. Zum Beispiel würden Politiker im Fernsehen heute viel weniger Redezeit erhalten als früher. Gerade junge Leute seien heute eher «Info-Scanner», die sich vor allem an Headlines orientieren und gerne kurze Videos schauen», sagt Schweizer.

Dies sei vor allem deswegen ein Grund zur Sorge, weil bei Kurznachrichten viel Substanz verloren gehe. «Statt abzuwägen und Hintergründe zu erklären, wird die Botschaft auf eingängige Schlagworte verkürzt.»

Kritik an Studie

Der «Medienmonitor Schweiz» muss aber mit Vorbehalt betrachtet werden. Das rät jedenfalls Heinz Bonfadelli, emeritierter Professor für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich.

Die Resultate der Studie setzten sich aus der Reichweite des Titels und der Bewertung durch die Nutzer zusammen, erklärt Bonfadelli. «Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Leser eines Titels den Titel bewerten, den sie auch lesen. Dementsprechend wird der Titel meist gut bewertet, sonst würden sie ihn ja nicht lesen», so Bonfadelli. Bei der Studie sei also nicht der reale Einfluss auf die Meinungen der Bevölkerung gemessen worden. Für den Spitzenplatz von «20 Minuten» sei eher die Reichweite verantwortlich, nicht die tatsächliche Relevanz. «Über den Einfluss eines Mediums entscheidet viel mehr, wie ein Medium mit seinen Meinungsartikeln die meinungsführenden Personen, sprich die Politiker, beeinflusst», bemängelt Bonfadelli. Dies sei von dem Medienmonitor aber nicht gemessen worden.

Wegen der grossen Reichweite habe «20 Minuten» aber eine grosse Verantwortung. Die Gratiszeitung nehme diese Verantwortung meistens gut wahr. In vielen Artikeln kämen Leserinnen und Leser zu Wort, und explizite Meinungsäusserungen seien selten.

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