Er sah sich bereits als Stabschef des Weissen Hauses. Sein wichtigster Auftraggeber aber, der neu gewählte Präsident Donald Trump, hatte für Michael Cohen keine Verwendung. Die Türen des Regierungssitzes blieben für den New Yorker Anwalt, der im Wahlkampf den Ausputzer Trumps gegeben hatte, überraschenderweise verschlossen. Cohen, gross geworden in einem Milieu, in dem Herausforderungen als Chancen wahrgenommen werden, sattelte deshalb um und ging umgehend als Politberater auf Kundensuche.

Dabei warf er insbesondere seine angebliche Nähe zum neuen Präsidenten in die Waagschale. Als geschäftliches Vehikel diente ihm eine Firma mit dem Namen Essential Consultants LLC, die er im Oktober 2016 im Bundesstaat Delaware gegründet hatte – und über die Trumps Vertrauensanwalt kurz vor dem Wahltag auch die Zahlung eines Schweigegeldes von 130 000 Dollar an die Porno-Darstellerin Stormy Daniels abgewickelt hatte.

Mit einiger Verspätung zeigt sich nun: Cohens Karriere als «Trump-Versteher» war äusserst lukrativ, auch wenn er nun vor einem Scherbenhaufen steht. Michael Avenatti, der Anwalt von Stormy Daniels – die mit bürgerlichem Namen Stephanie Clifford heisst –, veröffentlicht eine partielle Kundenliste der Firma Essential Consultants. Aus dieser Zusammenstellung lässt sich ablesen, dass Cohen die Telekomfirma AT&T, eine Investmentfirma im Dunstkreis des russischen Oligarchen Viktor Vekselberg, und einen südkoreanischen Rüstungskonzern beriet.

Ein weiterer Kunde von Cohen: Novartis. Das Basler Pharmaunternehmen hat inzwischen eingeräumt, dem Trump-Vertrauten von Februar 2017 bis Februar 2018 1,2 Millionen Dollar bezahlt zu haben. Novartis sei der Meinung gewesen, dass Cohen der Firma Auskunft über die gesundheitspolitischen Prioritäten der neuen Regierung geben könne, heisst es in einer schriftlichen Stellungnahme. Im März 2017 jedoch, nach dem ersten Treffen mit dem Weggefährten des neuen Präsidenten, sei Novartis zum Schluss gekommen, dass «Michael Cohen und Essential Consultants die antizipierten Dienstleistungen nicht erbringen kann». Also wurden die Geschäftsbeziehungen auf Eis gelegt. Der Vertrag allerdings bestand weiterhin, weil Novartis der Meinung war, dass kein zwingender Grund für eine fristlose Kündigung vorliege. Also überwies der Pharmakonzern dem Trump-Vertrauten weiterhin 100 000 Dollar pro Monat, bis zum Ablauf des Abkommens im Februar 2018.

Wer hat den Vertrag ausgehandelt?

Dieses Eingeständnis ist aus mindestens zwei Gründen aussergewöhnlich. Erstens besitzt Novartis in Washington ein gut aufgestelltes Team von Lobbyisten. Allein im 4. Quartal 2017 fielen in diesem Zusammenhang Ausgaben von 1,7 Millionen Dollar an. Warum der Pharmakonzern trotzdem der Meinung war, die Dienste eines zusätzlichen externen Beraters zu benötigen, wollte Sprecher Markus Jaggi nicht kommentieren. Jaggi gab auch keine Auskunft darüber, wer den Vertrag mit Cohen ausgehandelt und unterzeichnet hatte. Der Stellungnahme der Firma ist zu entnehmen, dass der amtierende Konzernchef Vas Narasimhan – der vor seiner Ernennung zum Konzernchef im Herbst 2017 Mitglied der Geschäftsleitung gewesen war – mit der Abmachung nichts zu tun hatte. Sein Vorgänger Joe Jimenez lehnte es gemäss der «New York Times» ab, eine Stellungnahme abzugeben. Die Online-Publikation «Stat» behauptete, Cohen habe Jimenez direkt kontaktiert.

Mueller kontaktierte Novartis

Aussergewöhnlich ist zudem, wie Novartis und Konsorten auf die Idee kamen, dass Cohen ihnen geschäftlich weiterhelfen könnte. Der 51-Jährige war zwar in der Tat ein wichtiger Helfershelfer des neuen Präsidenten, Büro im Trump Tower inklusive. Aber über den politischen Betrieb in Washington, die Komplexität des Gesundheitswesens oder die Arbeit der Aufsichtsbehörden im Telekomsektor wusste er nicht Bescheid.

Anwalt Michael Avenatti zeigt sich deshalb überzeugt: Cohen verdiente Millionen, indem er behauptete, er könne seinen Kunden Zugang zum Präsidenten verschaffen. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist deshalb wohl noch nicht gesprochen. Gegen Cohen laufen strafrechtliche Ermittlungen. Novartis gab diesbezüglich erstmals bekannt, bereits im November 2017 im Kontakt mit Sonderermittler Robert Mueller gestanden zu haben. Eine Anklageerhebung sei nur noch eine Frage der Zeit, behauptet Avenatti.