Briefmarken

Briefmarkenauktionator: «Das Sammeln ist eine Frage des Geldes»

Am 1. Juni kommt in Wil eine der wertvollsten Briefmarkensammlungen der Schweizer Geschichte unter den Hammer. Gesamtwert der Auktion: 13 Millionen Franken. Der Briefmarkenauktionator Peter Rapp spricht über Raritäten und Russen.

Benno Tuchschmid

Peter Rapp kehrt aus dem Tresorraum in sein Büro zurück und sagt: «Vielleicht gibt das etwas her fürs Foto.» In der Hand hält er einen Brief aus dem Jahr 1846 - frankiert mit dem «Basler Dybli». Rapp ist ein bescheidener Mann, der leise spricht und vor jeder Antwort lange überlegt. Aber das Staunen seiner Besucher entlockt ihm dann doch ein zufriedenes Lächeln.

Was ist dieses «Dybli» wert, Herr Rapp? «So viel, wie der Käufer zahlt.» 50000 bis 70000 Franken.

Fast vom Stuhl gefallen

Doch das ist nur ein Bruchteil dessen, was das Auktionshaus Rapp in Wil zwischen dem 1. und 4. Juni umsetzen wird. Briefmarken im geschätzten Wert von 13 Millionen Franken kommen dann unter den Hammer. 300 bis 400 Käufer werden im Auktionssaal in Wil mitbieten - Schweizer, Russen, Asiaten, Amerikaner. Dazu kommen mehrere tausend schriftliche Gebote, Telefon- und Internetbieter.

Herzstück der Auktion ist die Sammlung «Ticino», eine der wertvollsten Briefmarkensammlungen der Schweizer Geschichte (Wert 3 bis 4 Millionen Franken). Peter Rapp beugt sich weit über den Sitzungstisch seines Büros und sagt leise: «Diese Sammlung tauchte zum letzten Mal in den Fünfzigerjahren auf.»

Die «Ticino» war ein Phantom, an deren Existenz kaum mehr jemand glaubte. Bis Peter Rapp ein Telefon einer Sammlerfamilie bekam, «und sie mir sagten, sie hätten etwas für mich». Als er die Sammlung sah, sei er fast vom Stuhl gefallen, sagt Rapp und lehnt sich zurück.

Das Auktionshaus Rapp liegt in einem öden Industriegebiet in Wil und sieht von aussen aus wie ein Bunker, getarnt als Bürokomplex. Das Entree des Achtzigerjahre-Baus ist luxuriös: goldene Leuchten, Marmorböden, die Ostschweizer Version einer Donald-Trump-Immobilie.

In Peter Rapps Büro im dritten Stock gibt es keinen Schnickschnack, der ist für seine Kunden reserviert. Wer glaubt, Briefmarkensammeln sei ein Phänomen aus dem letzten Jahrhundert, das heute allenfalls noch Rentner ausüben, der täuscht sich.

«Natürlich hat heute nicht mehr jedes Kind ein Briefmarkenalbum, aber es gibt weltweit Zehntausende, die auf hohem Niveau sammeln», sagt Rapp.

Unter den hochkarätigen Sammlern sind seit dem Fall des Eisernen Vorhangs auch viele Russen. «Die kaufen zum Teil alles leer», sagt Rapp. Glasnost und Perestroika auch in der Philatelie. Etwas verknappt kann man sagen: Rapps Kunden sind reich. «Es ist nicht wegzudiskutieren: Das Sammeln ist eine Frage des Geldes», sagt er fast schon entschuldigend.

Warum sammelt man Marken?

Peter Rapp gilt als einer der versiertesten Briefmarkenexperten der Welt. Sein Grossvater war bereits Sammler, «er hatte auch das nötige Kleingeld dazu». Anfang der Siebzigerjahre begann Rapp als Auktionator, «in einer Zeit, als der Telex noch modern war». Heute ist die Peter Rapp AG eines der weltweit führenden Häuser.

Nur: Warum sammelt man überhaupt Briefmarken, das sind doch bloss mit Klebstoff versehene Papierchen? - «Hören sie mal, ich stelle Ihnen eine Gegenfrage: Wieso sammelt man Oldtimer, Teddybären, Gemälde oder Kaffeerahmdeckel?», sagt Rapp stirnrunzelnd.

Er hört die Frage nicht zum ersten Mal und findet sie auch nur wenig originell. Dann zieht er seinen Kittel an, für das Bild mit dem «Basler Dybli». Er hält den Brief in die Kamera, der vor über 160 Jahren an einen Herrn Ryhner in Basel adressiert wurde. «Der erste zweifarbene Druck und Prägedruck einer Briefmarke in Europa. Etwas vom Speziellsten, was es gibt», sagt Rapp. Und der bescheidene Auktionator lächelt wieder stolz.

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